Freiheit oder… was?! – oder: Neuros erklären die Welt

Auf diesem Blog werden auch asbachuralte Meinungsäußerungen eingestellt, die irgendwann mal irgendwo von mir hingepostet wurden. Der Grund dafür ist, dass solche Artikelzombies irgendwas enthalten, worauf sich der Blog insgesamt oder einzelne Artikel darin beziehen (könnten). Dieser redigierte und aktualisierte Artikel wurde ursprünglich veröffentlicht auf einem komplett irrelevanten Webforum am 4.6.2006.

Wenn ich Gelegenheit hätte innezuhalten, mein Tun zu überdenken und zu bewerten: Kann dann „ich“ (im Sinne einer Repräsentation einer Person) „mich“ handlungsleitend dazu entschließen, einen uninteressanten Blog-Artikel für dieses Board zu verfassen?

Ist es nicht stattdessen vielmehr so, daß die Entstehung dieses Artikels – und natürlich auch alle anderen unwichtigen Handlungen dieser und überhaupt aller Welten (wie z.B. die ab heute stattfinden müssende FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2006) – schon durch alle seiner Entstehung vorgehenden Aktivitäten zwangsläufig eintreten mußte? Beispielsweise regnet es seit dem allerfrühesten Altertum permanent Artikel zu dem Thema „Freier Wille“ – auch bekannt unter der Schlagzeile „Freiheit oder Sozial… äh, Determinismus“ – von jedem Himmel herunter. Nur als Beispiele für diesen ewigen Diskurs aus jüngerer Zeit seien benannt: Spiegel (2004), Die Zeit (2001), Gehirn und Geist (2006) – tatsächlich würde aber schon eine Suche nur im deutschsprachigen Web-Raum eine schier unendliche Anzahl von Artikeln, Meinungsäußerungen und Nachrichten aufzeigen. Und weil das so ist, war und anscheinend unvermeidlich auch immer so sein wird (müssen), kann es sozusagen gar nicht anders sein, das auch an dieser Stelle irgendwas zu diesem … nuja, Kram stehen muß.

„Ich“ konnte gar nicht anders!

Auch wenn diese Art der Einleitung einen ironisierenden Unterton hat, stört die Quintessenz des nicht-anders-können auch in diesem Zusammenhang deutlich. Es scheint ohne jedes Wenn und Aber jedem klar zu sein, klar sein zu sollen oder mindestens zu können, daß diese Aussage nicht wahr sein kann – sowohl im Sinne von „logisch falsch“ als auch im Sinne von „unwahr/sinnleer“. Es dürfte vollkommen übereinstimmungsfähig sein, daß „ich“ das Verfassen dieses Artikels auch (genausogut) unterlassen könnte und das es einer Entscheidung bedarf, um den Artikel in Existenz gelangen zu lassen.

Nach landläufiger Überzeugung bedarf es aber eines Entscheiders, wenn Dinge geschehen sollen, deren Ausgang oder Existenz nicht notwendig bestimmt sind. Ein solcher Entscheider sei (so der Wunsch und die Überzeugung) der einzelne Mensch in allen seinen Lebensprozessen. Das aber reicht noch nicht ganz: Um der Sache die wirkliche Würze zu geben, soll der Entscheider in guter Weise zur Entscheidung gelangen – Alternativen sollten möglichst umfassend bekannt sein, Folgen sollen abgewägt werden und dieser ganze Dezisionsprozeß soll so weit als möglich auf der bewußten Ebene stattfinden, dort also, wo man schon in ganzen Sätzen memorabel und damit für zukünftige Situationen rückgreifbar „denkt“. Ohne solche banalen Voraussetzungen scheint es nicht sinnvoll zu sein überhaupt von „meiner“ freien Entscheidung zu sprechen.

