Fußballjahr 2014 – grandios und seltsam

Der Comedian Dieter Nuhr macht seit einigen Jahren einen Spezialauftritt im Öffentlich-Rechtlichen als „Jahresrückblick“. Im Rückblick auf 2014 setzte er darin als eine Art „Hauptthema“ die Tendenz der letzten Jahre fort, auf völlig irrationale Seltsamkeiten hinzuweisen, die öffentliche Themen wurden – Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Putin, verrückte Leute aller Art, die unter irgendwelchen völlig beliebigen Etiketten wildeste Steinzeitlichkeiten zu Bedeutsamkeiten hochschreien und dergleichen Absonderlichkeiten mehr. Früher eher ein lustiges kleines Nebenthema, im Jahr 2014 jedoch der bestimmende rote Faden.

Es war eine ganz, ganz schlechte Sendung! Denn das eine, einzige wichtige Ereignis kam (soweit ich erinnere) nur zwei- oder dreimal vor. *Und* es kam noch nicht einmal als Abschluss und wesentliches Resümee vor. Muß man sich mal vorstellen! Aber so sind die TV-Clowns: die DFB-Auswahlmannschaft der Männer wird Fußballweltmeister und es wird in einem Jahresrückblick nicht ausreichend gewürdigt.

Gute Güte! Der Wahnsinn! Irre.

Praktisch alles an dieser WM war… ich weiß nicht, wie man es ausreichend sagt, aber ich nehme mal das Wort: phantastisch.

Die jahrelange Unsicherheit speziell nach dem Italien-Sündenfall 2012, wie der Kader funktionieren wird. Speziell nach etlichen Blessuren wichtiger Spieler (Schweinsteiger mit Dauerproblemen, ähnlich wie 2012 usw.). Dann der Tiefschlag mit Marco Reus, einer derjenigen, den nicht nur Fußballdeutschland, sondern die ganze Welt hat sehen wollen bei der WM und dessen WM es duchaus hätte werden können bei Fitness – dann verletzt der sich so im letzten Freundschaftsspiel vorher, dass er nicht mit dabei sein konnte. Die absolut realen Probleme in der Abwehrkette, die in allen Vorbereitungsspielen nie gelöst worden waren. Khedira völlig ohne Spielpraxis nach ewig langer Verletzungspause. Özil aus der Primera Division abgehalftert und in der Premier League nach einer ganzen Saison noch nicht wieder angekommen, mit höchst kritischer Stimmung und anwachsend ihm gegenüber auch in Deutschland. Kroos, dem auch von den Münchner Fans nach zwei fabelhaften Saisons und im DFB-Kader ohnehin vorgeworfen wurde, nicht auf die 100 Prozent zu gehen (obwohl er es könnte usw.). Götze mit einer sehr durchwachsenen ersten Saison in München, Podolski eindeutig im Abschwung, Klose als zu alt beurteilt und auch im Vorfeld mit Verletzungsausfällen… und so könnte man die Mängelliste bis hin zu den Balljungs der Bundesliga fortsetzen.

Dann die große Hürde überhaupt: WM *in* Brasilien. Unter anderem *gegen* Brasilien, gegen Spanien, gegen Argentinien, gegen Frankreich, gegen Italien, gegen die Niederlande mit ganz unter anderem dem unglaublichen Arjen Robben in der überragenden Münchner Form.

Dann die Zweifel an Löw, die durch die EM 2012 durchaus bis zu dem Punkt genährt worden waren, dass es auch eine Berechtigung für sie gab und es sich nicht nur um Neid- und Besserwissergeschwätz handelte.

Die ersten Vorbereitungswochen mit Nachnomierungen und komischen Vorfällen waren auch noch nicht wirklich beruhigend. Erst nach Abreise ins WM-Camp und Abschottung mußte der ganze Presse-Tross die Zweifelei, die einen als Nachrichtenhungrigen schnell beunruhigen, zugunsten der Presseerklärungen ein bißchen einstellen.

Dann die ersten Spiele. Die Erkenntnis, dass eine funktionierende Mannschaft auf dem Platz steht. Die wachsende Gewissheit, auch durch das gewiss nicht gute Spiel gegen Algerien, dass auch und gerade dann, wenn’s nicht gut läuft, das Team kämpft und beißt. Das schmutzige, geile 1:0 gegen Frankreich mit Neuers Heldentaten. Und dann die Sternstunde des deutschen Fußballs überhaupt gegen Brasilien. Das unvorstellbare Ereignis der Fußballgeschichte. Manche machen die Sache fest daran, dass Neymar und sein überraschender Ausfall aufgrund eines brutalen Fouls in einem der Spiele vorher der brasilianischen Mannschaft mental so zugesetzt hat, dass sie zu nichts imstande war. Ich sah und sehe es nicht so – es waren trotzdem noch überreichlich Spitzenfußballer auf dem Platz, die alle durch die Bank weg in jeder Liga, in jedem Wettkampf mithalten konnten. Aber sie konnten eben nicht gegen den deutschen Kader. In einem Kommentar zu einem Artikel bei der sz habe ich geschrieben:

Für mich war Schürrles 0:7 das bezeichnendste Tor des „unmöglichen Spiels“.

