VAR macht alles kaputt 1!11!!

Mitte April 2018 kam es zwischen Mainz 05 und Freiburg zu einem ziemlich typischen Bundesligaspiel – beide Vereine befanden sich im Relegationsplatz-Bereich der Tabelle und dementsprechend ging es also am fünftletzten Spieltag klar um einen „Abstiegskampf“. Das Spiel war auch insgesamt genau so – ziemlich fehlerhaft auf allen Positionen über den gesamten Zeitraum bei gleichzeitig wildem Einsatz aller Beteiligten. Es gibt nicht viele neutrale Beobachter, die so einem typischen „Abstiegskampf“-Spiel etwas abgewinnen können – für die tribal orientierten „Fans“ oder Fans allerdings ist das normalerweise der Anlass für das höchste Maß an aufopferungsvoller Vereinsliebe. Nicht (ganz) so an diesem Spieltag, allerdings – denn in der Saison 17/18 wurde für ein paar Spiele der Montagabend ab 20:30 Uhr als Termin für Erstliga-Spiele angesetzt. Das brachte die „Fan“-Szene und ihr ohnehin blutendes Herz über die Gesamtsaison hin zum Aufschäumen und dementsprechend auch an diesem Abend. Aber es gab auch noch einen weiteren, ungeheuerlichen, riesigen, grauenhaften, furchtbaren Eklat in diesem Spiel, der die gesamte Fußballwelt bis hinein in die innere Mongolei nachhaltig aufregte bis ins Mark – und dabei ging es natürlich um die Manifestation des Bösen im Fußball (überhaupt!): nämlich den Video Assistant Referee (VAR) und seine schändliche Auswirkung auf die Reinheit des Spiels.

An dieser Stelle muß zunächst mal alle Ironie und jeder Sarkasmus einer Beschreibung weichen. Dabei müssen drei Dinge auseinandergehalten werden, die sich in der öffentlichen Berichterstattung (Medien etc.) leider ziemlich vermischten. Erstens, das konkrete Spiel selbst. Zweitens, die diversen „Fan“-Aktionen/-Reaktionen zum „Montagabendspiel“. Drittens, der Schiedsrichter/VAR-„Eklat“ und wie dieser rezipiert wurde – während des und nach dem Spiel.

Zu den Bedingungen des „Erstens“, dem Spiel selbst, wurde trotz ironischer Beiklänge in der Einleitung alles wesentliche gesagt: ein „Abstiegskampf“-Spiel zweier relativ schwacher Mannschaften in einer mittlerweile (oder: nach wie vor) relativ mediokren Liga. Mehr muss man im Grund nicht wissen, um das Gesamtsetting zu verstehen – dass da kein guter Fußball geboten wird, versteht sich sozusagen von selbst. Aber „Kampf“ auf allen Ebenen – das steht bei solchen Spielen sozusagen immer mit auf dem Spielplan. Hinzu kommt vielleicht auf die zeitliche Länge gesehen die Notwendigkeit der Erwähnung, dass hier eine beteiligte Partei der „SC Freiburg“ unter der langjährigen und verdienstvollen Führung von Christian Streich war – neben allen anderen gängigen Attributen für Trainer gehört im Falle Streichs eben auch die Eigenschaft „Drama Queen“ dazu, die dieser Mann auch in dieser Saison schon mehrfach auslebte. Bis zum Zeitpunkt des Spiels hatte Streich schon unermüdlich dafür gesorgt über die gesamte Saison, dass ein ganz bestimmtes Narrativ in der gesamten Fußballwelt verbreitet wurde – nämlich dass sein armer, kleiner, schwacher Verein zusätzlich zu den vielen sonstigen Restriktionen massiv (mit der implizit mitschwingenden Verdächtigung: vorsätzlich!) von „den Schiedsrichtern“ benachteiligt wird und zwar immer wieder und wieder und wieder…. (das muss man  hier schon durchaus wissen im Gesamtzusammenhang, denn es wirkt sich wie von Streich beabsichtigt auch klar aus auf die entsprechend eingefärbte Vermittlung durch Sport-Journalisten). In den Bereich „konkretes Spiel“ fällt auch die „Umgebung“ für das Spiel – und damit ist hier die Rezeptionsmöglichkeit durch Zuschauer gemeint. Wie ansonsten auch gibt es in Mainz ein modernes Stadion mit allen erforderlichen technischen Erstliga-Standards (= Torlinientechnik, Video-Technik für VAR = mehrere HiSpeed-Kameras mit entsprechender Datenleitung, eine gut ausgestatte Produktionsgesellschaft für TV-Aufnahmen für die Übertragung im Auftrag der DFL mit allen üblichen Ausstattungsmerkmalen…). Das Stadion war gut gefüllt, aber weit entfernt vom Status „Ausverkauft“ – man muss hier wohl konstatieren, dass der „Protest“ gegen Montagsspiele deutlich mehr Tribal-Fans ins Stadion gebracht hatte als es die sportliche Begegnung selbst geschafft hätte (ein erneuter Beweis dafür, dass die „Fan/Ultra“-Szene im Grunde nur Bauchnabelbeschau und Event-Feierei betreibt und am Fußball selbst überhaupt nicht interessiert ist). Übertragen wurde das Spiel im Inland wie üblich auf kommerziellen Sendern („Sky“, Telekom-Dienste und Abo-Dienste im Netz [ich glaube, da gibt es so einen seltsamen Service namens DAZN oder so ähnlich]), im Ausland ebenfalls von den üblichen kommerziellen Dienstleistern und Rechtehaltern aller Art (also etwa BT, die diversen Sky-Kanäle der Briten, Fox Sport usw.).  Zusätzlich zu diesen „offiziellen“ Kanälen gibt es im Netz diverse illegale Live-Streams verschiedenster Qualitäten und Ursprünge, deren zahlenmäßige Nutzung recht unklar ist (zumindest noch weit unklarer als bei den auch schon unklaren Nutzungszahlen offizieller Pay-per-view-Kanäle). Bei meedia wird angegeben, dass etw 320.000 Leute das Spiel über Sky Deutschland angeschaut haben – so ungewiß, wie solche Zahlen auch immer sind, sind es beinahe „überraschend“ viele für so ein Keller-Duell. International/Weltweit waren es möglicherweise nochmal so viele. Hinzu kommen die heute üblichen „Live-Ticker“ vieler Portale, bei denen sich Netznutzer (inklusive Smartphonisten) im Nebenbei grob über Spielverläufe informieren und unter einem der Bundesliga-typischen „hashtags“ namens „#m05scf“ sammelte sich die übliche Twitter-Meute aus Spammern, kommerziellen Bots, Witzbolden, Vereinsanhängern beider Seiten und Adabeis. Insgesamt gesehen gab es also durchaus ein „Publikum“ für dieses Spiel.

