Die Korruptionsgrätsche

Ein beliebiger Saison-Nachmittag in Europa. In vielen Stadien längs und quer durch die Spitzenligen läuft der Ball in gut- oder bestbesuchten Arenen. In den spielstärksten Ligen Europas sind beinahe alle Spiele durchgängig ausverkauft und bei durchaus vielen Vereinen ist es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit geworden, einigermaßen aussichtsreich kurzfristig an Karten zu kommen. Weitere viele, viele Millionen Europäer hängen schon traditionsgemäß vor Radios und Fernsehgeräten und hören/schauen sich wie an jedem Spieltag die nationalen und internationalen Konferenzen und Einzelspielberichte an. Die internationalen Wettkämpfe der Vereine – Europa und Champions League – locken ganze Völkerscharen in die Austragungsstätten und vor die Großbildleinwände. Internationale Wettkämpfe der Nationalmannschaften sind europäische Festzeiten mit ungeheurer Anziehungskraft. In der anderen Richtung, hin zu den Amateuren, könnte es beinahe besser kaum noch werden – überall in allen Regionen Europas, in allen Dörfern, Städten und Metropolen wird in allen möglichen und unmöglichen Organisationsformen (natürlich zumeist in klassischen und traditionsreichen Vereinen) Fußball gespielt. Kiddies, Youngster, Männer, Frauen, Opas und Omas, Millionen und Abermillionen spielen Fußball, schauen Fußball, nehmen aktiv und passiv Anteil an Fußball und lieben diesen Sport. Und Europa ist noch gar nichts – überall sonstwo auf der Welt, in manchen Regionen mehr, in anderen weniger, bietet sich dasselbe oder ein noch passionierteres Bild – Fußball dürfte seit etlichen Jahrzehnten der beliebteste, meistbetriebenste und meistbeachtete Ballsport der Welt sein. Besser kann es kaum werden, es kann nur berechtigt erwartet werden, dass Jahr für Jahr, Saison für Saison, Wettkampf für Wettkampf weitere Höhepunkte kommen werden ohne jedes Ende.

Außer natürlich man liest irgendwelche Zeitungen oder verfolgt mediale Hysteriewellen. Dort, in Büchern, TV-Shows, News-Formaten, Zeitungsartikeln und entsprechenden Leserkommentaren erfährt man seit etlichen Jahren, dass der Fußballsport schon lange komplett am Ende ist wegen der Kommerzialisierung, dass niemand mehr die Profi-Wettkämpfe verfolgen sollte, weil alles Betrug ist und die Kinder in Afrika sterben und dass alle Funktionäre in allen Verbänden, angefangen bei den lokalen Vereinen und kulminierend natürlich beim absoluten Satan, der FIFA, vollkommen korrupte Verbrecher sind, die die Seele des Fußballs zur persönlichen Bereicherung schon vor Jahrzehnten verkauft haben.

Solange man seine fünf Sinne noch einigermaßen beisammen hat, fällt hier ein gewisses Mißverhältnis auf. Einerseits läuft offensichtlich der Sport auf allen denkbaren Ebenen bestens und seine Liebhaber nehmen zur Teilhabe daran bereitwillig gigantische Mühen und Kosten auf sich und andererseits soll es anscheinend das radikale Böse sein, das sich da auf den Plätzen entfaltet und es wird vom ohnehin Schlechtestmöglichen zum unerahnbar immer noch Schlechteren. Wie das zusammenpassen soll, das kann glaube ich niemand erklären.

