A-Kader und B-Noten-Berufene

(mit einigen Nachträgen aus der Zeit danach)

Durch die tagesaktuelle Begleitung des Vorfalls ging es hier im Beitrag durch diverse Nachträge ein bisschen drunter&drüber – im Nachgang wurde die Angelegenheit zeitlich ein wenig sortiert und in „Reihe“ gebracht. Das Ende des Vorgangs hier ist das letzte Spiel der Gruppenphase, zugleich das WM-Aus – in den Medien dauert der Vorgang weiterhin an (Stand Mitte Juli, und ein Ende ist nicht in Sicht), was meiner Meinung nach hauptsächlich daran liegt, dass nach wie vor „die Medien“ wie üblich zwar eine Skandalisierungs- und Sensationalisierungsabsicht verfolgen, aber an einer tatsachenbezogenen Analyse überhaupt nicht interessiert sind. Und die dauererregte Öffentlichkeit folgt den Medien bei diesem bösen Spiel.

 

Es ist Sommer 2018, in wenigen Wochen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Der DFB und der beauftragte Kaderverantwortliche hatten Mitte Mai den vorläufigen Kader einzuberufen – das ist ein wichtiger Termin für Fußballdeutschland, sogar für die gesamte Fußballwelt und es richten sich sehr viele Augen überall auf der Welt auf die Auswahlmannschaft. Denn diese Mannschaft ist amtierender Weltmeister, seit vielen Jahrzehnten einer der Favoriten in den Endrunden und es gilt für viele nichtdeutsche Fußball-Liebhaber, dass die deutsche N11 in der Endrunde einer der maßgeblichen Prüfsteine für die je eigene Mannschaft sein wird. Da schaut dann natürlich die gesamte Welt sehr genau auf den DFB, den Bundestrainer und jeden einzelnen der berufenen Spieler. Es ist auf alle Fälle ein sportlich extrem bedeutsames Event, das überhaupt nicht überschätzt werden kann in der globalen Breitenwirkung. Die Frage allerdings, die sich im Mai 2018 stellte, war und ist, ob es sich nur um ein „sportliches“ Event handelt.

Denn absolut passgenau zum Termin der Berufung am 15. Mai 2018 geschah drei Tage vorher,  am 13. Mai, etwas, was den sportlichen Glanz der Berufung des nationalen Auswahlkaders ziemlich abseitig abdunkelte.

An diesem Tag nämlich haben zwei sehr verdiente und erfahrene Spitzenspieler, einer davon amtierender Weltmeister und der andere häufig und gerne in die Auswahlmannschaft berufen, ein persönliches politisches Zeichen zugunsten von Herrn Erdoğan, dem türkischen Staatsoberhaupt, öffentlich abgegeben. Die Aktion fand in London statt im Rahmen einer Charity-Veranstaltung, die wiederum wohl angesetzt und betrieben wurde als typische Auslandswahlveranstaltung des politischen Führers der AKP. Solche Veranstaltungen sollen keine offensichtliche Wahlkampfveranstaltung sein, weil das wiederum im Ausland eher ungerne gesehen wird, da sie die jeweils im Lande lebenden Türken schon beinahe traditionell in Unruhe versetzen und sich dann irgendwo im Ausland Türken über innerstaatliche Probleme der Türkei gerne die Köpfe einschlagen und der Gaststaat sich dann mit dieser Aufregung herumschlagen muß. Auch in Deutschland wurde der Türkei schon untersagt, einen Auslandswahlkampf zu veranstalten. Also machen die AKP und ihr Chef stattdessen „Charity“-Events mit irgendwelchen positiven Förderprogrammen, die möglichst gut aussehen sowohl für den Gaststaat als auch für die Türkei. Am Rande solcher Veranstaltungen finden dann immer diverse PR-Maßnahmen aller Art statt. Und eine dieser Maßnahmen war, dass Ilkay Gündogan und Mesut Özil dem türkischen Staatspräsidenten Trikots ihrer Premier League-Mannschaften mit Autogramm und Widmung überreichten und bei dieser Aktion fotografiert wurden. Selbstverständlich ging es dem wahlkämpfenden Erdoğan genau um solche PR-Maßnahmen – diese Fotos wurden sofort in den internationalen und nationalen Propaganda-Orbit geschossen. Zwei weltbekannte Fußballstars, einer davon Weltmeister mit der deutschen Auswahlmannschaft, beide beschäftigt bei Spitzenclubs der Premier League mit weltweitem, riesigen Fan-Anhang als politische Unterstützer für Herrn Erdoğan – das ist für PR-Leute ganz klar so etwas wie der heilige Gral des Werbe-Impacts. Wahrscheinlich hat die ganze Aktion nur ein paar Sekunden, vielleicht auch wenige Minuten gedauert und für die beiden Spieler war das vermutlich nur einer von verschiedenen Terminen im Zeitraum, für die sie von ihren PR-Agenten gebucht wurden. Gündogan hatte auf das Trikot noch eine direkte Widmung gesetzt, die ausweislich der Werbefotos ungefähr lautete: „Mit Respekt für meinen Präsidenten“ . Soweit es öffentlich bekannt ist, besitzt Herr Gündogan sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft, während Herr Özil auf diese sogenannte „doppelte Staatsbürgerschaft“ schon vor geraumer Zeit verzichtete (öffentlich).