Zum „Zweitens“, dem „Protest“ gegen Montagsspiele, hatten sich die diversen „Fan“-Gruppierungen wie zu ähnlichen Gelegenheiten anderswo intensiv vorbereitet und in Zusammenarbeit mit den Mainz 05-Offiziellen diverse Aktivitäten geplant. Es begann mit „Licht-Aus“ und schwarzen Schildern kurz vor Anpfiff, einer Vielzahl von Plakaten überall im Rund (darunter das besonders sinnige Hauptplakat mit der Aufschrift „samstags halb vier – fussball bratwurst und bier“ oder einem Trauerflor-Plakat über zwei Etagen mit Aufschrift „ihr macht unseren fussball kaputt“ oder so ähnlich und mit „ihr“ ist natürlich der korrupte DFB/DFL/UEFA/FIFA gemeint, nicht etwa die bescheuerten „Ultras“).  Weiter ging es über das gesamte Spiel hinweg mit einer kombinierten Dauerbeschallung von Vuvuzelas und Dauerpeiferei mit Trillerpfeifen – eine innovative und besonders nervige Kombination. Dann gab es noch ein mehrmaliges optisch hübsches Bewerfen einer Torzone mit Klorollen kurz vor Beginn der zweiten Halbzeit. Und eben alle möglichen anderen selbstbeweihräuchernden „geilen“ Events der Fan-Szene, die sicher nicht alle pflichtschuldig von den Medien übertragen wurden. Alles sehr teuer, alles sehr aufwändig, alles fleißig und mit großer Hingabe aufgeführt. Auf den „Aufführungscharakter“ wird noch anderweitig zurückzukommen sein. An dieser Stelle sei nur erneut darauf hingewiesen, dass alle Aktivitäten natürlich in Zusammenarbeit mit dem gastgebenden Verein (und natürlich auch in Absprache mit dem Gast-Verein) stattfanden – sonst wären sie ja schlicht nicht möglich gewesen (z.B. das Ausschalten der Flutlicht-Anlage oder weil die ganzen lustigen Accessoires gar nicht durch die Security hätten gelangen können). Es handelte sich also um eine „gemeinsame“ Inszenierung der „verfeindeten“ Parteien – den armen, verfluchten, prekarisierten, verfolgten, verfemten „Fans“ auf der einen Seite und dem neoliberalen, menschenverachtenden, Verfolgungsstaat-orientierten, faschistoiden, korrupten Verbrecher-Regime des Großkapitals in Form der jeweiligen Vereine. Selbstverständlich haben beide Vereine bzw. ihre ausgelagerten kommerziellen Ablegervertreter in den entsprechenden Gremien beim DFL für die Montagsspiele votiert und selbstverständlich beziehen sie ihre Einkünfte wie alle anderen auch weit, sehr weit überwiegend aus dem Werbegeld – direkt und/oder indirekt über die „TV-Einkünfte“. Tatsächlich verursachen die heldenhaften Fußballromantiker der Fan-Szenen den Vereinen eher Kosten anstatt dass sie über ihre paar Euro Jahresabo Einkünfte bringen. Aber was tut man nicht alles als neoliberale-und-so-weiter GmbH für eine schöne, herzergreifende Inszenierung für die TV-Kameras….