Aber sinnvoll erklären will das ja auch keiner, diesen offensichtlichen radikalen Widerspruch. Was jedoch etliche Leutchen wollen ist sowohl enorme Summen ausgeben zur Teilnahme am Sport als auch gleichzeitig wildestmögliche Gruseleien und Kinderschreckmeldungen über eben diesen Sport verbreiten. Warum es Leute zu derartig schizoidem Tun treibt, ist mir persönlich völlig unklar. Denn die Begründungen, die für solche Widersprüchlichkeiten angeboten werden, erscheinen mir sehr gegenstandslos zu sein. Da gibt es diejenigen, die durch die Behauptung von unbelegten und unbelegbaren Gräuel innerhalb von Verbänden sich den Anschein großer Kennerschaft des inneren Betriebes geben – obwohl völlig klar ist, dass ebenjene Behauptenden an Vorstands- oder Verbandssitzungen nie Anteil hatten, weder als simple Mitglieder eines Vereins noch gar als mandatierte und gewählte Funktionäre. Wenn man in entsprechenden Kommentarbeiträgen nachfragt, ob denn zum Beispiel die/derjenige, die/der behauptet, dieser oder jener Spitzenfunktionär sei „korrupt“ oder „ein Verbrecher„, eine entsprechende Strafanzeige erstattet habe, da er/sie doch anscheinend über Beweismaterial verfüge, mit denen solche Leute dingfest gemacht werden können, dann kommt als Erwiderung – wenn überhaupt oder neben wüsten Beschimpfungen – bestenfalls, „dass man dergleichen doch schon seit langem wüßte“ oder (noch witziger) „dass die Tatsache, dass praktisch noch kein einziger europäischer Spitzenfunktionär jemals ernsthaft belangt worden ist, eindeutig zeige, wie korrupt die ganze Mafia doch eigentlich ist und das selbst Politiker, Staatsanwälte und Richter mit denen unter einer Decke stecken – sonst wären ja schon jede Menge im Knast„. Aha…. ja, das ist irgendwie schlüssig – unter der Voraussetzung, dass man nicht alle Tassen im Schrank oder nicht mehr alle Latten am Zaun hat.

Oder es gibt auch Leute, die ihre Lebenszeit über Jahre und Jahrzehnte darauf verwenden, Bücher und Zeitungsartikel über die unhaltbaren Zustände zu verfassen. Einer von diesen Leuten heißt Thomas Kistner [Wikipedia], ist hauptberuflich eine Art Sport“journalist“ bei der Süddeutschen Zeitung und real hauptpersönlich ein öffentlicher Ankläger eben dieser unhaltbaren Zustände im Fußball- und Allgemeinsportwesen (und in der Freizeit selbstverständlich Fußballliebhaber, Balltreter, Vereinsfan und Merchandise-Käufer). Seit den Neunzigern betreibt dieser Typ wie es im WP-Artikel so schön heißt „investigativen Sportjournalismus“ und veröffentlicht ein paar Mal pro Monat in seinem Blatt irgendwelche tendenziösen Horrorstorys über seiner Meinung nach schlimme Dinge im Sport. Außerdem veröffentlicht er jede Menge Erregungs-Schund auf diesem Sektor – in Leserkommentaren zur „Korruptheit im Fußball“ taucht beinahe unweigerlich irgendwann ein Bezug zu seinem Büchsken „FIFA Mafia“ auf (das ist ein Link zu einer Amazon-Seite der Taschenbuchausgabe – ich gebe den Link auf Amazon hier an, weil ich empfehle, die Lobhudeleien der „Journalisten“kollegen zur Kenntnis zu nehmen oder vor allem die hysterischen Jubelschreie der Kommentaristen dort; es ist ausdrücklich keine Empfehlung zum Kauf bei Amazon oder zum Kauf dieses Machwerks).

