A-Kader und B-Noten-Berufene

Es ist Sommer 2018, in wenigen Wochen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Der DFB und der beauftragte Kaderverantwortliche hatten Mitte Mai den vorläufigen Kader einzuberufen – das ist ein wichtiger Termin für Fußballdeutschland, sogar für die gesamte Fußballwelt und es richten sich sehr viele Augen überall auf der Welt auf die Auswahlmannschaft. Denn diese Mannschaft ist amtierender Weltmeister, seit vielen Jahrzehnten einer der Favoriten in den Endrunden und es gilt für viele nichtdeutsche Fußball-Liebhaber, dass die deutsche N11 in der Endrunde einer der maßgeblichen Prüfsteine für die je eigene Mannschaft sein wird. Da schaut dann natürlich die gesamte Welt sehr genau auf den DFB, den Bundestrainer und jeden einzelnen der berufenen Spieler. Es ist auf alle Fälle ein sportlich extrem bedeutsames Event, das überhaupt nicht überschätzt werden kann in der globalen Breitenwirkung. Die Frage allerdings, die sich im Mai 2018 stellte, war und ist, ob es sich nur um ein „sportliches“ Event handelt.

Denn absolut passgenau zum Termin der Berufung am 15. Mai 2018 geschah drei Tage vorher,  am 13. Mai, etwas, was den sportlichen Glanz der Berufung des nationalen Auswahlkaders ziemlich abseitig abdunkelte.

An diesem Tag nämlich haben zwei sehr verdiente und erfahrene Spitzenspieler, einer davon amtierender Weltmeister und der andere häufig und gerne in die Auswahlmannschaft berufen, ein persönliches politisches Zeichen zugunsten von Herrn Erdoğan, dem türkischen Staatsoberhaupt, öffentlich abgegeben. Die Aktion fand in London statt im Rahmen einer Charity-Veranstaltung, die wiederum wohl angesetzt und betrieben wurde als typische Auslandswahlveranstaltung des politischen Führers der AKP. Solche Veranstaltungen sollen keine offensichtliche Wahlkampfveranstaltung sein, weil das wiederum im Ausland eher ungerne gesehen wird, da sie die jeweils im Lande lebenden Türken schon beinahe traditionell in Unruhe versetzen und sich dann irgendwo im Ausland Türken über innerstaatliche Probleme der Türkei gerne die Köpfe einschlagen und der Gaststaat sich dann mit dieser Aufregung herumschlagen muß. Auch in Deutschland wurde der Türkei schon untersagt, einen Auslandswahlkampf zu veranstalten. Also machen die AKP und ihr Chef stattdessen „Charity“-Events mit irgendwelchen positiven Förderprogrammen, die möglichst gut aussehen sowohl für den Gaststaat als auch für die Türkei. Am Rande solcher Veranstaltungen finden dann immer diverse PR-Maßnahmen aller Art statt. Und eine dieser Maßnahmen war, dass Ilkay Gündogan und Mesut Özil dem türkischen Staatspräsidenten Trikots ihrer Premier League-Mannschaften mit Autogramm und Widmung überreichten und bei dieser Aktion fotografiert wurden. Selbstverständlich ging es dem wahlkämpfenden Erdoğan genau um solche PR-Maßnahmen – diese Fotos wurden sofort in den internationalen und nationalen Propaganda-Orbit geschossen. Zwei weltbekannte Fußballstars, einer davon Weltmeister mit der deutschen Auswahlmannschaft, beide beschäftigt bei Spitzenclubs der Premier League mit weltweitem, riesigen Fan-Anhang als politische Unterstützer für Herrn Erdoğan – das ist für PR-Leute ganz klar so etwas wie der heilige Gral des Werbe-Impacts. Wahrscheinlich hat die ganze Aktion nur ein paar Sekunden, vielleicht auch wenige Minuten gedauert und für die beiden Spieler war das vermutlich nur einer von verschiedenen Terminen im Zeitraum, für die sie von ihren PR-Agenten gebucht wurden. Gündogan hatte auf das Trikot noch eine direkte Widmung gesetzt, die ausweislich der Werbefotos lautete: „Mit Respekt für meinen Präsidenten“ . Soweit es öffentlich bekannt ist, besitzt Herr Gündogan sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft, während Herr Özil auf diese sogenannte „doppelte Staatsbürgerschaft“ schon vor geraumer Zeit verzichtete (öffentlich).

