post2016

Auch als geschlagener Fußballinteressierter bekommt man natürlich mit, was alle möglichen Leute in der Welt grad so beschäftigt – man bekam es Mitte 2016 sogar in ganz besonderem Maße mit (wenn man bei der EM in Frankreich die Augen/Ohren nicht vollkommen auf den Spielbetrieb fokussiert hatte – denn mitten hinein platzte ja der unselige „BREXIT“-Entscheid). In einem Drittel (oder je nach Gewichtung: einem Viertel oder Fünftel…) der Welt ist im derzeit auslaufenden Jahr 2016 das Schlagwort „postfaktisch“ oder „post-truth“ das Motto der ergebenen Schicksalsungemeinschaft. Alles mögliche läuft nicht so wie gehofft, gewünscht, gedacht, gemeint oder erbeten und allgemein scheint man der Ansicht zu sein, das läge daran, dass breite Bevölkerungsteile den inneren Kontakt zu Realitäten bereitwillig und begeistert zugunsten einer Fantasy-World voller Wunder, Superhelden, rosa Einhörnern und sonstigen Ponzi-Schemes aufgegeben haben.

Diese Postfaktizität führe dazu, so schreiben es etliche kommentierliche Edelfedern, die das Jahr mit Summenzügen abschließen, dass man die Leute in ihren Echokammern und Filterblasen nicht mehr erreicht und sie deshalb geradewegs in ihr selbstverschuldetes Elend leider leider absinken müssen. Aber wenigstens haben es die Edelfedern ihrer eigenen gutbezahlten Überzeugung nach auch über dieses Jahr nicht an Aufklärung und gutem Beispiel fehlen lassen – es ist also auf gar keinen Fall ihre Schuld, das kommende oder zumindest dräuende Elend.

Als dummer Konsument wundert man sich manchmal ein wenig über diese Publikumsbeschimpfung. Die Fake-Überschriften (die dicken Titel mit den Horrormeldungen), die auf facebooks unerreichbaren Echokammern von Millionen Missgeleiteten durch sharing verbreitet werden, die kommen scheint es niemals von Webseiten der seriösen Medienplattformen, die sich ja auch kaum gegenseitig überbieten an hyperventilierender Eventtotschlägerei in dauernder Folge – nein, die müssen aus Käffern aus Gottweißwo kommen, in denen sich junge Leute alle möglichen Fake-News ausdenken, um damit Millionen und Abermillionen an Werbegeld abzuzocken, diese Lümmel. Na wenigstens verdienen die seriösen Plattformen ein paar Cent damit, dass sie diese Ungeheuerlichkeiten nachweislos „aufdecken“ und als clickbait-Strecke auf ihre Plattformen hieven.

Für mich persönlich war das Jahr weniger durch postfaktisches, sondern im Gegenteil durch durchaus eisenhart belegbares bestimmt. Und das „Besondere“ für einen am Fußballsport interessierten war, dass nur sehr wenig so gelaufen ist, wie „man“ es gerne hätte oder gewöhnt war. Leider eben nicht postfaktisch, sondern nurfaktisch.

Das bestimmende Problem des Jahres war zunächst und in gewisser Hinsicht „immer noch“, auch jetzt ganz am Ende der Zeitspanne, dass die gewohnte und beliebte Zweiteilung durch Saisonende und Neubeginn irgendwie ziemlich abhanden kam in diesem Jahr. Es schien so, als würde die Saison 15/16 einfach gar nicht enden. Nach dem letzten Spieltag, CL- und EL-Finale und Pokal kam umstandslos die wichtige, von hohen Erwartungen begleitete EM und kaum dass die ungünstig abgewickelt war, stand man vor der kritischen Begleitung zweier deutscher Auswahlmannschaften bei der Olympiade in Rio/Brasilien. Kaum war das wiederum abgewickelt, ging im Prinzip die Liga wieder los beziehungsweise dem Gefühl nach eigentlich weiter – denn im Grunde war die Saison 15/16 eigenartig offen geendet. Von außen sah es zwar aus, als hätte sich „wenig“ getan: der FCB weiterhin an der Spitze, der Rest relativ geordnet hintendran. Aber insgesamt war die Saison eher ungewöhnlich dürr – Guardiola war als Bayern-Chefcoach frühzeitig eine lame duck geworden durch den avisierten Fortgang und schaffte es folgerichtig auch in 2016 nicht, dem FCB zu einem internationalen Titel zu verhelfen. Wäre nicht tragisch gewesen, wenn nicht gleichzeitig sich die Tendenz aus den Vorjahren fortgesetzt hätte, Punkte auch national liegenzulassen. Also setzte man einige Hoffnungen auf Tuchels BVB, der punktemäßig auch durchaus wacker mithielt bis ins zweite Saisondrittel – dann aber die Luft verlor. Die nicht unerhebliche Hoffnung auf Wolfsburg als neuem ernsthaften Konkurrenten in der Spitzengruppe wurde in der Liga ziemlich radikal eingestampft – die Unfähigkeit, den De Bruyne-Wechsel zu Beginn der Saison gut zu moderieren, führte zu einem mittleren Platz am Ende der Saison mit gleitendem fortdauernden Absturz in der aktuellen (unteres Mittelfeld zum Ende des Jahres). Und am Anfang der Saison 16/17 war der angekündigte und erwartete Zeitpunkt gekommen, an dem das Redbull-Designteam vom Durchmarsch in der zweiten Liga in die erste wechselte. Und auch noch einschlug wie eine Bombe in eine spröde und völlig unbewegte Masse bis zur Winterpause. Wobei alle traditionellen „Topclubs“ aus welchen Gründen auch immer wie schon in den Vorsaisons eine eher blamable Leistung in der Hinrunde darboten.