Wer aus welchen Gründen auch immer dieses oder ähnliche Werke liest/lesen muß, der weiß, warum Herr Kistner sich die Mühe macht, die Zustände in Büchern und Artikeln anzuprangern und zu geißeln: Er und andere möchten gemäß eigenen Angaben den Fußballsport verbessern. Sie möchten ihn von Verbrechern und dem Bösen befreien und ihn – ihrer Ansicht nach: wieder – zurückführen in den Stand der sportlichen Unschuld. Deshalb sind ihre Bemühungen als völlig uneigennützige Aufklärung zu verstehen, nicht etwa als typische Skandalbücher mit einer Halbwertzeit von ein paar Wochen, in denen maximale Auflage verkauft werden soll und deren Inhalte keinerlei Folgen für irgendjemanden außer dem Bankkonto des Autors und seines Verlages hat. Wer diese und ähnliche Machwerke gelesen hat, der weiß auch wie solche Schinken gestrickt sind – sie bestehen aus einer endlosen Anhäufung von Skandalnachrichten, deren Quelle die eigenen Artikel über die Jahre sind und tausende ähnliche Quellen aus anderen „journalistischen“ Beiträgen anderer (Skandal-) Blättchen. Zwischendurch kommt dann mal ein Abschnitt, in dem der Autor so tut, als hätte er spezielle Quellen beim „FBI“ befragt oder besonderen Zugang dazu (obwohl nur irgendwelche Pressemeldungen dieser Institutionen verfälschend aufgeblasen werden) und als Eckpfeiler eingerammt in den endlosen Wust an Nichts sind dann die paar Fälle (die man im Grunde an einer Hand abzählen kann), denen tatsächlich irgendwelche Vergehen nachgewiesen werden konnten (obwohl auch bei denen letztlich nichts rausgekommen ist). Im Stil geht es um permanente Beschuldigungslyrik ohne jeden Beleg und eine hysterisierte Anklägerei ohne Befugnis. Wie gesagt – typisch Skandalnudelei ohne jede Folge. Aber solche Typen gelten dann schon alleine durch ihre Hartnäckigkeit – alternativ: Merkbefreitheit – im alltäglichen medialen Wahnsinn als „Experten“ und „Insider“ und werden gerne zu Talkshows und Podiumsdiskussionen eingeladen. Es ist alles nicht nur einfach heiße Luft – es ist vor allem heiße Luft, in denen sie ständig herumrühren und dazu ihren Zeitungsjob vergewaltigen. Warum sich ein Blatt wie die Süddeutsche, die sich unter anderem als „irgendwie seriös“ versteht, solche Heißgebläse dauerhaft leistet und ihnen auch noch ein Podium bietet? Ich weiß es nicht, aber wie anderswo angeklungen glaube ich, dass auch die „seriösen“ Blätter heutzutage am liebsten sensationsgeilen Mist raushauen, weil der am meisten „geliked“ und „geclickt“ wird und sich wohl auch bestens verkauft. Was Herr Kistner und seine Kolleg-Inn-en allerdings im Gegensatz zu den üblichen Kommentartrollen beherrschen ist die korrekte Formulierung ihres Skandalisierungszeugs – sie schreiben im Gegensatz zu ihren Lesern nicht „Blatter ist korrupt„, sondern „wie aus dem Artikel der [irgendeine Postille] hervorgeht, ist Blatter korrupt“ oder benutzen ähnliche rhetorische Finten, die sie von einer Strafverfolgung wegen Verleumdung freistellen. Ihren Lesern fällt das allerdings nicht auf – die gehen berechtigt davon aus, dass Kistner und Konsorten sehr genau und dezidiert das meinen, was sie auch meinen. Und was sie ebenfalls nicht belegen können.

Eine Sache leisten Kistner und Konsorten ausdrücklich nicht und das möchte ich an dieser Stelle klar und deutlich und als wichtiges Resümee ansprechen:

Sie machen den Fußballsport nicht besser.

Sie machen durch unbelegte Hetzereien und an den Haaren herbeigezogene Verschwörungslabereien den Fußballsport schlecht. Sie richten Schaden an. Sie sind Trolle.