Nachtrag (1 Monat nach Veröffentlichung): obwohl es im Zusammenhang nicht wichtig oder bedeutsam ist, kann hier nachgetragen werden, dass auch Herr Gündogan wohl nur über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügt (derzeit). Durch den Vorfall veranlaßt gingen einige Medienvertreter dieser Sachfrage nach und klärten dann in verschiedenen Medien über den korrekten Sachverhalt auf. Unter anderem aufgrund des Medieninteresses bestätigte Herr Gündogan (bzw. wahrscheinlich eher seine Medienvertreter) den Sachverhalt öffentlich. In gewisser Hinsicht wird dadurch allerdings die handschriftliche Widmung Gündogans noch dubioser – hätte er über die missliche „Doppelte Staatsbürgerschaft“ verfügt, wäre die Wendung „mein[..] Präsident“ tatsächlich nicht mehr als ein dürres Faktum gewesen, da die „Doppelstaatler“ nun einmal korrekt zwei verschiedenen staatlichen Systemen angehören. Damit wäre die Widmung, selbst wenn man sich von ihr gestört fühlen würde, formal überhaupt nicht zu beanstanden gewesen. Diese höchst eigenartige Folge doppelter Staatsangehörigkeiten war eine der vorhergesagten Auswirkungen bei dem langen Streit um die Einführung der doppelten Staatsangehörigkeit – und die Gegenposition bei dem politischen Streitfall war damals diejenige, dass diese Folge überhaupt keine Rolle spiele, da diejenigen, für die eine doppelte Staatsangehörigkeit aus verschiedensten Gründen in Frage komme, auch ohne eine doppelte Staatsangehörigkeit ihre ferne „Heimat“ und das dortige politische Regime durchaus typischerweise als das „ihre“ betrachten und sich damit identifizieren. Diese seltsame Parallelität staatlichen Zugehörigkeitsgefühls als normaler Sachverhalt ist, wie auch dieser Vorfall einmal mehr zeigt, als Feststellung eine völlig realistische Perspektive auf migrantische Lebensverhältnisse in den Immigrationsstaaten – auch noch in dritter oder vierter Generation. Und das selbst bei Menschen, die bestens „integriert“ und höchst erfolgreich sind in ihrem Immigrationsland (bzw. „ihrem“ Land, in das hinein ihre Eltern oder Großeltern migrierten).

Die Folge war natürlich klar und von wirklich absolut jedem vorherzusehen. Die Nachricht explodierte im öffentlichen Raum der Bundesrepublik wie eine Atombombe und rief ungeheuerlich viele Reaktionen hervor – keineswegs nur von Politikern (inklusive der Bundeskanzlerin), dem Verband oder den Medien, sondern natürlich auch von allen Fußballanhängern. Und da Spieler eines nationalen A-Kaders einer Auswahlmannschaft betroffen sind und zwar kurz vor dem wichtigsten Turnier in dieser Sportart, haben eigentlich auch alle nicht am Fußball Interessierten sehr klar und deutlich ihre Meinung geäußert. Bis auf wirklich sehr wenige Anteile war die allgemeine Reaktion hinsichtlich dieser PR-Aktion der beiden Spieler in der Bundesrepublik ausgesprochen negativ – und selbst die ziemlich Wenigen, die die Aktion öffentlich entproblematisierten, taten das argumentativ vor einem Hintergrund, der die Handlung als „ungeschickt“ darstellte.

In der Folge äußerte sich nur Herr Gündogan öffentlich (wobei es für Özil relativ „typisch“ ist, sich öffentlich nicht zu äußern). Gündogan verwies darauf, dass die Aktion keinen „politischen“ Hintergrund gehabt habe, im wesentlichen als „Höflichkeit“ und „Respekt“ vor einem amtierenden Staatspräsidenten zu verstehen sei und stellte seine persönliche Beteiligung in einen familiären Zusammenhang, im besonderen zu denjenigen Teilen seiner Familie, die in der Türkei leben. Diese Presseerklärung war völlig erwartbar und entsprach einer typischen professionellen Agentur-Reaktion. Natürlich kann das die PR-Aktion nicht ungeschehen machen und es bedeutet auch nichts für die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit.

Vom DFB äußerte sich kurz nach Veröffentlichung der Bilder bei „Bild“ der Präsident (Grindel) und der Sport-Direktor (Bierhoff). Beide verurteilten die PR-Aktion als falsch und nicht angemessen für einen Spieler der Nationalmannschaft. Während Grindel eher im Allgemeinen blieb mit seiner Kritik, charakterisierte Bierhoff die Aktion als „ungeschickt“. Mit dem eher generellen Ton der Kritik war schon ziemlich deutlich, dass von seiten des DFB keine besondere Reaktion auf die PR-Maßnahme folgen würde (vom recht albernen „wir werden mit den Spielern nochmal reden“ abgesehen). Endgültig und wahrheitsgemäß hat sich dann der Bundestrainer Joachim Löw bei der Nominierung des vorläufigen Kaders positioniert. Befragt, ob er die Aktion zum Anlass genommen hätte, über die Nominierung der beiden Spieler nachzudenken, antwortete er brutal und deutlich: „Keine Sekunde lang“. Und nominierte sie dann völlig selbstverständlich.

Man darf völlig sicher davon ausgehen, dass sowohl Herr Gündogan als auch Herr Özil von Joachim Löw auch in den endgültigen Kader berufen werden. Sie werden auch vermutlich und soweit man die mannschaftliche Konzeption des Trainerteams kennt als „Stammspieler“ eingesetzt werden. Mesut Özil wohl in jedem Fall, denn für Löw ist Özil seit vielen Jahren eine gesetzte Konstante im Mannschaftsgefüge und Gündogan ist allermindestens einer der wichtigen Spieler im Mittelfeld.

Zu keiner Sekunde also wurde durch den Kaderverantwortlichen ein Gedanke daran verschwendet, ob man diese beiden Spieler für die nationale Auswahlmannschaft nominiert oder nicht. Dasselbe dürfte auch für das Präsidium des DFB gelten, unabhängig von den lauen Presseerklärungen zum Sachverhalt. Da Herr Löw diese beiden Spieler für unverzichtbar für den sportlichen Erfolg der Mannschaft hält, war jede Diskussion von vorneherein beendet.

Das ist eine durchaus interessante und lehrreiche Erkenntnis.

Seitens „nationaler“ Spitzenverbände wird ja immer wieder mit außerordentlich vollmundigen Worten die Wichtigkeit des Sports für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Gesundheit, die vielfältigen positiven sozialen und sogar politischen Auswirkungen auch und gerade von Leistungssport gesprochen. Auch wird gerne verwiesen auf die „Vorbild“-Funktion der Leistungsträger in den Auswahlkadern und wie wichtig allen Verbänden eine an den Grundwerten der bundesrepublikanischen Gesellschaft und staatlichen Ordnung orientierte Haltung ist – speziell der Funktionsträger und der sportlichen Repräsentanten.

So verwirklicht sich also das Funktionärs- und Verbandsgeschwätz „auf dem Platz“. Dann, wenn mal einer der Spitzenprofis den nationalen Auswahlkadern so richtig klar und deutlich aufzeigt, was er/sie von dem ganzen „nationalen“ Brimborium hält, dann passiert von seiten der Spitzenfunktionäre der Spitzenverbände…. gar nichts.