Wenn man den Abscheu über solch‘ bigottes und widerliches Treiben der Fan-Szenen und Vereine beiseite lassen kann (was schwer fällt!), dann kann man sich schlussendlich mit dem „Drittens“ befassen.

Das „Drittens“ war dann nämlich der „Knaller“ – weltweit von der Fußball-Szene rezipiert (als Beispiel: Artikel und Kommentare auf dem Guardian vom folgenden Tag).

Hierzu muß ich vielleicht zunächst mal meine eigene Betrachtungsumgebung des Spiels beschreiben, denn die deckt sich wahrscheinlich mit der Mehrzahl von TV-Zuschauern. Ich habe das Spiel über einen kostenpflichtigen (ausländischen) „Live-Stream“ in „HD“ an einem typischen „modernen“ Großbild-TV verfolgt. D.h., ich habe wie „alle anderen“ auch die Bilder empfangen, die eine Produktionsfirma der DFL über ein Regiezentrum in die Netze einspeist. Zusätzlich „garniert“ werden diese Bilder dann wie ebenfalls üblich durch den jeweiligen konkreten Sender/Service (z.B. mit Werbe-Einblendungen). Ebenfalls wie überall üblich veranstaltet der jeweilige Sender/Service eine „Vorberichts-Show“, eine „Halbzeit-Show“ und ein „After-Match-Programm“ – all das ist seit Jahren/Jahrzehnten völlig standardisiert und dient im wesentlichen dazu, die diversen Werbestrecken zu plazieren.

Es ist wahrscheinlich ebenfalls geboten, auf einen Umstand hinzuweisen, der zwar Vielen/Allen „bekannt“, aber nicht unbedingt immer „bewußt“ ist: es gibt immer einen „Kommentator“ des Senders, der die Ausstrahlung sportjournalistisch begleiten soll. Man muß sich hier gar nicht weiter darüber auslassen, wie sehr die Kommentatoren „gehasst“, „geliebt“, „verachtet“ oder sonstwas werden – es gab und gibt sie eben und gut. Mir gehts hier darum, dass „man“ es im Prinzip gewohnt ist, dass ein (mehr oder weniger oder gar nicht) fachlich versierter Sportjournalist das jeweils übertragene Spiel „live“ VOR ORT begleitet. Das ist auch bei einigen / etlichen kommerziellen Sendern ständig so (Sky Dtschl. oder ARD/ZDF zeigen z.B. immer extra den Moderatorenplatz des Kommentators im Stadion). Aber es ist eben seit geraumer Zeit (circa ab Mitte der Nuller-Jahre) keineswegs IMMER so, dass ein journalistisch geschulter Kommentator eines Senders „vor Ort“ ist – z.B. werden Übertragungen bei den Billighanseln „Sport1“ oder „Eurosport“ typischerweise durch Studio-Kommentatoren begleitet, die – und das ist der Punkt – letztlich auch keine anderen Bilder sehen als der Endkonsument. Viele Kommentatoren (also diejenigen, die journalistisch begleiten sollen) haben keinen anderen Blick als die Kameras. Und wenn die Regiezentrale der DFL-Produktionsfirma Bilder nicht zur Verfügung stellt, dann „weiß“ der Kommentator, der nicht „vor Ort“ ist, auch nicht mehr als der TV-Konsument vor der Glotze. Das ist insgesamt gesehen gar nicht so furchtbar, wie es vielleicht beim Bedenken klingt – die schiere Größe eines Stadions, die Entfernungen, die Nichtzugänglichkeit zu Bank und Offiziellen während des Spiels und viele andere Dinge kann auch der Kommentator „vor Ort“ nicht überwinden (auch dann, wenn er so tut, als könne er es). So groß ist also der Unterschied im „normalen“ Fall gar nicht – deshalb ist es Billigverbreitern im In- oder Ausland ja auch möglich, die hohen Produktionskosten durch eigene Vertreter vor Ort einzusparen. Und schlussendlich kann man diverse standardisierte „live“-Produkte auch einkaufen – die DFL-Produktionsgesellschaft ist mit so vielen Kameras und Mitarbeitern vor Ort, dass man alle möglichen Zusatz-feature buchen kann (etwa die Statistiken, Bilder von speziellen Kameras wie Trainerbank-Kamera oder Spielertunnel, Interviews, Zusatzinfos von Mitarbeitern, die sie während des Spiels in der Nähe der Bänke aufschnappen und in einem Produktions-Live-chat einbetten usw.). Im gegebenen Fall war es also so, dass ich die Standardbilder der Regiezentrale des DFL-Produktionsteams sehen konnte, übersteuert durch die Sender-eigenen Prozeduren und Abläufe und kommentiert von einem heute typischen Studio-Kommentator des Senders, der wiederum wahrscheinlich Zugang zu einigen DFL-Sonderfeatures hatte. Zugleich hatte ich wie heute auch wohl allgemein üblich so etwas wie einen „second screen“ an der Hand – auf dem Blechdepp las ich gelegentlich die Twitter-Nachrichten mit („scheiss spiel„, „abstieg verdient„, „hoffentlich ist der hsv jetzt weg“, „[spam]“, „[arabische schrifzeichen]“, „[kommerzieller quatsch]“ usw.) und hatte auch noch den „live ticker“ der sz.de in einem Browser-Fenster offen. Alles wohl ziemlich das übliche Prozedere heute, wenn man Fußball anschaut.