Die obige Grundsatznörgelei entstand spontan als Reaktion auf einen zum Zeitpunkt des Schreibens aktuellen Skandalisierungsversuch von Herrn Kistner und seinen Gesinnungsgenossen – der wie leider üblich geworden in der medialen Sensationslandschaft nicht nur ein Versuch ist, sondern ein nahezu sicherer Erfolg. Dabei ging es um eine Spiegel-Ausgabe Mitte Oktober 2015, in der das sogenannte „Nachrichtenmagazin“ angeblich „aufdeckt“ (der berühmte „investigative Journalismus“), dass der DFB beziehungsweise die „Deutschland AG“ sich die Weltmeisterschaft 2006 durch verschiedene Methoden der Bestechung „erkauft“ hat. In der Folge dieses neuen „Spiegel-Skandals“ hängten sich natürlich auch alle anderen Blätter dran und veröffentlichten eine unendliche Anzahl von Folgeartikeln, die wie wiederum üblich den Spiegel-Scoop vom Ton und von den Anschuldigungen her noch übertrafen (soweit möglich). Dieser „neue“ Skandal setzte wiederum auf verschiedene Ereignisse in den Jahren 2014 und 15 auf, die insgesamt von den Medien global als „FIFA-Skandal“ permanent ausgeschlachtet wurden. Dabei geht es wesentlich um irgendwelche FIFA-internen Untersuchungen (eine sogenannte „Ethik“-Kommission der FIFA hatte einen Bericht erstellt zu Korruptionsvorwürfen) und laufende Ermittlungen von Staatsanwälten aus den USA und der Schweiz, die im Jahr 2014 und 15 zu vorläufigen Festnahmen von Personen führten. Seither überschlägt sich die gesamte globale Presse in immer hysterischeren Artikeln in der Feststellung, dass das „gesamte System“ durch und durch „korrupt“ sei und alle möglichen Leute, im besonderen und allen anderen voran die Mitglieder des „Exekutivkomitees“ der FIFA und natürlich besonders deren Vorstand, nichts anderes seien als Mafiosi. Im Zusammenhang mit diesen (diversen) „FIFA-Skandalen“ skandalisiert unter anderem auch Kistner in seinen angesprochenen Büchern und Artikeln herum – hier kann man sich eine Google-Ergebnisliste zu einer Auswahl aus Kistners Artikeln ansehen, darunter auch diejenigen im Gefolge des „Spiegel-Skandals“.

Bei den ganzen medialen Aufmärschen fallen diverse Dinge auf, die oben schon angesprochen wurden. Zunächst mal ist praktisch kein einziger „Vorwurf“ bei den „investigativen Aufdeckungen“ in irgendeiner Hinsicht „neu“. Leute wie Kistner haben schon in den Jahren nach 2000 (dem Jahr der Vergabe der WM 2006 an Deutschland) in ihren Artikeln und Büchern die Vergabe an Deutschland als „gekauft“ bezeichnet und wie üblich bei diesen „Enthüllungen“ werden im Spiegel-Artikel ganze Abschnitte aus den diversen Anschuldigungen anderer „Journalisten“ indirekt zitiert (eben auch aus Kistners Märchenbuch, in dem er wiederum seitenweise Spiegel-Artikel zitiert). Die „Belege“ sind also wesentlich immer die unendlichen Zitationsregresse aus anderen „journalistischen“ Werken. Dabei wird jeweils durch den einzelnen Autor so getan, als stünde das Behauptete schon in irgendeiner Form fest – also etwa die Bestechung des Mitglieds des Exekutivkomitees Charles Dempsey durch den DFB. Der hatte nämlich vor der Abstimmung den Raum verlassen und – da seine Stimme als „Enthaltung“ gewertet wurde – dadurch eine Einstimmen-Mehrheit für die Vergabe an Deutschland verursacht. Das Schöne an solchen „Wahrheiten“ ist, dass man alles mögliche behaupten kann ohne Gegenbeweise fürchten zu müssen, denn Dempsey ist 2008 verstorben. Allerdings hatte er sich in den Jahren nach 2000 durchaus öffentlich geäußert (hier eine schweizerische Quelle aus 2012, die sich unter anderem mit Kistners Buch-Behauptungen befaßt, bzw. der Originalbezug auf einen interviewenden Journalisten (**1**)) – und diese Äußerungen decken die Anschuldigungen keineswegs ab. Der einzige „neue“ Beleg im Spiegel-Artikel scheint irgendein Fax mit einem handschriftlichen Vermerk zu sein, der angeblich vom (heutigen) DFB-Präsidenten Niersbach stammt und angeblich irgendwas beweist – was zum gegenwärtigen Zeitpunkt, vor jeder offiziellen Untersuchung, bestenfalls ein interessantes Verdachtsmoment ist, schlechtestenfalls allerdings eine übliche „Ente“ oder gar ein „Hitler-Tagebuch“ (was im Eifer des Skandalisierungsversuchs überhaupt nicht abwegig wäre). Dann ist weiterhin auffällig, dass es im Jahr 2015 außer den seit langem bekannten Fällen keine gerichtlichen Verfahren, geschweige denn gültige neue Urteile gegen neue Personen oder Verbände gibt. Wenn sich derzeit überhaupt etwas tut, dann sind es polizeiliche / staatsanwaltschaftliche Untersuchungen – und auch dort haben gegenwärtig noch nicht mal Anklageerhebungen stattgefunden. Die internationale Presse hat jedoch schon seit Jahren die Urteile gefällt und verkündet und wiederholt diese Urteile seither in immer größeren Schlagzeilen – obwohl eben noch gar nichts passiert ist.