Warum auch?

Es geht ja um Leistung auf dem Platz, um die vorderen Plätze, um die Trophäe. Der ganze restliche Klamauk ist nur opportunes Geschwätz, das für keinen der gewählten Verantwortlichen von Belang ist. Man muß in der Rückschau diverse Maßnahmen des Bundestrainers vielleicht auch anders bewerten – wenn er in der Vergangenheit Spieler wegen „charakterlicher Mängel“ aus dem Kader gestrichen hat, dann dürfte das eher so zu interpretieren sein, dass diese Spieler nicht seinen Weisungen und Forderungen entsprochen haben (bei Kruse etwa hatte sich Löw ausdrücklich auf die „Vorbildfunktion“ berufen – aber wesentliches Element dürfte wohl doch eher gewesen sein, dass Löw Herrn Kruse wohl mehrfach gesagt hat, was er in den Medien von ihm zu lesen bereit war – was aber dann durch Kruse eher wenig berücksichtigt wurde).

Hinzu kommt natürlich auch immer, dass Löw als Trainer und Mensch zweifellos an „Prinzipien“ orientiert ist, die er für sich und sein Team auch mit langfristiger Bindung aufstellt und zu verwirklichen sucht. Das bedeutet eben auch, dass er (bei entsprechender Minimal-Fitness) an Spielern, die er für unverzichtbar hält für seine Spielauffassung, klar und offen festhält.

Es gibt bei dieser an sich durchaus nachvollziehbaren und löblichen Einstellung ein kleines Problem bei der Causa „Löw“. Er mag nach langem, langem Anlauf ja durch den Weltmeistertitel „unangreifbar“ geworden sein – aber nach dem Titel wird anscheinend gerne vergessen, dass er niemals „unfehlbar“ war und ist (was er selbst auch entschieden zurückweisen würde). Er hat verschiedentlich Kaderentscheidungen getroffen, die mindestens fragwürdig waren, eigentlich aber klar falsch. Zu erinnern wäre etwa an die Nominierung und Aufstellung von eindeutig physisch/mental unzureichenden Spielern (Schweinsteiger 2012 etwa, oder Boateng 2016 und durchaus etliche andere). Das hat in der Vergangenheit mehrfach zu Turniermisserfolgen beigetragen, wenn nicht sogar sie verursacht – zuletzt und vielleicht sogar am deutlichsten bei der EM2016 (meine Meinung zu diesem verschenkten Turnier hatte ich schon aufgeschrieben). Mit anderen Worten: Löw ist in seiner Kaderauswahl keineswegs fehlerlos gewesen, sondern im Gegenteil lag er mehrfach falsch.

Die Ignoranz gegenüber den fundamentalen Prinzipien bei einer Auswahl von Nationalspielern ist ganz offensichtlich ebenfalls ein Fehler von Herrn Löw. Auch dieser Fehler wird sich rächen.

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Nachtrag am Tag des letzten Gruppenspiels: Dies wird also der abschließende Nachtrag zum unangenehmen Thema, das sich aufgrund der Ignoranz des Kaderverantwortlichen auch noch zum Thema der gesamten Mannschaft entwickeln musste. Die deutsche N11 ist erstmals in der Gruppenphase ausgeschieden. Alle drei Spiele waren unmannschaftlich, zum Teil fahrig und in jedem Fall erfolglos in dem Sinne, dass die durchaus gegebene (theoretische und von den Möglichkeiten her) individuelle und mannschaftliche Überlegenheit überhaupt nicht ein- und umgesetzt werden konnte. Generell wurden vorne keine ordentlichen Tore im Spiel geschossen und hinten wurden Tore zum Teil unnötig kassiert. Damit kann keine Mannschaft der Welt irgendwohin kommen.

Am besten nutzt der DFB nun die Gelegenheit zum Neuanfang in verschiedenen Hinsichten: zum Einen muss eine Besinnung des Präsidiums dahin erfolgen, dass eine wichtige Grundlage für eine Nominierung in den nationalen Kader strikte politische Neutralität sein muss – dies ist in die Berufungsprüfung als grundlegendes Prinzip bewußt zu verankern. Eigentlich: hat man sich wieder daran zu erinnern und zu besinnen. Zum Anderen: Der für den Misserfolg bei der EM16 und WM18 unmittelbar verantwortliche Bundestrainer ist zu entlassen (vermutlich zusammen mit seinem Stab). An der Notwendigkeit ändert auch der durchaus erfreuliche Erfolg beim CONFED-CUP17 nichts – die Bedingungen waren turnierbezogen einfach zu unterschiedlich gegenüber den wesentlichen EM/WM-Turnieren. Ein neuer Reiz durch einen neuen Trainerstab sollte bei den verfügbaren, vom Potential her nach wie vor sehr guten Spielern einen Neustart möglich machen.

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Weitere inhaltliche Ergänzung zum obigen Kurzkommentar:

Ich bitte zu berücksichtigen, dass hier mit keiner Silbe, mit keinem Wort und mit keinem Gedanken erwähnt, gemeint oder gefordert wird, die beiden betroffenen Spieler hätten irgendeine besondere Verpflichtung gegenüber der Bundesrepublik. Sie können selbstverständlich und ohne jeden Hintergedanken völlig frei und selbstbestimmt (auch) ihren politischen Meinungen folgen, selbstverständlich auch öffentlichkeitswirksam. Es gilt für sie, was für jeden Bundesbürger gilt.

Die Kritik der weit überwiegenden Öffentlichkeit an der PR-Aktion, die ich teile, richtet sich nicht gegen Person oder Meinung der Beteiligten der PR-Aktion, sondern ausschließlich an die Verantwortlichen für die Auswahl des Kaders. Nur der Kaderverantwortliche (und das Präsidium) ist hier der „Schuldige“, nicht die Herren Gündogan und Özil.