Schon bei diesen wenigen Absätzen tauchen eine Reihe von Begriffen und Konzepten auf, die entweder sehr unklar sind bei genauerem Hinsehen (auch wenn sie Klarheit vortäuschen) oder aber keineswegs übereinstimmend definiert sind – vielleicht sogar niemals definierbar sein werden in einem allgemeingültigen Sinn. Dazu gehört auf jeden Fall schon der Begriff der Person als „Selbst„, der jeder Frage der Willensbildung so vorgesetzt ist, daß mit seiner Konzeption ein Ergebnis schon regelrecht vorbestimmt wird: Setzt man das „Selbst“ als autonome, binnenregulierende, mindestens teilautarke Perspektive auf die Welt in Kraft, muß man zwangsläufig auch zu einem verantwortenden, entscheidungsfähigen Individuum gelangen – geht man hingegen in Richtung eines biologischen Automaten, der nach Maß und Regel funktioniert, bleibt das „Selbst“ und seine diversen Emanationen (Affekte, Gedanken, Handlungen) farblos und im Grunde rein reaktiv. Auch der Begriff der „Freiheit“ ist keineswegs klar: Negative versus positive Freiheit, Freiheit wovon, Freiheit wozu, Freiheit als Kontinuum usw. – das alles ist schon im Sprachgebrauch unklar. Dieselben Unklarheiten gelten für Schlagwörter wie „Wille„, „Determinismus“ (in seinen verschiedenen Ausprägungen), „Bewußtsein“ (was sind die Minimalanforderungen?), „Sätze/Sprache“ (inwieweit ist Sprache vorbestimmende Struktur? ist Bewußtheit an Deskription gebunden? läßt sich Wahl ohne Symbolkontext durchführen?), „Verantwortung„, „Akteur“ und weitere.

Wegen dieser offensichtlichen Unklarheiten erschöpft sich das Thema auch nicht – es scheint eins der Themenfelder zu sein, das ewig diskutiert, aber niemals allgemeingültig gelöst werden kann. Warum aber kann es aus den Fachzirkeln der philosophischen, juristischen oder medizinisch-psychologischen Fakultäten in den letzten zwanzig Jahren bis auf die Titelseiten selbst von Tageszeitungen und bis in TV-Talkrunden gelangen?

Im deutschsprachigen Raum liegt das auf jeden Fall zu einem guten Teil an einer Art Generalangriff der „Neuro„-Psychologen/-Biologen auf den Begriff „Willensfreiheit„, der unter dem Stichwort „Neuro“ seit Mitte der Neunziger neu in Wellen immer wieder und immer weiter vorangetragen wird. Hierfür stehen stellvertretend immer wieder drei Namen: Wolfgang Prinz, Wolf Singer und der besonders unvermeidbare Gerhard Roth. Die Genannten werden mit ausgesprochen prägnanten Sätzen in Verbindung gebracht wie „Wir tun nicht was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“ (Prinz) oder „Willensfreiheit ist eine Illusion“ (Roth). Dieser Angriff wiederum ist eine mittelbare Folge der „Decade of the Brain„, einer forschungspolitischen Schwerpunktlegung (=Mittelbindung öffentlicher Haushalte) der USA, die ihrerseits zu einer Vielzahl von aufsehenerregenden Projekten und Techniken führte – u.a. auf der Grundlage der sog. „bildgebenden Verfahren„, die einen neuen methodologischen Untersuchungsansatz gewähren. Diese Schwerpunktsetzung bewirkte weltweit aufgrund der starken Vernetzung der wissenschaftlichen Fachbereiche einen ausgesprochen massiven Vortrieb der Life-Sciences – bis hin zum ziemlich überheblich anmutenden Anspruch, mithilfe der „neuen“ Neuro-Sciences praktisch alles „erklären“ zu können.

Ganz speziell Prof. Dr. Gerhard Roth sprach dementsprechend sowohl als Philosoph (der er ist), als auch als Biologe (der er ebenfalls ist) und vor allem als Institutsdirektor (der er wohl medienwirksam mittlerweile vor allem anderen ist) davon, ein neues Menschenbild aufgrund der neuen Forschungsergebnisse „interdisziplinär“ diskutieren zu wollen. Unter anderem initiierte er zusammen mit anderen in den Neunzigern eine Plattform namens Kognition und Gehirn, die ziemlich desaströs unterging und in einem recht häßlichen öffentlichen Gehacke in der Wochenzeitung Die Zeit zwischen Roth und Philosophen (u.a. Ansgar Beckermann) endete. Bei diesem Gehacke kam recht deutlich der Anspruch der Neuros zum Vorschein: Es ging weniger um eine Diskussion als um die Durchsetzung des Anspruchs, aufgrund der angeblich neuen Erkenntnisse aus den Life-Sciences allen anderen Fachwissenschaften entweder die Definitionsmacht zu entziehen oder aber mindestens die Deutungshoheit bei den Neuros anzusiedeln. Selbstverständlich würde Herr Roth hier vehement widersprechen und auf die offene Plattform verweisen, bei der es eben nicht gelang, überzeugende Abweisungen für die Argumente und Darstellungen der Neuros vorzulegen. Es ging (und geht) also auch immer um einen ganz simplen Machtkampf der Fakultäten.