Das ist eine fatale Entwicklung, die solchen Fake-Journalisten wie Kistner ausdrücklich anzulasten ist. Wie auch immer die Untersuchungen ausgehen werden, ob es zu Anklagen oder gar zu Urteilen kommen wird oder nicht – es steht mit beinahe hundertprozentiger Gewissheit fest, dass die Beschuldigungen, die Presseleute wie Kistner öffentlich erheben und damit ganze Nationen aufhypen, in Gerichtsverfahren nicht Bestand behalten werden (selbst wenn andererseits durchaus darauf gehofft werden kann, dass es in geringem Maß sehr wohl zu schlüssigen Beweisführungen kommen mag, die einzelne Funktionäre – darunter hoffentlich auch Herr Blatter! – wenigstens im langjährigen Nachgang als Schädiger entlarven).

Im Zusammenhang mit Kistners Sensationsgeilheiten habe ich verschiedentlich „Kommentare“ im Forenbereich der SZ verfaßt. Manche sind „durchgekommen“, manche nicht (immer dann, wenn Kistner mit seinen Fake-Kommentaren persönlich angesprochen wurde, fiel gerne die Klappe). Zwei davon mit einem allgemeineren Charakter und relativ aktuellem Bezug quote ich hier als ergänzende Fortführung zum Thema.

Forum-Fragestellung: Korruption bei der Fifa: Was bedeuten die Festnahmen in Zürich? 

Tja, was bedeutet „mir“ das? Zum jetzigen Zeitpunkt und in Rückschau auf die letzten Jahre der Presseberichterstattung: Riesenschlagzeilen und Kenntnisnahme der Reaktionen der Fraktion der „ham wer ja immer gesagt/gewußt!“-Leutchen (inkl. der sz-eigenen Redakteure, die über die Verdachtsmomente Skandal-Bücher gut verkaufen).

Was man tatsächlich wissen kann ist derzeit eigentlich noch ziemlich wenig. Einerseits geht es da um die CONCACAF-Probleme, die ein ganz genuin (nord-) amerikanisches Problem sind. Die Vorwürfe in diesem Zusammenhang sind alle durchweg uralte und beinahe schon langweilige Probleme und durchziehen alle Geschäftsbereiche im Zusammenhang mit der Fußballverwertung im [nordamerikanischen] Kontinentalverband. Mit der Sonderproblematik, dass die große Geldmacherei sich um den US-Markt selber zentriert (Ausstatter, TV-Lizenzrechte, Subvermarkter…). Da sind Firmen, Agenturen, Broadcaster und deren Repräsentanten – inklusive Gouverneure und Senatoren! – betroffen. Als unbeteiligter Betrachter von einem anderen Kontinent könnte man sich hier sehr wundern, dass es anscheinend den USA über so ewig lange Zeiträume (mindestens Jahrzehnte) nicht gelingt, kriminelle Machenschaften auf diesem Feld in den Griff zu bekommen. Aber da die USA ja ziemlich offensichtlich auch alle möglichen anderen Mißstände im eigenen Zuständigkeitsbereich nicht in den Griff bekommen, wundert man sich eigentlich dann doch nicht.