Näher ausformuliert ist dieser Vorbehalt in Leserkommentaren, zeitlich vor dem Nominierungstag gelegen, auf dieser unsinnigen disqus-Plattform, auf die die Süddeutsche Zeitung ihr Kommentarwesen verfrachtet hat (die sz war hier als Kommentarempfänger absolut reiner Zufall – es war einfach eine der überregionalen Medien, die die Nachricht verbreitete und eben nicht „Bild“ war). Weil solche abseitigen Plattformen wie disqus im Grunde nicht verlinkbar sind (aus prinzipiellen Gründen), füge ich die beiden Kommentare einfach mal hier ein (der zweite Kommentar wurde provoziert durch eine Antwort auf den ersten Kommentar, die darauf hinwies, dass nur Gündogan eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzt [was sich im Nachgang ebenfalls als unrichtig herausstellte, s.o. Nachtrag]):

Ich gehe mal davon aus, dass beide Spieler die sogenannte „doppelte Staatsbürgerschaft“ haben – in ihrem Fall also diejenigen Deutschlands und der Türkei.

Aber selbst wenn nicht: beide können selbstverständlich posieren, mit wem auch immer sie wollen. Sie können auch unterstützen wen auch immer sie wollen. Jeder der Beiden oder auch beide zusammen können selbstverständlich auch Herrn Erdoğan als „ihren Präsidenten“ anerkennen und die wirklich schöne Türkei als ihre Heimat ansehen.

Soweit ist das alles banal und unproblematisch.

Allerdings ist es genauso banal und unproblematisch, durch den DFB und seine Beauftragten aufgrund nicht weiter zu erläuternden Gründen nicht mehr für deutsche Auswahlkader berücksichtigt zu werden.

Ich bin sicher, dass beide hoch verdiente Spieler eine solche Entscheidung gerne mittragen werden und mit ihrer Aktion auch genau diese Reaktion herbeiführen wollten.

[..]

Wie schon geschrieben – es ist eigentlich egal, ob Herr Gündogan oder Herr Özil eine doppelte Staatsbürgerschaft ihr eigen nennen oder nicht. Als Bürger der Bundesrepublik brauchen sie nicht den Interessen des Landes zu folgen – keiner von uns Bürgern braucht das.

Allerdings braucht eben auch kein Bürger in „seiner“ Nationalmannschaft Spieler, deren Heimat eine andere und staatliches Zuhause ein anderes ist.

Ich kann die Beiden (und den Dritten im Bunde) gut verstehen. Das sind seit langen Jahren bestverdienende Spitzenfußballer mit internationalem Hintergrund. Sie gehören einem illustren Kreis sehr reicher Spezialisten an, die sich vergleichbar einem lukrativen, global agierenden Mittelstandsunternehmenschef dauerhaft in einem ortlosen Jet-Set-Ambiente bewegen. Irgendwelche „nationalen“ Befindlichkeiten haben für solche Leute nur noch Bedeutung innerhalb von Marketing-Kampagnen. Da ist auch ok so und einfach zu gönnen – im Gegensatz zu verdienstlosen Erben haben sie sich den Erfolg hart erarbeitet.

Aber mit ihrer Positionierung lassen sie dem Kader-Verantwortlichen beim DFB, der sehr wohl auf nationale Interessen und Befindlichkeiten, sogar auf charakterliche Eignung zu achten hat, praktisch gesehen keine Wahl. Wenn er sie ersetzen kann durch ähnliche Spieler, dann kann er sie nach dieser Positionierung nicht mehr berücksichtigen. Und natürlich gibt es genug ausreichend qualifizierte andere Spieler, die sehr gerne in der deutschen N11 und explizit *für* die Bundesrepublik spielen würden.

Aber wie es halt so ist in der Welt… wenn man Herrn Grindels Worten lauscht oder Herrn Bierhoffs Auslassungen… dann steht zu befürchten, dass selbst ein solcher Affront Herrn Löw nicht von der Nominierung der Beiden für den A-Kader abhalten wird. Möglicherweise müssen die beiden Unwilligen zu drastischeren Maßnahmen greifen – irgendwohin pinkeln und es dann auf Instagram posten (lassen) oder so was.

 

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Nachtrag (am letzten Tag in Eppan): Der DFB-Kader hat seine WM-Vorbereitungen im Vorbereitungslager in Eppan abgeschlossen und es beginnt nun in wenigen Tagen die WM. An diesem Tag machte Herr Bierhoff, der Sportdirektor des DFB und damit der ranghöchste DFB-Verbandsvertreter im/beim Kader, bei der Abschlusspressekonferenz noch einmal einige bemerkenswerte Aussagen zum Vorfall Gündogan/Özil. Dies war erforderlich, weil zwischenzeitlich einige Erkenntnisse aus dem öffentlichen Raum festzustellen waren, die dementsprechend sowohl zwischendurch als auch bei dieser PK von Journalisten angesprochen und nachgefragt wurden. Dabei handelte es sich um einen Sachstandskomplex, der zum Einen auf der grundsätzlich ablehnenden Haltung weitester Teile öffentlich kommentierender Fußballinteressierter beruht, die auch Wochen nach dem Vorfall keinesfalls von ihren Meinungen diesbezüglich abrücken – das ist zwischenzeitlich völlig offensichtlich geworden. Und zum Anderen beruht es auf eindeutigen Reaktionen des Publikums, die im Zusammenhang mit den beiden Spielern nicht durch Verbandsarbeit kontrolliert und beseitigt werden können: bei einem Testspiel während der Vorbereitungsphase gegen Österreich in Klagenfurt hatte es gegen beide Spieler beständige und laute Pfiffe gegeben aus dem im Grunde winzigen Block (ca. 500!) deutscher Fans, die ins Stadion in Klagenfurt gekommen waren. Das dürfte dauerhaft deutlich gemacht haben, dass der DFB und seine Sachwalter sich in der Sache massiv getäuscht haben hinsichtlich der Akzeptanz von Verhaltensweisen von Kaderberufenen durch deutsche Fußballanhänger. Es ist auch ganz klar zu erwarten, dass weiterhin in den Stadien klare Unmutsbezeugungen gegenüber den beiden Spielern durch Besucher vorkommen werden – zum Beispiel im anstehenden letzten Testspiel vor der Abreise nach Russland in Leverkusen. Aber damit wird es mit Sicherheit nicht genug sein – auch vor Ort in Russland wird es erhebliche Kontingente an deutschen Fans in den Stadien geben und auch nach Rückkehr (ob erfolgreich oder nicht) werden diese beiden Spieler von Anhängern der N11 bei jeder Gelegenheit ausgepfiffen werden. Und zwar auf Dauer. Hinsichtlich Özil hatte ein gar nicht so kleiner Teil der Fußballinteressierten über nun viele Jahre förmlich darauf gewartet, endlich einen klaren Grund in die Hand zu bekommen, diesen Spieler endgültig abzulehnen – denn seit seinen allerersten Einsätzen in der N11 gab es jede Menge Anhänger, die mit ihm als Spieler und vom Verhalten her (auf dem Platz) nie wirklich zufrieden waren. Auch wenn durchaus selbst die schärfsten Kritiker zugestanden, dass Özil bestimmte Fähigkeiten im Aufbau- und Zuspiel hat, die vermutlich einzigartig sind und mit Sicherheit fußballerisch höchste Qualifikation vorliegt, war andererseits vielen der Einsatz und die Durchschlagskraft nie genug. Für Gündogan galt diese Grundsatzkritik als BVB-„Liebling“ zwar in dieser Form nicht, aber nach seinem Weggang aus der Bundesliga (ausgerechnet) hinein in die Premier League (und dort auch noch in einen „bösen“ Verein) hat Gündogan unter den Vereinsanhängern in Deutschland auch keine wirkliche „Lobby“ mehr. (Am Rande notiert: hier wird nur eine einigermaßen fussballerische Kritik berücksichtigt – die leider ebenfalls feststellbare prinzipielle Ablehnung dieser und anderer Spieler aus rassistischen und/oder ausländerfeindlichen Gründen ist hier überhaupt nicht berührt und soll im Zusammenhang schon aus Abscheu nicht betrachtet werden)