Notwendig zur bewußten Kenntnisnahme ist darüber hinaus wohl auch der prinzipielle Sachverhalt, dass man als Betrachter einer TV-Übertragung ganz grundsätzlich keine „echten“ Live-Bilder betrachten kann – es gibt immer einen gewissen zeitlichen Verzug bei der Übertragung. Der schnellste Übertragungsweg ist nach meiner Erfahrung derjenige über den jeweiligen nationalen Rechtehalter, also in Dtschl. etwa der Kabel- oder Satelliten-Empfang von Sky. Die haben eindeutig den „direktesten“ Weg, müssen allerdings auch erst mal ihre diversen Verschlüsselungen einspeisen (und ihre Zusatz-Bildanteile wie Logo und Werbung) und geben dann ihr Signal über die Satelliten an ihre Endempfänger und Verteilernetze weiter. Nach meiner persönlichen Erfahrung, die sich auf ein langjähriges Abo bei DF1/Premiere/Sky stützt, beträgt ein typischer lag zwischen Live-Spiel und Empfang auf dem Bildschirm hier zwischen 20 und 40 Sekunden, manchmal auch eine Minute. Bei allen anderen Verwertern, vor allem international oder bei den illegalen Streams im Netz, ist der lag durch die längeren Verbreitungswege und diverse Rekodiermaßnahmen weitaus größer – er liegt möglicherweise bei bis zu 3 oder 4 Minuten Differenz zwischen der Spiel-Echtzeit und dem Bild beim Endbetrachter. Diese Zeitdifferenz sollte man im Kopf behalten, wenn es darum geht zu beurteilen, wie Reaktionen von denjenigen ausfallen, die nicht vor Ort sind.