Irgendwie ist schon wieder (oder immer noch…) gar nichts geklärt – noch nicht einmal, ob RB Leipzig (oder Hoffenheim oder Hertha…) tatsächlich so stark ist wie ihr Tabellenplatz oder nur alle anderen zu doof sind.

International gesehen war natürlich auch 15/16 wieder mal ein ziemlicher Reinfall (relativ gesehen – weil es letztlich dann doch nur immer um Pokale geht und dann zählt eben bestenfalls noch der „Zweite“ und an sich auch nur der Sieger). Besonders bedenklich war natürlich, dass der so hoch veranschlagte BVB, dem man „wenigstens“ in der Europa-League mal was zutraute, ziemlich armselig gegen ausgerechnet eine englische Mannschaft (mit Klopp als Trainer!) rausflog. Die übergroßen Hoffnungsträger auf das Welt-Championat und die Sieger der Herzen… noch nicht mal fit für das Finale der EL (das dann aber spätestens doch gegen einen spanischen Club in die Hose gegangen wäre).

Dann die in vielem überraschende EM. Reihenweise vergurkten hochgelobte Spitzenteams (Belgien, Kroatien, England, Spanien……….) die Gruppen- und frühe KO-Phase. Mit dem verrückten Ergebnis, dass der Turnierbaum auf der einen Seite nur übriggebliebene „Favoriten“ und die andere Seite nur „Kleine“ enthielt. Und so kam es wie es eben dann kommen mußte – schlussendlich bekam Portugal durchaus verdient mit überwiegend unschönem Fußball die Trophäe. Die DFB-Auswahl war zwar sowohl auf dem Papier als auch auf dem Platz jeweils spielerisch und von der „Idee“ her die beste Mannschaft des Turniers – aber eben nur *theoretisch*. Praktisch, oder besser noch: faktisch, haben sie sich in einigen Teilen der Mannschaft auf dem Platz nie recht gefunden und die rechte Seite war „post-Lahm“ ein programmiertes Loch. Was Löw sich bei der Mannschaft gedacht hat wird wohl sein Geheimnis bleiben. Dann kamen ein paar wenige, aber leider entscheidende individuelle Fehler hinzu – und es hat noch nicht mal zum Endspiel gelangt. Das wäre mal ein EM-Titel gewesen, der durch die Verrücktheiten der anderen möglich und in Reichweite gewesen wäre. Aber pustekuchen. Es wird einige Spieler in der Auswahl geben (und wahrscheinlich im Stab auch), die sich im Nachgang ernsthaft und auf Dauer ärgern.

Die beiden Fußball-Turniere bei der Olympiade waren auf eine andere Art nervenaufreibend. Beide deutsche Auswahlmannschaften – die klassische DFB-Frauenauswahl und eine Art aufgemotzte U21-Auswahl der Männer – waren nämlich nicht besonders gut in den jeweiligen Spielen. An Kampf und Einsatz hat es nicht gefehlt, weder individuell noch als Team. Aber speziell bei den Frauen setzten sich die diversen Mängel der WM2015 im Grunde fort und bei den Männern/Burschen fehlte eindeutig die Abstimmung (fehlende Vorbereitungszeit). Weil aber die anderen „Favoriten“ aus welchen Gründen auch immer noch weniger auf den Rasen brachten (bei den Frauen war die USA ein bemerkenswerter Ausfall), kamen beide Auswahlmannschaften trotzdem zu großen Erfolgen – die Männerauswahl hat im Endspiel knapp gegen Brasilien verloren (was vermutlich unbedingt so sein mußte, weil sonst ganz Brasilien wahrscheinlich kollektiven Selbstmord begangen hätte) und die Frauen haben sich im Endspiel dann verdient den Pott geholt – oder besser gesagt: die für einen Mann-/Frauschaftsport unpassenden „Medaillen“. Zumindest vom Ergebnis her eine sehr schöne Leistung. Da beide Trainerstäbe nach den Turnieren komplett aufhörten (der Neid-Stab bei den Frauen und das Hrubesch-Team bei der U21), sind beide Turnierleistungen so etwas wie Zäsuren – nach dem Ende ist es gleichzeitig ein völliger Neubeginn für beide Kader.

Das Jahr 2016 ist also letztlich nur ein weiteres „Cliffhanger“-Jahr, in dem man insgesamt hoffend darauf wartete, dass der deutsche Fußball endlich mal wieder richtig in die Puschen kommt – und dann letztlich doch ziemlich bedröppelt dasteht. An der völlig absoluten Vorherrschaft der spanischen Clubs hat sich im Bereich des wichtigen Club-Fußballs nicht das Geringste geändert (im Prinzip: im zehnten Jahr bzw. mehr), und ob die Bundesliga, von der man an sich annehmen dürfte, sie *könne* sehr wohl mindestens deutlich besser sein als die englische, französische, italienische…. Konkurrenz, tatsächlich mal einen Qualitätssprung nach oben vollziehen wird, ist nach wie vor unklar und eigentlich unwahrscheinlich.

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