Das alles hatte der DFB offensichtlich einmal mehr weder begriffen noch begreifen wollen und muß sich nun dem Sachverhalt stellen, dass viele seiner Mitglieder entschieden gegen die offizielle Linie des Präsidiums in der Sache opponieren und dies auch so bleiben wird. Dementsprechend wirkten Bierhoffs Aussagen in der beschriebenen Situation bei der PK erneut beinahe grotesk: er forderte, die Sache „abzuhaken“ und wies darauf hin, dass der DFB „alles“ (Notwendige) getan und „bearbeitet“ habe. Er meinte, dass es „jetzt reicht“. Was der DFB ausweislich Bierhoffs Äußerungen nicht begreifen will (nie wollte) ist, dass er als Verband das Fundament seiner Existenz, seine Mitglieder in den tausenden von Vereinen und die Fussball-interessierte Öffentlichkeit, nicht lenken und bestimmen kann. Es gibt in diesen und anderen Fragen sehr unterschiedliche Auffassungen dazu, was als geboten empfunden wird von den Verbandsfunktionären und „allen“ anderen. Das war und ist schon ausgesprochen deutlich geworden im Rahmen diverser „Skandale“ auch der letzten Zeit – auch wenn vieles völlig overhyped war hinsichtlich der Vorhaltungen in bezug auf die „Korruptheit“ des Verbandes war doch eindeutig klar, dass Verhalten und Meinung der DFB-Führung hinsichtlich etlicher „grundsätzlichen“ Fragen stark von dem abweicht, was die Basis des Fussballvolks wünscht und meint. Und es ist diese eigenmächtige Differenz der Funktionäre, die zur gegebenen dauerhaften Entfremdung führt und zu der beinahe offenen Feindschaft gegenüber beinahe allen als „Kommerz-Zwang“ empfundenen Maßnahmen des DFB der letzten Jahre.

Hinsichtlich des anstehenden Testspiels wird die Lösung also eindeutig nicht diejenige sein, die Herr Bierhoff fordert – die Kritik an den Spielern wird nicht verstummen. Mir persönlich ist das ausgesprochen unangenehm und ich würde selbst auch nicht „pfeifen“ oder sonstwie den Spielern gegenüber Unmut zeigen. Aber die Beiden sind nun mal diejenigen, die sichtbar auf dem Platz stehen – von Grindel oder Bierhoff ist auf dem Platz nichts zu sehen. Gegen den Bundestrainer selbst könnte man zwar „pfeifen“ – aber solange der Bundestrainer öffentlich noch nicht völlig abgewirtschaftet ist, kann man eben nicht zu einem „Elftel“ oder „Vierzehntel“ pfeifen. Und dort wo die schuldigen Verantwortlichen zu sehen sind, kontrollieren sie die Bedingungen und schotten sich in ihrer Scheinwelt der Entscheidungsmächtigkeit ab. Die „Lösung,“ die keine ist, wird sowohl beim Testspiel als auch in Russland wahrscheinlich sein, dass beide Spieler so selten wie möglich überhaupt auf den Platz geschickt werden. Das ist das supertolle Ergebnis der Kaderberufung durch Herrn Löw. Bravo.

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Nachtrag (nach dem letzten Testspiel gegen Saudi-Arabien): Es ist natürlich so gekommen, wie es vorauszusehen war – das Testspiel war insgesamt schwach, vor allem wieder wie gegen Österreich in der 2. Halbzeit. Alle Spieler wirkten unkonzentriert und „unmannschaftlich“. Das Leistungsniveau sank besonders auffällig nach der Einwechselung von Gündogan in der zweiten Halbzeit. Das geschah nicht ohne Grund und Ursache: wie vorhergesehen wurde Gündogan vom Einwechselmoment an selektiv ausgepfiffen bei jeder Aktion. Das wirkte sich sichtbar sowohl auf ihn selbst als auch auf seine Mitspieler aus.

Diese Mannschaft hat keine Chance bei der anstehenden WM und selbst wenn sie sich irgendwie durchspielt, sollte sie an sich auch keine haben.

Bezeichnend war Vor- und Nachlauf der Übertragung. Bierhoff wiederholte seine unsinnigen Forderungen aus der PK des Vortags, die Sache solle nun ein Ende haben, und Löw äußerte sich nach dem Spiel in genau gleicher Form. Sie haben ihren eigenen Fehler nicht begriffen und weigern sich auch aktiv, sich *ihrem* Fehler der Nominierung zu stellen. Damit tragen sie nicht nur die unmittelbare Verantwortung für die Fehl-Nominierung, sondern sie schädigen das Mannschaftsgefüge, mindern das Renommee der N11 und verursachen langfristige, weitergehende Entfremdungsprozesse. Das ist eine äußerst traurige Selbstdemontage, die sich da vor den Augen aller abspielt. Bierhoff sattelte auf seine bizarren Forderungen noch auf, indem er den Journalisten vorwarf, sie seien Schuld an der Mißstimmung, weil sie das Thema immer wieder ansprächen (… weil sie sonst keine Themen hätten). Das ist genau der DFB-Führungsebenen-Geist, der da aus Bierhoff sprach: wenn man die Dinge, die real die Umgebung bilden, nicht anspricht, dann gibt es sie auch nicht und man kann sich weiterhin der elitären Selbsttäuschung hingeben.