Im Spiel entstand direkt vor der Halbzeit folgende Situation: eine scharfe Hereingabe in den Freiburger Strafraum, in dem zum Zeitpunkt praktisch alle Feldspieler beider Mannschaften eng versammelt waren, landete beim Freiburger Torwart. Dann erfolgte ein Pfiff, der vom Betrachter/Außenstehenden als erwarteter Halbzeitpfiff verstanden werden konnte und mußte („letzte Aktion“). Das „live“-Bild der Aktion war die typische Halbtotale von oben, schräg in Richtung Tor mit anschließendem Zoom auf den Keeper und Herauszoomen auf die Totale des Feldes. Die letzten Bilder des Live-Stream waren typische, tausendfach gesehene Bilder: Mainzer Spieler hatten bei der Hereingabe den Arm hochgerissen in der typischen „Handspiel“-Geste und rannten nach dem Pfiff Richtung Hauptschiedsrichter. Der wiederum setzte sich nach dem Pfiff in Bewegung Richtung Seitenaus, während er sichtbar in der Totale in sein Headset sprach. Im Hintergrund war zu sehen, wie ein Seitenrichter sich (wie üblich nach einem Halbzeitpfiff) in Richtung auf den Schiedsrichter bewegte und ebenfalls ins Headset sprach bzw. zuhörte.Während der Schiedsrichter in einer kleinen Traube von auf ihn einredenden Spielern sich weiter Richtung Seitenaus bewegte, marschierte mindestens der Großteil der Freiburger relativ geschlossen Richtung Kabinengang und entfernte sich dabei „schnell“ von der Gruppe um die Schiedsrichter. Es war im Moment des Abblendens des Bildes im TV nicht „auffällig“, aber im Nachgang kam es mir vor, als würde die Gruppe der Freiburger Spieler von einigen davon „geleitet/angeführt“. Insgesamt gesehen waren diese letzten Sekunden auf gar keinen Fall in irgendeiner Form auffällig – dergleichen kann man in praktisch jedem Spiel sehen vor der Halbzeit, wenn sie mit einer Schlussaktion wie einer Ecke oder einem Freistoss beendet wird. Das Gestikulieren gibt es heute leider auch bei nahezu jeder Strafraumaktivität – es ist so sehr automatischer Standard, dass es völlig unauffällig geworden ist (oder eigentlich: schon immer war für einen externen Betrachter). Dass die Freiburger Truppe sich von der Mainzer Gruppe in Richtung Kabine absetzte, war ebenfalls bei Abblendung meines TV-Bildes bestenfalls im Ansatz erfassbar, aber eben auch nicht wirklich auffällig. Dass sich protestierende Spieler einer Mannschaft um einen Schiedsrichter sammeln (und der wiederum sowohl mit ihnen spricht als auch in sein Headset), ist ebenfalls vollkommen normal und unauffällig. Dann kam (bei mir) das übliche DFL-Jingle und darauf folgend die üblichen Sender-eigenen Hinweise (die diversen üblichen Eigenwerbungen), darauf folgte der erste Halbzeit-Werbeblock des Senders.

Der DFL-Jingle ist bei „second screen“-Anwendern ein typischer Moment, um den Blick auf die anderen Anzeigen zu richten. Der Live-Ticker der sz.de hatte noch nicht mal die letzte Aktion eingetragen (da muss zusätzlich zum betrachteten TV-Bild ja immer noch die Eingabe in eine Formularmaske erfolgen und da diese immer auch „witzig“ oder „treffend“ sein soll, dauert es häufiger mal länger). Die Aktualisierung der Twitter-Nachrichten ergab dann zu diesem Moment schon Auffälligkeiten, denn es kamen offensichtlich von Twitter-Nutzern im Stadion erste, ganz kurze „Alarm“-Meldungen (häufig nicht mehr als Emoticons oder Schnell-gifs). Auffällig war hier vor allem der Anstieg der Anzahl von Tweets und eine schnell offensichtliche Ausbreitung – zunächst eben ein paar Alarme von Anwesenden, dann, entsprechend des lags des jeweiligen medialen Kanals immer schneller und immer mehr Kommentare aller Art, bis es schlussendlich förmlich in „Skandal“-Meldungen explodierte. Das Ganze etwa im Verlauf von zweieinhalb bis drei Minuten – dann wurde auch auf dem von mir abonnierten Stream die Werbung übergangslos abgebrochen und es kamen diverse Replay-Bilder der letzten Sekunden vor dem „Pfiff“, zunächst gänzlich ohne Kommentar (der Studio-Kommentator war wohl Kaffee trinken gegangen ;-) ).

Die Replay-Szenen waren dann die typischen Aufnahmen von Seitenkameras auf Strafraumhöhe, teilweise in Zeitlupe, die zeigten, dass ein Freiburger Spieler bei der Hereingabe mit seinem linken Arm, der sich auch Richtung Ball bewegte (wiewohl sicher nicht absichtlich), den Ball in seiner Flugrichtung abfälschte und erst dann der Freiburger Keeper den Ball fing. Dem TV-Zuschauer war in diesem Moment klar, dass offensichtlich eine strittige Handspiel-Szene im Strafraum vorlag, woraus sich auch die Gesten der Mainzer und die Protestmeute um den Schiri im Nachhinein erklärte. Danach und zwischendurch kamen von der Regiezentrale immer auch Bilder mit einer Platz-Totalen – dabei wurde deutlich, dass die Masse der Zuschauer sich ungefähr halbzeitmäßig verhielt (Abwendung vom Spielfeld, viele waren auf den Aufgängen bzw. viele Plätze auf den Haupttribünen und der Gegenkurve waren leer) – es hatten eindeutig auch die allermeisten Zuschauer den Pfiff als erwartetes Halbzeitsignal verstanden und die strittige Aktion nicht bemerkt. Durch die Replays war auch klar geworden, dass der (Haupt-) Schiedsrichter das strittige Handspiel mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nicht gesehen haben konnte – er stand im entfernten Halbfeld an der Strafraumkante und mindesten fünf oder sechs Spieler standen zwischen ihm und dem (strittigen) Handspielenden. (Ich selbst dachte übrigens, der Handspielende wäre Petersen gewesen, im Spielnachgang stellte es sich dann heraus, dass es Kempf war)