Das ist aber nicht alles. Natürlich geht es auch ganz entscheidend um Redefinitionen von Menschenbildern. Eine der Stoßrichtungen bei der Frage nach „Willensfreiheit“ stellt aus der Sicht der Neurobiologie durchaus die Verantwortlichkeit für das Handeln in Frage. Wenn man dies jedoch in einen gesellschaftlichen Kontext stellt, dann geraten unmittelbar Basiskonzepte der Justiz, der Medizin und anderer Bereiche in drängende Gefahr. Damit auch das nicht als weit hergeholt diffamiert wird, sei beispielhaft auf eine TV-Sendung namens Der Sitz des Bösen. Entstehen Verbrechen im Gehirn? von Tilman Achtnich, ausgestrahlt im Juli 2005 bei der ARD (hier eine von verschiedenen Rezensionen) hingewiesen. Dort wurde von einem gelassen überlegen dasitzenden Gerhard Roth wieder einmal dem Zuseher zugemutet, daß wegen der zweifelsfrei erwiesenen Befundlagen das Strafwesen (das gegenwärtig die Fähigkeit zur Entscheidung vor der Tat voraussetzt, auch wenn dies zumindest in der deutschen Rechtstheorie kein zwingendes Erfordernis ist) als antiquiert etikettiert werden müsse und ein gänzlich anderer Ansatz zu etablieren sei, wie man mit Straftätern umzugehen habe – wie dieser Ansatz aussehen könnte, war Achtnichs Gesamtbeitrag zu entnehmen: Das ging bis zur Euthanasie, mindestens aber zur Klassifikation aufgrund von angeblich gesichert messbaren Hirnparametern, die wiederum prophylaktisch zur Zwangsbehandlung führen solle.

Allmählich also dämmert es auch den anderen Fakultäten, daß die Ansprüche der Neuro-Sciences, die dermaßen massiv in den öffentlichen Raum hinein geworfen werden, tatsächlich bedrohlich sind. Dabei sind sicher vor allem die „Geisteswissenschaften“ (Juristen, Philosophie, Politologie, Soziologie, Pädagogik) gefordert. Daß das oben angesprochene „offene“ Gespräch nicht recht in Gang kam, muß also diesen Bereichen im Nachgang durchaus vorgeworfen werden. Hätte die öffentliche Diskussion angemessene Gegenpositionen „bewußt“ einnehmen können, wären solche „Brave New World„-Ambitionen wie diejenigen in Achtnichs Dokumentation wohl nicht in gleicher Form möglich.

Einer derjenigen, die schon immer versucht haben, in diesem Kontext eine Position der Freiheits- und Verantworlichkeitsbefähigung einzunehmen, ist Prof. Dr. Ansgar Beckermann. Unter anderem in der Reihe Tele-Akademie der Südwest-Fernsehanstalten nahm er 2005 oder 2006 konkret in Bezug auf Prinz, Singer, Roth und andere reduktionistisch operierende Neuro-Wissenschaftler im Rahmen eines Vortrags Stellung. Komischerweise und obwohl ich immer noch den Mitschnitt dieser Sendung auf der Platte habe, ist ausgerechnet dieser Vortrag auf der Tele-Akademie-Webseite 2014 nicht mehr gelistet (obwohl jede Menge andere zeitlich frühere oder ungefähr gleichzeitige Vorträge sehr wohl gelistet sind). Man findet zum Namen „Beckermann“ oder dem Vortrags-Titel „Freier Wille – alles Illusion?“ auf der youtube-Plattform einige Kurzausschnitte daraus, aber anscheinend nicht mehr den gesamten Vortrag.

Egal – denn das Manuskript in anscheinend ausgeweiteter und aktualisierter Form kann 2014 u.a. auf der Webseite der Universität Bielefeld zu Prof. Dr. Beckermann als pdf abgerufen werden.

Es soll mit dem Hinweis auf diese Publikation natürlich keineswegs ausgesagt werden, dies sei eine endgültige oder ausreichende „Widerlegung“ der Ansprüche der Neuros. Es gibt selbstverständlich tausende von anderen widersprechenden Perspektiven auch und vor allem im englischsprachigen Raum und aus vielen Disziplinen (von Anfang an widersprachen auch etliche „Neuro“-Wissenschaftler selbst der Hybris des umfassenden Erklärbarkeitsanspruchs!). Aber im Sinne einer schnellen, zusammenfassenden Übersicht darüber, was die Geisteswissenschaften im Laufe etlicher Jahrhunderte zum Thema „Willensfreiheit“ schon alles zusammengetragen haben und als Nachweis, dass dieser Stand der Dinge bei weitem nicht erschüttert oder auch nur angerührt ist von den Ansprüchen der modernen Neuro-Leute, scheint mir der kleine Aufsatz immer noch vollkommen ausreichend.

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