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Argumente/Meinungen in den Medien und Stellungnahme

Zu den Vorgängen gibt es eine Vielzahl von Kommentaren, sei es journalistischer Art oder von seiten der Leser. Dabei kann man eine ganze Reihe von Argumenten und Behauptungen finden, bei denen ein zusammengefasster Widerspruch lohnt:

Es wird behauptet, die Spieler sollen sich „erklären“ und ggf. „entschuldigen“ (öffentlich) – danach wäre dann alles wieder „gut“ und „erledigt“. Denn bislang sei das nicht (ausreichend / gründlich genug / sonstwas) geschehen.

Ich halte das für völlig falsch. Die Spieler haben nichts „falsch“ gemacht – es sind erwachsene Leute, die sich für eine Positionierung entschieden haben. Der Vorgang fand statt und ist nicht ungeschehen zu machen. Jede „Erklärung“ (wie etwa die Presseverlautbarungen durch Herrn Gündogan) ist nach dem Fakt nur reine Verteidigungstaktik, die in sich schon unglaubwürdig ist und ihn im Grunde nur selbst beschädigt. Der Vorgang bleibt in der Welt als Faktum.

Es wird darauf abgestellt, dass dies junge Leute seien (mit dem oftmals nicht ausgesprochenen Nebensinn, dass sie eben „doofe“/“naive“ Fussballtrottel seien) und die Implikationen ihres Tuns nicht überschauen konnten/können. Daher solle man sie einfach in Ruhe lassen.

Es gibt heute die reichlich seltsame Haltung, dass man sozusagen in ewiger unschuldiger Jugendlichkeit (sogar „Kindlichkeit“) verbleiben könne nach eigenem Gusto. Man kann „Berufsjugendlicher“ bis tief in die vierzigsten Lebensjahre hinein bleiben (oder länger). An sich ist das aber natürlich kompletter Unsinn – beide nehmen genau solche „Unbedarftheiten“ für sich eben nicht in Anspruch, eher das genaue Gegenteil, und beide sind seit langen Jahren jedweder Jugendlichkeit entwachsen und ohnehin in jeder Hinsicht zurechnungsfähig. Beide sind außerdem wie die ganz überwiegende Anzahl heutiger Fussballprofis bestens ausgebildet und geschult – sowohl im allgemein-schulischen Sinne als auch in allen Belangen ihres Berufs (inklusive Öffentlichkeitsarbeit). Sie wissen genau, was und warum sie etwas tun und in den meisten Fällen haben sie damit auch bewiesenermaßen größtmöglichen Erfolg. Wenn irgendwelche unbedarften Kommentatoren solchen höchst erfolgreichen Sports- und Geschäftsleuten Fahrlässigkeit im sozialen/politischen Umgang vorwerfen, dann zeigt das eher auf eigene Schwächen beim Kommentieren als auf andere Leute. Die beiden Stars wußten was sie taten und sie können das auch gut verantworten – brauchen das aber nicht öffentlich tun.

Kurz vor der Abreise des Kaders nach Russland äußerte sich auch die Kanzlerin öffentlich erneut zu den Vorgängen. Im Kern läuft ihr Argument auf die obige oft verwendete Aussage hinaus – nicht dass sie irgendwelche intellektuellen Defizite verantwortlich macht, sondern sie benutzte die schwächere Form, dass die Spieler nach ihren Feststellungen (sie hatte den Kader besucht und steht auch wohl ansonsten in mehr oder weniger direktem Kontakt) die Folgen ihres politischen Statements nicht überschaut hätten beziehungsweise auch nur im Entferntesten geahnt hätten. Deshalb müsse man, so die Kanzlerin, die Angelegenheit öffentlich nun hinter sich lassen – auch, weil aus ihrer Sicht die Öffentlichkeit die familialen Zwänge der Beiden nicht genügend berücksichtige. Das ist eine ehrenwerte Meinung und sie wiegt insofern auch schwerer als übliche Kommentare von Journalisten oder anderen, weil Frau Merkel im Gegensatz zu diesen Gelegenheit zum direkten Kontakt hatte. Andererseits läuft ihre Ansicht wie die obige Fassung des Arguments trotzdem auf ein unrealistisches und durchaus entwürdigendes Patronisieren der geschäftsfähigen und handlungsverantwortlichen betroffenen Personen heraus. Das kann keine argumentative Basis sein, das politische Statement anders zu bewerten als vorher. Außerdem ist natürlich die Interessengebundenheit der Bundeskanzlerin in dieser Sache offensichtlich – natürlich verfolgt sie sowohl aus durchaus zu unterstellender persönlicher Anteilnahme am Erfolg der Nationalmannschaft als auch als politischer Repräsentant das Ziel der Stabilisierung und Erfolgsorientierung des Kaders. Das ist verständlich, trägt aber zu einer Lösung des Vorfalls nichts bei. Es muss daher auch dieser Versuch der Relativierung und Beendigung der Problemlage zurückgewiesen werden.

Es wird behauptet, das Schädliche an dem Vorgang sei gewesen, dass es ein Zeichen politischer Unterstützung für „Erdogan“ gewesen sei. Nur weil es eben die Türkei sei, für die sie sich da positionierten, sei der Vorgang zu kritisieren (u.a., weil Erdogan / die AKP / die Türkei irgendetwas Schlimmes sei, was Bürger der Bundesrepublik nicht unterstützen dürften).