Weiterhin wurden Bilder gezeigt, die den Schiedsrichter dabei zeigten, wie er den externen Monitor an der Seitenlinie betrachtete (also die typisch gewordene Wiederholungsbetrachtung des Schiedsrichters auf seine Anforderung hin – bei der ein Schiedsrichter den Platz kurzzeitig verlassen muss). Gleichzeitig wurde mehrfach gezeigt, wie er zu verschiedenen Momenten Headset-Gespräche führte – damit war für den Zuschauer ebenfalls klar, dass offensichtlich ein Dialog mit dem Videoassistenten geführt wurde. Diese ganzen Szenen, immer wieder durchschnitten von Platztotalen, wurden in sehr schneller Folge hintereinander gezeigt mit Wiederholungen dazwischen. Es war mir nicht klar, was genau „live“-Bilder waren und was nicht. Man sah vor allem in der Totalen, dass alle Spieler der Mainzer auf dem Spielfeld verblieben waren und an der Seitenauslinie standen, zum Teil im Dialog mit Reservespielern oder in der Nähe der Schiedsrichter und des vierten Offiziellen. Dann kamen auf einmal auch Bilder aus dem Spielertunnel, die auch mit Ton unterlegt waren (wobei es unklar war, ob es „live“-Bilder waren). Dort standen die Freiburger Spieler in einer Traube mit Betreuern und vielen Sonstigen und man hörte, wie Petersen (laut) sagte, „Wir gehn nicht raus!“ – die restlichen, sichtlich aufgeregten Sprüche waren unverständlich. Zu diesem Zeitpunkt wurde auf dem von mir betrachteten Stream auch wieder „kommentiert“ und zwar auch deutlich aufgeregt und mit hoher Drehzahl ;-)

Interessanter waren aber die Vorgänge auf dem Platz selbst. Dort gab es wieder verschiedene Szenen zu besichtigen, die zum Teil offensichtlich Wiederholungsmaterial waren (Spielerproteste an den Schiri auf dem Weg zum Seitenaus, das Anstürmen des Bankpersonals, also Manager, Betreuer, Ersatzspieler etc. auf das Schiedsrichterteam und den Vierten) und wohl auch diverse Live-Bilder – hier besonders die üblichen Christian-Streich-Aktivitäten. Der hatte sich anscheinend zusammen mit seinen Betreuern nicht in die Kabine verzogen, sondern bedrängte die Offiziellen. Dabei ist hervorzuheben und auch auf den Bildern zu belegen, dass er nicht wie sonst in der Saison komplett durchdrehte, sondern sichtlich bemüht war, die Fassung nicht zu verlieren. Relativ schnell schien er sich auch wieder Richtung Trainerbank zurückzuziehen und zu „beruhigen“ – dabei gelangen allerdings auch nahezu sensationelle Bilder eines Menschen, der in Gestik, Haltung und Mimik das Bild eines völlig zu Unrecht vom Schicksal Niedergeschmetterten darboten. Wenn Schauspielschulen mal Musterbilder für vollständig vernichtetes Elend suchen – in den Bildern können sie es bei Streichs Ansicht problemlos finden. Ein Blick auf das heulende Streich-Elend machte klar, dass der Schiri eine Entscheidung getroffen hatte: er entschied auf Handspiel und Elfmeter.

All‘ diese Szenen kamen wie gesagt in kurzer, gedrängtester Folge innerhalb von ein bis zwei Minuten – recht unterschiedslos abwechselnd zwischen Wiederholungen und „live“-Bildern. Nachdem der Schiri die Entscheidung getroffen hatte (während die TV-Bilder den verzweifelten Streich zeigten), war er Richtung Punkt gelaufen zusammen mit den Mainzer Spielern. Dort standen sie dann und warteten alles in allem noch mal zwei Minuten auf die Freiburger, die sich sehr zögerlich aus dem Spielertunnel herausbewegten. Dann kam eine kurze Einweisung an alle Spieler, dann der Elfer, der verwandelt wurde. Wie (lange) später veröffentlicht wurde, hatte der Schiri die Spieler über Besonderheiten zu belehren: es durfte hier, in diesem Fall, keine Gelegenheit zum sogenannten „Nachschuss“ genutzt werden – das ist wohl der einzige, sportrechtlich angreifbare Punkt bei dem ganzen Prozedere. Durch diese Belehrung machte der Schiri nämlich anscheinend deutlich, dass das Spiel für die Spielpause schon unterbrochen war und deshalb der Elfmeter „außerhalb“ des regulären Spielbetriebs ausgeführt werden müsse (ähnlich etwa den Bedingungen eines Elfmeterschießens nach einer Verlängerung). Es ist im Nachgang keineswegs vollständig klar, ob diese In-Situ-Belehrung sportrechtlich korrekt war, obwohl es tatsächlich eine Regel gibt, die diese Interpretation ermöglicht. Ohne vorgreifen zu wollen ist dies tatsächlich das einzig strittig Bleibende an dem ganzen Theater.