Und da gibt es in diesem Zusammenhang dann noch das eigentliche Problem. Jetzt im Moment gehören die Schlagzeilen den Anklägern / Staatsanwaltschaften / DOJ-Repräsentanten. Schön für sie und hoffentlich schlagen sie Kapital aus der Aufmerksamkeit, die sie nun ein paar Tage lang haben. Dann aber gehen die Dinge ihren Gerichtsweg. Vermutlich in den meisten Fällen einen jahrelangen Gerichtsweg. Davon wird man wenig hören. Was meist daran liegt, das wenig oder gar nichts dabei herauskommt an substantiellen Fakten. Die wirklichen Urteils- oder Verfahrenseinstellungs-Meldungen, die dann in ein paar Jahren verbreitet werden könnten, werden nur ein paar Zeilen bekommen und keinerlei Verbindungen mehr zu den Riesenschlagzeilen von heute haben. Und in der Rückschau werden die Verfahren dann mit hoher Wahrscheinlichkeit zeigen, dass das Material der Ankläger in der Masse unbedeutend oder nicht beweiskräftig war. Aber das macht dann ja nichts mehr, weil die heutigen Ankläger dann schon seit Jahren nichts mehr mit dem Geschäft zu tun haben (weil sie in Rente oder die Karriereleiter hinaufgeklettert sind).

Dasselbe darf man auch durchaus vermuten für den „schweizerischen“ Teil der Durchsuchungen, die sich auf den Verdacht der Manipulationen bei der FIFA beziehen. Ich persönlich bin zwar gespannt darauf, ob die Schweizer Staatsanwälte da was finden werden (und würde es mir sogar wünschen, wenn ich ehrlich bin) – aber für sonderlich wahrscheinlich halte ich es nicht. Und wenn dann in ein, zwei Jahren die Einstellung dieser Untersuchungen erfolgt, wird natürlich kein Journalist bei der sz einen Artikel schreiben, in dem er/sie sich dazu bekennt, die Skandalisierungsartikel von heute leider mit gleichgroßer Schlagzeile zurücknehmen zu müssen. Weil: auch wenn nicht beweisbar, muß die FIFA der allgemeinen Skandalstoryline zufolge ja auch noch in zwei, drei, unendlich vielen Jahren total korrupt sein.

Forum-Fragestellung: Wie sehr schadet das Management [damit sind die „Funktionäre“ gemeint] dem Fußball?

In einem Aufmacher eines der vielen derzeitigen Skandalisierungsversuche von Herrn Kistner & Co. heißt es: „Die WM 2006 war eine perfekte Inszenierung. Jetzt wird sie zerstört…“ [Anmerkung: im Nachhinein und wie leider auch mittlerweile üblich wurde der Text des Aufmachers online ohne Kennzeichnung geändert/abgeschwächt; ebenso wurde Kistner im Nachgang als Mit-Autor des Anrtikels entfernt].

Ähnlich seltsame Meinungen werden auch in den hiesigen Kommentaren mit großem Nachdruck vertreten. Ich persönlich habe größtes Verständnis dafür, wenn Herr Kistner seine langjährigen Buchverkäufe mit dem typischen Inhalt „Die sind alle, alle, alle KORRUPT!“ auch mit dieser aktuellen Presseinszenierung wieder in ungeahnte Höhen zu treiben trachtet. Allerdings bin ich mittlerweile so hysterisierungsresistent, dass ich einfach ein paar Jahre warten werde, bis dann tatsächlich Urteile nach ordentlichen Gerichtsverfahren vorliegen werden (oder entsprechende Untersuchungsergebnisse von unabhängigen Kommissionen). Wenn es überhaupt zu Anklagen kommen wird, was derzeit wohl keiner weiß. Wenn es überhaupt bezeugte Aussagen geben wird, die irgendwelche Anklagen überhaupt möglich machen. Wenn es Belege geben wird, die tatsächlich solche wilden Storys stützen und nicht nur wie üblich Zitationen von Zitationen von Behauptungen in irgendwelchen anderen Zeitungen/Zeitschriften sind.