Das ist heller Unsinn. Es geht nicht um „irgendwen“. Eine öffentliche politische Positionierung im Wahlkampf von Herrn Trump, von Herrn Orban oder von Herrn/Frau Sonstwem (hier gerne auch unproblematische ausländische Politiker einsetzen) wäre genauso abwegig gewesen für einen aktiven Nationalspieler. Die politische Positionierung im öffentlichen Raum selbst war der Affront – und den kann man NICHT dadurch beseitigen, indem man ihn als „nichtpolitischen“ Vorgang bezeichnet, denn das eben kann er nach der geschehenen Positionierung nicht mehr sein. Und natürlich konnten sie es auch nicht „geheimhalten“ – dem wahlkämpfenden ausländischen Politiker ging es ja genau um die Publikmachung der politischen Unterstützung. Dabei gilt unbedingt wie oben mehrfach angemerkt zu beachten, dass jeder Bürger der Bundesrepublik das selbstverständliche Recht hat zu unterstützen, wen auch immer er will – es gibt dann aber eben auch Konsequenzen seines Tuns, die ein Bürger zu tragen hat. Zum Beispiel ist er dann nicht mehr tragbar in nationalen Auswahlkadern, da seine politische Neutralität im Ausland nicht mehr gewahrt ist (und als Auswahlspieler kann ihm und seiner Mannschaft das zum Schaden gereichen bei Auslandsspielen oder Turnieren). Übrigens ist das genau im Moment der Fall – wenn Teile der Fussballanhänger einen Kaderspieler ablehnen (egal warum), dann ist der maximale Schaden exakt eingetreten.

Weil auch Menschen mit klar rassistischen bzw. ausländerfeindlichen Motiven sich an der Kritik beteiligen, sei der Vorgang nun inhaltlich desavouiert und man solle es nun besser auf sich beruhen lassen. Verschiedene Abwandlungen zu dieser Aufforderung möglich: etwa, weil es nun bei der WM aufs Ganze geht, müsse man hier zurückstecken und auf „Unterstützung“ umschalten.

Das würde dem DFB gut passen, wenn man das so machen könnte. Verschweigen, vergraben, „nach vorne schauen“, nicht sunk costs hinterherweinen usw. So einfach wird man den Fehler bzw. mittlerweile die zahlreichen Fehler des DFB nicht los. Whataboutism hat noch nie irgendwas zur Ruhe gebracht.

Verschiedentlich wird wie häufig auch in anderen Fällen vorgebracht, der Vorfall sei doch gemessen an den vielen anderen Schlechtigkeiten des Fussballsports, vor allem bei der Verbandsarbeit, eine Belanglosigkeit. Wenn man die „ungeheuerlichen“ Schlechtigkeiten des DFB nicht kritisiere, dann solle man doch erst recht nicht diese Lappalie hochspielen. (Als Beispiele für die „Schlechtigkeiten“ wird wie üblich die Beteiligung an „Herrn Putins Jubelspielen“ oder die Bereitschaft zur Teilnahme an der WM im „Sklavenhalterstaat Katar (Qatar)“ genannt).

Es gäbe hierzu viel zu erwidern, was die radikale Unterschiedlichkeit der diversen Thematiken betrifft. Es kann aber hier einfach reichen, dass es sich dabei ebenfalls um einen typischen Whataboutism handelt, der hinsichtlich des Vorfalls weder etwas klärt noch auflöst noch überhaupt argumentativ belangvoll ist.

In verschiedenen Medien wird darauf hingewiesen, dass beispielsweise Herr Özil schon öfter in der Vergangenheit Fototermine mit Trikotübergabe zusammen mit „Erdogan“ veröffentlicht habe (etwa in der Zeit bei Real Madrid). Damals wäre das in der Öffentlichkeit nie irgendein Thema gewesen. Deshalb sei nun die Aufregung völlig verfehlt und offensichtlich künstlich angetrieben durch „?“ Motive (z.B.: Rassismus / Fremdenfeindlichkeit).

Das Argument ist nicht in Gänze zurückzuweisen. Zumindest insofern nicht, als es die Problematik für den Berufungsprozess des DFB möglicherweise in die Vergangenheit ausweitet. Es wäre in jedem Einzelfall zu prüfen, ob der jeweilige Fototermin als „politische Positionierung“ verstanden werden konnte bzw. ob er (z.B. von Herrn Erdoğan) so genutzt wurde. Wenn das der Fall war (was ohne genaue Prüfung ungewiss ist), dann hätte der Kaderverantwortliche schon in der Vergangenheit einen Berufungsfehler begangen. Wiederum gilt hier, dass die Herren Gündogan/Özil (oder andere) in solchen Angelegenheiten völlig frei in ihrem Tun sind. Auch ist hier eben nicht von Belang, ob es sich um den türkischen AKP-Vorsitenden handelt oder um irgendeinen anderen politischen Repräsentanten eines anderen Landes. Das Problem besteht nur und einzig allein für den DFB und seine Berufungskriterien. Deshalb ergibt sich auf jeden Fall ein klarer Unterschied zu allen anderen Fototerminen dieser Art, weil selbst dann, wenn „früher“ eine ähnliche politische Positionierung stattfand, diese öffentlich nicht dargestellt / kolportiert wurde (aus welchen Gründen auch immer). Der hier und jetzt in Rede stehende Vorfall ist aber gänzlich anderer Natur: hier wurde durch den wahlkämpfenden Politiker bewußt dafür gesorgt, dass die politische Unterstützung weltweit sichtbar wurde. Da liegt der Unterschied zu „früher“ – dem DFB wurde hier jede Möglichkeit der „Nichtkenntnisnahme“ von Dritten genommen (vielleicht ebenfalls bewußt und gewollt).

Am Tag vor der Eröffnung der WM äußert sich das DFB-Präsidium erneut. Die sogenannte Kommunikationspolitik habe nicht angemessen funktioniert (bei der Moderation der Affäre). Bierhoff sagte im Zusammenhang, er habe die Beendigungsdiskussion verursachen wollen – auch um den Druck von den Spielern zu ihm umzulenken. Grindel meint, die Kritik der Öffentlichkeit sei Folge der Änderungen der gesellschaftlichen Haltung seit dem Zustrom der Flüchtlinge in 2015.