Die Folge war natürlich klar und von wirklich absolut jedem vorherzusehen. Die Nachricht explodierte im öffentlichen Raum der Bundesrepublik wie eine Atombombe und rief ungeheuerlich viele Reaktionen hervor – keineswegs nur von Politikern (inklusive der Bundeskanzlerin), dem Verband oder den Medien, sondern natürlich auch von allen Fußballanhängern. Und da Spieler eines nationalen A-Kaders einer Auswahlmannschaft betroffen sind und zwar kurz vor dem wichtigsten Turnier in dieser Sportart, haben eigentlich auch alle nicht am Fußball Interessierten sehr klar und deutlich ihre Meinung geäußert. Bis auf wirklich sehr wenige Anteile war die allgemeine Reaktion hinsichtlich dieser PR-Aktion der beiden Spieler in der Bundesrepublik ausgesprochen negativ – und selbst die ziemlich Wenigen, die die Aktion öffentlich entproblematisierten, taten das argumentativ vor einem Hintergrund, der die Handlung als „ungeschickt“ darstellte.

In der Folge äußerte sich nur Herr Gündogan öffentlich (wobei es für Özil relativ „typisch“ ist, sich öffentlich nicht zu äußern). Gündogan verwies darauf, dass die Aktion keinen „politischen“ Hintergrund gehabt habe, im wesentlichen als „Höflichkeit“ und „Respekt“ vor einem amtierenden Staatspräsidenten zu verstehen sei und stellte seine persönliche Beteiligung in einen familiären Zusammenhang, im besonderen zu denjenigen Teilen seiner Familie, die in der Türkei leben. Diese Presseerklärung war völlig erwartbar und entsprach einer typischen professionellen Agentur-Reaktion. Natürlich kann das die PR-Aktion nicht ungeschehen machen und es bedeutet auch nichts für die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit.

Vom DFB äußerte sich kurz nach Veröffentlichung der Bilder bei „Bild“ der Präsident (Grindel) und der Sport-Direktor (Bierhoff). Beide verurteilten die PR-Aktion als falsch und nicht angemessen für einen Spieler der Nationalmannschaft. Während Grindel eher im Allgemeinen blieb mit seiner Kritik, charakterisierte Bierhoff die Aktion als „ungeschickt“. Mit dem eher generellen Ton der Kritik war schon ziemlich deutlich, dass von seiten des DFB keine besondere Reaktion auf die PR-Maßnahme folgen würde (vom recht albernen „wir werden mit den Spielern nochmal reden“ abgesehen). Endgültig und wahrheitsgemäß hat sich dann der Bundestrainer Joachim Löw bei der Nominierung des vorläufigen Kaders positioniert. Befragt, ob er die Aktion zum Anlass genommen hätte, über die Nominierung der beiden Spieler nachzudenken, antwortete er brutal und deutlich: „Keine Sekunde lang“. Und nominierte sie dann völlig selbstverständlich.

Man darf völlig sicher davon ausgehen, dass sowohl Herr Gündogan als auch Herr Özil von Joachim Löw auch in den endgültigen Kader berufen werden. Sie werden auch vermutlich und soweit man die mannschaftliche Konzeption des Trainerteams kennt als „Stammspieler“ eingesetzt werden. Mesut Özil wohl in jedem Fall, denn für Löw ist Özil seit vielen Jahren eine gesetzte Konstante im Mannschaftsgefüge und Gündogan ist allermindestens einer der wichtigen Spieler im Mittelfeld.

Zu keiner Sekunde also wurde durch den Kaderverantwortlichen ein Gedanke daran verschwendet, ob man diese beiden Spieler für die nationale Auswahlmannschaft nominiert oder nicht. Dasselbe dürfte auch für das Präsidium des DFB gelten, unabhängig von den lauen Presseerklärungen zum Sachverhalt. Da Herr Löw diese beiden Spieler für unverzichtbar für den sportlichen Erfolg der Mannschaft hält, war jede Diskussion von vorneherein beendet.

Das ist eine durchaus interessante und lehrreiche Erkenntnis.