Mindestens die Hälfte der Stadion-Besucher (wenn nicht mehr), hat diese ganze Klamotte nicht mitbekommen oder erst ganz spät, als sich die Spieler tatsächlich am Strafraum einfanden, erkannt (es ist zwar im TV-Bild nicht ganz klar, aber die Stadion-Großbildanzeigen haben vielleicht erst kurz vor Ausführung des Elfmeters die diversen Replays gezeigt). Für die Allermeisten von ihnen muß die gesamte Aktion überraschend und vielleicht sogar unerklärlich gewesen sein.

Danach kam dann Pausenzeit und noch reichlich dazu, weil die beiden Toilettenpapier-Weitwurf-Aktionen mit anschließendem Wegräumen anstanden.

Der sz.de-Live Ticker war zwischenzeitlich mal um einen Eintrag der Schlussaktion mit einem weiteren „Halbzeit“-Eintrag versehen worden. Das wurde dann unvermittelt alles wieder gelöscht und nach einiger Zeit mit diversen Neu-Einträgen mit gekünsteltem Zeitstempel („45. +7“) neu eingestellt – ein Musterfake, wie es im Buche steht.

Twitter war zwischenzeitlich komplett durchgedreht. Alle nur denkbaren Witzchen wurden in den rund drei bis fünf Minuten bis zur Ausführung der Elfers gemacht und danach nur noch wiederholt bis zum völligen Überdruss (etwa: „toll – jetzt können sie ja den Elfmeter von Spieltag 14 doch noch bekommen“ oder der besonders beliebte: „jetzt holen sie die wembley-spieler aus dem altersheim“ oder auch „nicht dass sich jemand vorschnell in die busse setzt – ansonsten einfach wieder runterholen von der autobahn„). Dieselben Sprüche findet man dann wiederum tausendfach in den Kommentaren auf die Sportberichte des nächsten Tages.

Die Süddeutsche Zeitung verstieg sich am folgenden Tag im zugehörigen Bericht zu der Verschwörungstheorie, dass nur dann, wenn der Videoassistent den Schiri auf dem Platz, vor dem Erreichen der Seitenauslinie, erreicht hat, die Entscheidung gültig wäre (ich verlinke hier nicht, weil typischerweise so ein Quatsch von den online-Redaktionen heutzutage intransparent gelöscht oder verändert wird).

Was war denn eigentlich passiert?

Nichts. Also: zumindest nichts Besonderes.

Das „Ungewöhnliche“ im Zusammenhang war einzig und allein der Zeitpunkt – und dass mindestens eine Mannschaft (die Freiburger) den etwas „ungewöhnlichen“ Zeitpunkt zu theatralischen Spielchen benutzte. Das meine ich vollständig ernst und weder polemisch, noch ungerechtfertigt als unbeweisbaren „Vorwurf“. Den Beweis haben sie selbst nachweislich geliefert, weil sie (und ihre Bank) völlig offensichtlich von den Vorgängen im Strafraum, den Protesten und der Reaktion des Schiris Richtung VAR wußten – und zwar schon lange, bevor sie im Spielertunnel verschwanden. Sie hatten klar mitbekommen, dass mindestens der (Haupt-) Schiedsrichter, aber auch die anderen Offiziellen Kontakt zum VAR hatten und das dementsprechend eine strittige Aktion vorlag. Und genauso wie etwa in der 13. Minute eines Spiels oder der 64. hatten sie schlicht und einfach abzuwarten – genau wie die Mainzer. Das haben sie willentlich und wissentlich nicht getan.

Ansonsten war dem Verlauf nach alles wie bei jedem beliebigen anderen Eingriff des VAR auch. Es dauerte durch die Freiburger Spielchen (und die übliche Bank-Protestiererei) nur länger. Das ist alles. (Wie gesagt: die Belehrung vor dem Elfer war möglicherweise sportrechtlich unkorrekt)

Aber warum hat sich dann alle Welt und die angrenzenden Sonnensysteme so aufgeregt? Und auch noch am nächsten Tag? Und nächste Woche/Jahr/Jahrzehnt?