Bis dahin werde ich mich einfach mal an meine eigenen Erinnerungen halten. *Danach* war die WM 2006 zwar nicht „perfekt“ (was wohl kaum einem Ereignis in einer realen Welt außerhalb von Redaktionsüberschwängen gelingt), aber gut, akribisch und teuer vorbereitet, organisiert und durchgeführt und weltweit als eine „gute“ WM beurteilt. Durch das gute Wetter, die guten Bedingungen und die große Begeisterung aller Besucher (*keineswegs* „nur“ der deutschen…) wurde die WM im Verlauf zu dem, was man „Sommermärchen“ nennt. Wenn ich mir heute die entsprechende DVD anschaue, dann hat sich an diesem Sachstand nichts geändert. Selbst wenn irgendwelche Bestechungsgelder geflossen sein sollten und dafür irgendwelche Funktionäre irgendwann mal bestraft werden sollten, wird sich an der Charakterisierung der WM 2006 nichts ändern. Warum auch?

Die WM 2006 war eine gute WM, die WM 2010 in Südafrika auch, genauso wie die WM 2014 in Brasilien. Oder andere WM.

Liebe berufliche Skandalisierer: bitte trennt doch einfach mal die Dinge sachgerecht auf. Fußball ist ein schönes Spiel. Wettkämpfe sind spannend. WM und EM sind tolle Feste.

Und davon unabhängig: es gibt Verbands- und Vereinsfunktionäre und Spieler, die sich nicht an Regeln halten (die sie selbst volltönend im Munde führen, unter Umständen über Jahrzehnte). Das sind VERSCHIEDENE Dinge. Es gibt keinerlei Notwendigkeit, alles in einen Topf zu werfen.


(**1**) – Der Journalist Jörg Runde veröffentlichte 2012 anläßlich einiger Auslassungen Blatters zur WM-Vergabe an Deutschland erneut Auszüge aus einem Interview, das er „wenige Monate nach der Entscheidung im neuseeländischen Auckland“ (also Ende 2000) mit Dempsey führte. Unter anderem sind diese Auszüge enthalten auf einer News-Seite der Firma t-online, die auch oben im Text verlinkt ist (weil sich eine schweizerischen News-Seite darauf bezieht). Die entsprechenden Interview-Passagen wurden schon mehrfach sowohl im print als auch online, sowohl in deutschsprachigen als auch internationalen Medien veröffentlicht und neben dem Runde-Interview gibt es auch mindestens noch vier andere ähnliche mediale Quellen mit praktisch gleichen Aussagen Dempseys aus den Jahren 2000 bis 2002. Weil die t-online-Quelle mit den Interview-Auszügen keine wirklich sicherbare Quelle ist und jederzeit verschwunden sein kann, folgt hier eine kurze Auswahl von Interview-Statements Dempseys aus Rundes Darstellung:

„Die Entscheidung, die ich getroffen habe, würde ich heute genauso noch einmal treffen“, sagte mir Charles Dempsey damals mit fester Stimme. „Den Hauptausschlag für meine Entscheidung gab, dass im Kreis meiner Kollegen getuschelt wurde, ich würde Geld von der Delegation Südafrikas nehmen. Dem wollte ich mit der Enthaltung entgegentreten.“

„Sepp Blatter dachte, jeder würde dem Präsidenten folgen“, so Dempsey, „ich hatte aber meine Meinung.“

„Der Druck von beiden Seiten war einfach zu groß“, sagte Dempsey. „Ich betone nochmals, dass dies damals keine politische Entscheidung von mir war. Ich hatte bereits Wochen zuvor [Anm.: mit ‚zuvor‘ ist die Abstimmung gemeint – und auch diese Äußerungen vor der Abstimmung sind öffentlich belegt] gesagt, dass meine Stimme an England gehen würde und ich mich bei einem Ausscheiden der Engländer der Stimme enthalten würde.“

Dass ihn Sportminister Mallard als „nationale Schande“ bezeichnete, schreibt er Blatter zu. Denn der hatte Dempseys Wahlverhalten öffentlich gemacht. „Was“, fragte Dempsey, „hatte das eigentlich mit einer geheimen Wahl zu tun?“ Auf diese Frage bekam er nie eine Antwort.

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