Seitens „nationaler“ Spitzenverbände wird ja immer wieder mit außerordentlich vollmundigen Worten die Wichtigkeit des Sports für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Gesundheit, die vielfältigen positiven sozialen und sogar politischen Auswirkungen auch und gerade von Leistungssport gesprochen. Auch wird gerne verwiesen auf die „Vorbild“-Funktion der Leistungsträger in den Auswahlkadern und wie wichtig allen Verbänden eine an den Grundwerten der bundesrepublikanischen Gesellschaft und staatlichen Ordnung orientierte Haltung ist – speziell der Funktionsträger und der sportlichen Repräsentanten.

So verwirklicht sich also das Funktionärs- und Verbandsgeschwätz „auf dem Platz“. Dann, wenn mal einer der Spitzenprofis den nationalen Auswahlkadern so richtig klar und deutlich aufzeigt, was er/sie von dem ganzen „nationalen“ Brimborium hält, dann passiert von seiten der Spitzenfunktionäre der Spitzenverbände…. gar nichts.

Warum auch?

Es geht ja um Leistung auf dem Platz, um die vorderen Plätze, um die Trophäe. Der ganze restliche Klamauk ist nur opportunes Geschwätz, das für keinen der gewählten Verantwortlichen von Belang ist. Man muß in der Rückschau diverse Maßnahmen des Bundestrainers vielleicht auch anders bewerten – wenn er in der Vergangenheit Spieler wegen „charakterlicher Mängel“ aus dem Kader gestrichen hat, dann dürfte das eher so zu interpretieren sein, dass diese Spieler nicht seinen Weisungen und Forderungen entsprochen haben (bei Kruse etwa hatte sich Löw ausdrücklich auf die „Vorbildfunktion“ berufen – aber wesentliches Element dürfte wohl doch eher gewesen sein, dass Löw Herrn Kruse wohl mehrfach gesagt hat, was er in den Medien von ihm zu lesen bereit war – was aber dann durch Kruse eher wenig berücksichtigt wurde).

Hinzu kommt natürlich auch immer, dass Löw als Trainer und Mensch zweifellos an „Prinzipien“ orientiert ist, die er für sich und sein Team auch mit langfristiger Bindung aufstellt und zu verwirklichen sucht. Das bedeutet eben auch, dass er (bei entsprechender Minimal-Fitness) an Spielern, die er für unverzichtbar hält für seine Spielauffassung, klar und offen festhält.

Es gibt bei dieser an sich durchaus nachvollziehbaren und löblichen Einstellung ein kleines Problem bei der Causa „Löw“. Er mag nach langem, langem Anlauf ja durch den Weltmeistertitel „unangreifbar“ geworden sein – aber nach dem Titel wird anscheinend gerne vergessen, dass er niemals „unfehlbar“ war und ist (was er selbst auch entschieden zurückweisen würde). Er hat verschiedentlich Kaderentscheidungen getroffen, die mindestens fragwürdig waren, eigentlich aber klar falsch. Zu erinnern wäre etwa an die Nominierung und Aufstellung von eindeutig physisch/mental unzureichenden Spielern (Schweinsteiger 2012 etwa, oder Boateng 2016 und durchaus etliche andere). Das hat in der Vergangenheit mehrfach zu Turniermisserfolgen beigetragen, wenn nicht sogar sie verursacht – zuletzt und vielleicht sogar am deutlichsten bei der EM2016 (meine Meinung zu diesem verschenkten Turnier hatte ich schon aufgeschrieben). Mit anderen Worten: Löw ist in seiner Kaderauswahl keineswegs fehlerlos gewesen, sondern im Gegenteil lag er mehrfach falsch.

Die Ignoranz gegenüber den fundamentalen Prinzipien bei einer Auswahl von Nationalspielern ist ganz offensichtlich ebenfalls ein Fehler von Herrn Löw. Auch dieser Fehler wird sich rächen.

Anmerkung:

Ich bitte zu berücksichtigen, dass hier mit keiner Silbe, mit keinem Wort und mit keinem Gedanken erwähnt, gemeint oder gefordert wird, die beiden betroffenen Spieler hätten irgendeine besondere Verpflichtung gegenüber der Bundesrepublik. Sie können selbstverständlich und ohne jeden Hintergedanken völlig frei und selbstbestimmt (auch) ihren politischen Meinungen folgen, selbstverständlich auch öffentlichkeitswirksam. Es gilt für sie, was für jeden Bundesbürger gilt.