Zunächst einmal deshalb, weil sich jede Menge Leute ganz grundsätzlich gerne aufregen. Egal welcher Anlass, egal ob begründet, egal ob man „recht“ hat – Hauptsache: aufregen. Das gehört heute anscheinend zur Dauer-Event-„Kultur“ unverbrüchlich dazu – wenn man sich nicht aufregen kann, dann war es kein Event und wenn es eins war, dann bestenfalls ein langweiliges, doofes, untaugliches.

Dann aber wohl hauptsächlich, weil die mediale Übertragung simpel „fehlerhaft“ war. Und an sich war sie gar nicht fehlerhaft – sie hat nur einfach denselben Fehler gemacht, den jeder andere außerhalb des Spielfeldes auch gemacht hat: sie (die Regiezentale des DFL-Produktionsbetriebes) dachte einfach auch, es sei Pause. Und weil sich in den ersten Momenten auch nichts besonders Auffälliges tat, man also nicht erkannte, dass dort ein strittiger Moment vorlag, lief einfach die gesamte Produktion nach business as usual – genauso wie bei allen abnehmenden Sendern.

Erst einige zwanzig, dreißig Sekunden nach dem „Pausengong“ erkannte die Regie, dass etwas Ungewöhnliches vor sich ging und ließ dann erst alle ihre Feldkameras neu auf die Aktivitäten ausrichten, sichtete die strittige Szene und stellte das Material für die Verwerter-Sender zusammen. Deshalb – und nur deshalb! – bekamen viele Zuschauer den Eindruck, dass da etwas Überraschendes / Nie-Dagewesenes stattfand. Denn um den eigenen „Fehler“ zu überdecken, dramatisierte die Regie offensichtlich auch den gesamten Vorgang (z.B. durch die schnellen Schnittfolgen). Der einzige (?) Sender, der anscheinend einen Journalisten vor Ort hatte, der eben auch mal einen echten Blick auf das Geschehen hatte, war wohl Sky – deshalb hatte dieser Sender auch wohl einen Vorsprung beim Érfassen der Zusammenhänge und dementsprechend hatten Sky-Zuschauer auch schneller begriffen, dass da etwas „Sensationelles“ vor sich ging. Denn – wie sich an den Tweets zeigte – hatte offenbar auch der Sky-Journalist die unverhoffte Gelegenheit zur totalen Überdramatisierung genutzt – und blieb dann natürlich auch dabei.

So also werden heute Märchen und Mythen in die Welt gesetzt und für die Ewigkeit tradiert. Weil die TV-Leute (und in der Folge alle anderen Medien) nicht begriffen, was vorging und dieses Nichtbegreifen kaschierten durch ungerechtfertigtes Dramatisieren.

Aber man kann ihnen das eigentlich nicht vorwerfen – dazu hat Christian Streich, das waidwunde, zu Tode gehetzte Knuddeltierchen auf der Freiburger Bank, ein zu niedliches Bild abgegeben. Sie mußten einfach eine dazu passende Gräuelstory erfinden.

Anmerkung, einen Monat später:

Oben hatte ich irgendwo geschrieben, dass die durch die Medien inszenierte Story sich als Wahrheit auf Dauer etablieren würde. Das war zwar in ironischem Tonfall geschrieben, aber ich meinte es genau so. Und natürlich hatte ich damit wie beinahe immer recht, wenn man beim Fußball dem grundsätzlich pessimistischen Gefühl folgt. In einem (vorläufigen) Saison-Abschlusskommentar in der Süddeutschen Zeitung von P. Selldorf, in dem vieles Richtige steht (wenn auch nach meinem Geschmack alles noch bei weitem zu positiv und „nett“ beschrieben wird), findet sich die mediale Falschdarstellung schon in der Form wieder, die wohl Bestand behalten wird in der Fußballgeschichte: „… und gegen den Videobeweis, der mehr Gerechtigkeit bringen sollte, aber bloß noch mehr Ärger produzierte, zum Beispiel einen Elfmeter, der in der Halbzeitpause verhängt wurde.„.

So wird es wohl auf Dauer kolportiert werden. Ein Märchen, durch Missverständnisse der medial von außen Zusehenden entstanden, und von ihnen selbst, nach Erkennen des Irrtums, absichtlich weiter beibehalten zur Kaschierung des sensationalistischen Blödsinns, in dem sie sich als Grundsatzhaltung eingerichtet haben.

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