Ich halte alle diese Auslassungen für wiederum falsch und einen erneuten Beweis dafür, wie grundsätzlich das DFB-Präsidium den Problemkern – ich glaube: absichtlich – verfehlt. Ein Kommunikationsproblem hätte gar nicht entstehen dürfen, inklusive der sich anschließenden diversen Problemfelder. Das Präsidium und der Kaderverantwortliche hätte auf die Affäre nur in einer einzig richtigen Form reagieren dürfen: durch Nicht-Nominierung für den Kader. Das haben die Verantwortlichen nicht getan, weil sie von Berufungspraktiken für Nationalspieler ausgehen, die bestenfalls fußballerisch geprägt sind (oder, wahrscheinlicher: zusätzlich von dubiosen DFB-Propaganda-Zwecken wie „Vielfalt“ als Selbstzweck etc.). Der wesentliche Grundansatz für eine Nominierung eines Nationalspielers ist aber das Zugehörigkeitsgefühl eines Spielers zu der Nation, zu der die jeweilige Football Association gehört. Keine Nation, keine Football Association, kein nationaler Auswahlkader, kein Nationalspieler. So einfach ist das. Das grenzt auch niemanden ungerechtfertigt aus – es bleibt jedem Spieler als Bürger völlig selbstverantwortlich überlassen, wie weit seine persönliche Identifikation mit der Nation geht und in praktisch allen Fällen wird dies bei professionellen Spitzenspielern (wie auch bei allen anderen Bürgern) nicht sehr weit gehen und oberflächlich bleiben (das ist auch gut so). Ein Problem entsteht *nur* dann, wenn einzelne Spieler sich zwar eher zu anderen Kulturen oder Heimaten zugehörig fühlen (seit jeher), aus geschäftlichen oder fußballerischen Gründen aber irgendwann einmal entschieden haben, für den DFB-Kader nominiert werden zu wollen. Da sich ihr nationales Zugehörigkeitsgefühl dadurch nicht ändert, kann es sie späterhin unangenehm mit Zwiespältigkeiten aller Art konfrontieren – so ist es hier geschehen.
Ein aktueller Beispielfall im Frauenfussball illustriert anschaulich, wie ein Spieler mögliche Konflikte vermeiden kann: Sharon Beck ist eine deutsche Spielerin, ganz sicher auch von Geburt und Entwicklung her eine vollkommen durchschnittliche deutsche Bürgerin, und hat auch sämtliche U-Kader des DFB im Verlauf ihrer Jugend sehr erfolgreich durchlaufen. Jetzt, aktuell als Spielerin in Hoffenheim, stand sie altersgemäß kurz vor der Berufung in den Kreis des DFB-A-Auswahlkaders. Nachdem sie sich offensichtlich in den letzten Jahren intensiv kundig gemacht hat (sie hat beispielsweise beim Makkabiade-Turnier als Teil einer deutschen Delegations-Mannschaft teilgenommen), hat sie sich nun entschieden, statt für den DFB für die israelische Football Association zu kandidieren (und ist natürlich mit Kusshand und gerne aufgenommen worden als israelische Nationalspielerin). Sie hat sich informiert, kundig gemacht und sich entschieden. Damit ist auch klar (und mit Sicherheit auch ihr als Mensch und Spielerin klar), dass sie sich während ihrer Kaderzugehörigkeit national niemals gegen Israel positionieren kann – was überhaupt nicht bedeutet, dass sie dadurch ihre deutsche Staatsangehörigkeit verstecken müsste. Eine durchaus nicht kleine Zahl an Fussballspielern, die in Deutschland lebten/leben und hier ausgebildet wurden, hat sich schon ähnlich für andere Football Associations entschieden – so soll es auch sein: dem eigenen Zugehörigkeitsgefühl soll man bei der eigenen Wahl folgen.
Der DFB hingegen hat seine eigene Fundamentierung in dieser Sache völlig verdrängt und sich falsch entschieden bei der Nominierung. Zugeben kann der DFB im Rahmen seiner weiteren Probleme mit der „Kommunikationspolitik“ dieses fehlerhafte Verständnis seiner Grundlagen nicht.

Ein weiteres, ziemlich merkwürdiges Argument tauchte im längerfristigen Nachgang auf: es wird auf „heute“ übliche Gepflogenheiten im professionellen Sport hingewiesen und gesagt, dass die Gründe für die erfolgte politische Positionierung nicht bei den Spielern zu suchen sei, sondern bei den diversen „Beratern“, die aus welchen Gründen auch immer solche geschäftlichen Abmachungen für die Spieler arrangieren. Die Spieler selber seien schon aus Zeit- und/oder Interessegründen an solchen Vereinbarungen weder beteiligt, noch würden sie zu solchen Geschäftsdingen über das allgemeine Prinzip hinaus, dass es sich für sie „lohnen“ muss, irgendeine besondere Meinung entwickeln. Solche Profi-Sportler zahlen ihren „Beratern“ enorme Summen genau dafür, dass „die“ sich um solche Dinge kümmern und nicht sie selbst. Man müsse also, so das Argument, eigentlich die „Berater“ verantwortlich machen, die Spieler selbst hätten mit der Sache gar nichts zu tun (und deshalb müsse man eben bei Profi-Sportlern auch akzeptieren, dass gelegentlich sehr seltsame Dinge geschehen). Erst im (u.U. langfristigen) Nachgang könne der jeweilige Unternehmer (=der Profi-Sportler) anhand der Ergebnisse der Tätigkeiten seiner „Berater“ feststellen, ob diese „gute“ Arbeit leisteten und ggf. dann Konsequenzen einleiten – z.B. einen „Berater“ feuern.

Das Argument ist nicht per se „falsch“ – es bildet vermutlich durchaus korrekt geschäftliche Realitäten im Profi-Sport ab. Aber es ist vom Grundansatz her falsch: natürlich bleibt der „Unternehmer“ selbst (=der Profi-Sportler) der Realverantwortliche für alle Tätigkeiten seiner Bediensteten (nach außen). Ein Profi-Sportler mag sich zwar durchaus „hintergegangen“ und „betrogen“ fühlen durch Tätigkeiten seiner Beauftragten und das mag auch im unternehmerischen Binnenverhältnis zu Konsequenzen führen – aber die Verantwortlichkeit nach außen trägt er natürlich trotzdem. Und genau das ist ja auch der dauerhafte Anspruch des Profi-Sportlers hinsichtlich seiner Rolle – er ist der Verantwortliche, dem irgendwelche „Berater“ nur (möglichst gewinnbringend) zuzuarbeiten haben. Man kann sich in dieser Rolle eben nicht aussuchen, wann man „verantwortlich“ ist und wann nicht. Deshalb kann das Argument auch nicht greifen – der Profi ist der Verantwortliche für die politische Positionierung auch dann, wenn er selbst meint, er hätte mit der Angelegenheit gar nichts zu tun. Es bleibt öffentlich *seine* politische Positionierung.

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A-Kader und B-Noten-Berufene

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