Die Kritik der weit überwiegenden Öffentlichkeit an der PR-Aktion, die ich teile, richtet sich nicht gegen Person oder Meinung der Beteiligten der PR-Aktion, sondern ausschließlich an die Verantwortlichen für die Auswahl des Kaders. Nur der Kaderverantwortliche (und das Präsidium) ist hier der „Schuldige“, nicht die Herren Gündogan und Özil.

Näher ausformuliert ist dieser Vorbehalt in Leserkommentaren auf dieser unsinnigen disqus-Plattform, auf die die Süddeutsche Zeitung ihr Kommentarwesen verfrachtet hat (die sz war hier als Kommentarempfänger absolut reiner Zufall – es war einfach eine der überregionalen Medien, die die Nachricht verbreitete und eben nicht „Bild“ war). Weil solche abseitigen Plattformen wie disqus im Grunde nicht verlinkbar sind (aus prinzipiellen Gründen), füge ich die beiden Kommentare einfach mal hier ein (der zweite Kommentar wurde provoziert durch eine Antwort auf den ersten Kommentar, die darauf hinwies, dass nur Gündogan eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzt):

Ich gehe mal davon aus, dass beide Spieler die sogenannte „doppelte Staatbürgerschaft“ haben – in ihrem Fall also diejenigen Deutschlands und der Türkei.

Aber selbst wenn nicht: beide können selbstverständlich posieren, mit wem auch immer sie wollen. Sie können auch unterstützen wen auch immer sie wollen. Jeder der Beiden oder auch beide zusammen können selbstverständlich auch Herrn Erdoğan als „ihren Präsidenten“ anerkennen und die wirklich schöne Türkei als ihre Heimat ansehen.

Soweit ist das alles banal und unproblematisch.

Allerdings ist es genauso banal und unproblematisch, durch den DFB und seine Beauftragten aufgrund nicht weiter zu erläuternden Gründen nicht mehr für deutsche Auswahlkader berücksichtigt zu werden.

Ich bin sicher, dass beide hoch verdiente Spieler eine solche Entscheidung gerne mittragen werden und mit ihrer Aktion auch genau diese Reaktion herbeiführen wollten.

[..]

Wie schon geschrieben – es ist eigentlich egal, ob Herr Gündogan oder Herr Özil eine doppelte Staatsbürgerschaft ihr eigen nennen oder nicht. Als Bürger der Bundesrepublik brauchen sie nicht den Interessen des Landes zu folgen – keiner von uns Bürgern braucht das.

Allerdings braucht eben auch kein Bürger in „seiner“ Nationalmannschaft Spieler, deren Heimat eine andere und staatliches Zuhause ein anderes ist.

Ich kann die Beiden (und den Dritten im Bunde) gut verstehen. Das sind seit langen Jahren bestverdienende Spitzenfußballer mit internationalem Hintergrund. Sie gehören einem illustren Kreis sehr reicher Spezialisten an, die sich vergleichbar einem lukrativen, global agierenden Mittelstandsunternehmenschef dauerhaft in einem ortlosen Jet-Set-Ambiente bewegen. Irgendwelche „nationalen“ Befindlichkeiten haben für solche Leute nur noch Bedeutung innerhalb von Marketing-Kampagnen. Da ist auch ok so und einfach zu gönnen – im Gegensatz zu verdienstlosen Erben haben sie sich den Erfolg hart erarbeitet.

Aber mit ihrer Positionierung lassen sie dem Kader-Verantwortlichen beim DFB, der sehr wohl auf nationale Interessen und Befindlichkeiten, sogar auf charakterliche Eignung zu achten hat, praktisch gesehen keine Wahl. Wenn er sie ersetzen kann durch ähnliche Spieler, dann kann er sie nach dieser Positionierung nicht mehr berücksichtigen. Und natürlich gibt es genug ausreichend qualifizierte andere Spieler, die sehr gerne in der deutschen N11 und explizit *für* die Bundesrepublik spielen würden.

Aber wie es halt so ist in der Welt… wenn man Herrn Grindels Worten lauscht oder Herrn Bierhoffs Auslassungen… dann steht zu befürchten, dass selbst ein solcher Affront Herrn Löw nicht von der Nominierung der Beiden für den A-Kader abhalten wird. Möglicherweise müssen die beiden Unwilligen zu drastischeren Maßnahmen greifen – irgendwohin pinkeln und es dann auf Instagram posten (lassen) oder so was.

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