Die Nicht-Weltmeister

Nun, da die deutsche N11 aus der WM18 sehr unrühmlich herausgeflogen ist, ist es vielleicht an der Zeit, einen großen Rundumblick auf den professionellen Männer-Fussball zu werfen.

Dafür gibt es eine Menge guter Gründe. Denn neben der unmittelbaren Enttäuschung beim blamablen Ausscheiden gab es sowohl in den deutschen Ligen als auch im europäischen Umfeld seit nun sehr langer Zeit Auffälligkeiten, über die man in einer Gesamtbetrachtung nachdenken muss – was natürlich auch permanent breitflächig geschieht.

Ein paar Auffälligkeiten sollen zunächst mal ohne jede Reihung gelistet werden:

  • Portugal wird mit überwiegend „unschönem“ Fussball (plus: Ronaldo) in 2016 Europameister
  • die Niederlande und Italien qualifizieren sich nicht für die WM18; die Niederlande, Dänemark und Griechenland schafften auch die Qualifikation für die EM2016 nicht, Frankreich musste sich als Ausrichter nicht qualifizieren
  • Polen schied bei der WM2018 ebenfalls mit schlechter Leistung in der Gruppenphase aus
  • die qualitative Vorherrschaft des spanischen Klubfussballs in den europäischen Wettbewerben ist spätestens seit den Nullerjahren, eigentlich jedoch seit vielen Jahrzehnten, in nahezu brutaler Hinsicht offensichtlich
  • die finanzielle Kraft der englischen Premier League, auffällig seit den 90ern, ist besonders im Vergleich zu den „mittleren“ europäischen Ligen nahezu beängstigend – die dadurch entstehende weltweit wirksame Sogwirkung auf Spitzenspieler und „Talente“ ist beobachtbarer Alltag spätestens seit den Nullerjahren
  • von Spanien und England abgesehen ist die Tendenz in beinahe allen europäischen Ligen seit Jahrzehnten gleichartig: ein einziger Verein (in seltenen Fällen auch mal zwei Vereine) ist „europäisch“ dauerhaft konkurrenzfähig – der Rest wird auf der europäischen Bühne bestenfalls als Kanonenfutter und Sparringspartner für die Gruppenphasen benötigt
  • innerhalb der weit überwiegenden Zahl der europäischen Ligen dominiert ein einziger Klub seit vielen Jahren, meist Jahrzehnten, das Ligageschehen
  • in den meisten europäischen Ligen haben „traditionelle“ Topklubs gegen den jeweiligen „Rekordmeister“ im Durchschnitt keine Chance auf Erfolg
  • nur in den klassischen Spitzenligen Spanien und England gibt es über die Gesamtsaison hin bis zur Saison-Endphase einen Wettbewerb mit mehr oder weniger offenem Ausgang (auch wenn es im Falle Spaniens eigentlich nur um Barca oder Real geht) – aber selbst in England mit bis zu sechs direkten Konkurrenten (und einer gelegentlichen „Überraschung“) zeichnet sich langjährig gesehen schon recht früh die Tendenz zu einem eindeutigen Favoriten ab, der sich vom Verfolgerfeld absetzt (und auch in der Premier League gibt es eine deutliche Tendenz hin zu einem oder zwei abgesetzten Spitzenklubs – im wesentlichen auch eine Folge von Besitzverhältnissen)
  • in Deutschland ist nach Beginn der Reorganisationsphase ab Anfang der Nullerjahre der professionelle Fussball zwar erfolgreich(er) und populär(er) (und ausgesprochen deutlich teurer) geworden und insofern war die geleistete Arbeit nicht nur notwendig, sondern auch erfolgreich – aber der Anschluss an die Qualität oder an den Umsatz von Spanien oder England wurde eindeutig verfehlt
  • auch der beste deutsche Klub (FCB) ist im europäischen Vergleich bestenfalls ein netter Sparringspartner für die letzten Acht der CL, aber eine Spitzenposition erlangt er gegen die spanischen Klubs genauso wenig wie alle anderen – und es sieht durchaus so aus, dass auch die Konkurrenz zu den finanzstarken englischen und einigen anderen europäischen Klubs (finanzielle Retortenklubs wie PSG z.B.) zuungunsten des FCB verläuft

Insgesamt ergibt sich ein Bild, nach dem eine qualitative und finanzielle Reihung in Europa entstanden ist, die vor allem seitens der deutschen Liga nicht mehr durchbrochen wird und auch nicht durchbrochen werden kann. Das wirkt sich anscheinend auch auf die Auswahlmannschaft der Männer des DFB aus. Nach dem Vortrieb durch die Reorganisation mit dem „Qualitätsgipfel“ 2012 bis 2014 (FCB CL, N11 Weltmeister) ist der allgemeine Antrieb in der Liga und bei der N11 erloschen bzw. aufgebraucht. Das gilt sowohl in der Breite der Liga (inklusive der 2. und 3. Profi-Liga) als auch für die Auswahlmannschaft an Spitzenspieleren (unabhängig von der Liga, in der sie spielen).

Im Nebenbei: während des „Qualitätsgipfels“ der Bundesliga war der BVB im Grunde der erfolgreichste Klub – der FCB hat zwar „mehr“ Titel, vor allem das „Triple“ in 2013, aber an sich hätte die innere Qualität unter Heynkes und Guardiola in 2012 („Finale dahoam“) und 2014 ebenfalls für den CL-Gewinn „locker“ ausreichen müssen und 2015 bis 2018 wäre auch ein europäischer Erfolg wichtig gewesen… und es reichte dann doch nur für einen einzigen Erfolg (und das auch „nur“ gegen den BVB). Das ist auch für den FCB und seine Ansprüche bei weitem zu wenig!

Dies gilt keineswegs nur für die deutsche Fussballszene, sondern eindeutig auch für die Masse der anderen europäischen Ligen (s. z.B Italien, Niederlande).

Es sieht so aus, als hätte sich der professionelle Fussballsport in den jeweiligen nationalen Ligen auf jeweils hohem finanziellem Umsatz und Entlohnungs-Niveau bei abflachendem qualitativen Leistungsbild bequem eingerichtet und vermeidet alles sportliche Erfolgsstreben, das wohl auch nichts über das bequem Erlangte hinaus einbringen würde.

Die Frage ist, ob und wie lange das Zahlvieh außerhalb von Spanien/England sich das Spielchen noch bieten läßt.

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