Unmöglich 1: Zeitpunkt – dann, als niemand es mehr brauchte, denn auch Schürrle selbst hatte schon eins.

Unmöglich 2: spät im Spiel, überhohe Führung, keinerlei Risiko mehr, der Ball geht irgendwo ins Nichts weit hinten in Richtung gegnerische Ecke – niemand geht einem solchen Ball in dieser Situation hinterher. Müller schon.

Unmöglich 3: Mit dem Rücken zu allem und verfolgt von einem Verteidiger kriegt Müller (wie auch immer) eine Flankenpassbanane hinter sich in den 16er zustande. Wahrscheinlich ohne zu wissen, ob da jemand ist oder überhaupt sein kann. Warum auch?

Unmöglich 4: Schürrle ist jedoch trotzdem einfach losgewetzt als Müller loswetzte. In den Bereich, in den hinein „Unmöglich 3“ fiel.

Unmöglich 5: Wenn man 100 Topspieler jeweils 100 mal eine solche Flanke bei dieser Einlaufgeschwindigkeit zuspielen würde, wäre die Wahrscheinlichkeit, so ein Zuspiel kontrolliert anzunehmen, irgendwo zwischen einer klaren Null und sehr, sehr wenig Eins. Schürrle pflückt das schräge Ding als ob es das simpelste Pässchen der Welt wäre.

Unmöglich 6: Aus dem Winkel mit der Laufgeschwindigkeit mit dem sich bewegenden Ball kann man schon mal ein Tor hinkriegen. Auf 100.000 mal vielleicht einmal. Von mir aus auch zweimal. Schürrles Schuss sieht aus, als wäre es die einzig zutreffende Möglichkeit für ihn.

Unmöglich 7: Podolski hat neulich bei der CL aus auch sehr spitzem Winkel mit hoher Zulaufgeschwindigkeit Neuer einen brutalen Schuss in die kurze Ecke gesetzt – phantastisches Tor von Podolski. Schürrles Treffer unter die Latte über den Keeper und chancenlos für diesen war noch brutaler.

Man könnte noch diverse andere Unmöglichkeiten aufzählen. So wie es eben das gesamte Spiel war, dieses „unmögliche Spiel“, das nie wieder so gespielt werden kann. …

Whoooaaaa… was ein Abend. Und dann *nochmal* getoppt durch das Endspiel mit seiner wahnsinnigen Spannung, dem ständigen brutalen Getrete der Argentinier und Götzes alles erlösendes Wahnsinnstor in der Verlängerung.

Was für ein Wettkampf. Was für eine Mannschaft. Was für eine Leistung. Was für ein berechtigter, hoch verdienter Jubel im Land. Auch dieser vierte Stern war sauer und schwer erkämpft. Alles an diesem Titel war gut und wird auch immer gut bleiben.

Man könnte darüber die exzellenten Erfolge des A-Kaders der Frauen (Europameister in 2013) beinahe aus den Augen verlieren, aber das lag und liegt eben auch ein bißchen daran, dass die Konkurrenz bei den Frauen immer noch sehr stark differiert im internationalen Vergleich. Die Frauen haben es nun einmal tatsächlich etwas leichter.

Ansonsten war das Ligajahr im Ganzen aus meiner Sicht und soweit es meine persönlichen Wünsche betrifft nicht ganz so optimal.

(Einschub: kurze Erläuterung zu meiner Perspektive hierzu – ich bin *reiner* Fußball-Gernehaber ;-), d.h. ich bin *kein* Vereinsjunkie und habe ausschließliches Interesse an *gutem* Fußball, egal von wem. Von Geburt her bin ich sozusagen automatischer „Fan“ der Auswahlmannschaften des DFB ohne Ausweichmöglichkeit)

Es gab in der Saison 13/14 und in der lfd. Saison 14 erfreuliche Vereinsentwicklungen. Für mich gehört da an allererster Stelle Markus Weinzierl und die Augsburger Truppe dazu. Wie die sich als Underdogs in die Liga beißen (zuerst unter Luhukay, dem jetzigen Hertha-Trainer, dann unter Weinzierl) und dabei der Biß immer tiefer geht, obwohl kaum Liga-übliche Mittel und Spieler da sind *und* die Besten dann auch noch abverkauft werden müssen (Hahn z.B.) – das ist schon sehr, sehr beeindruckend. Auch Hoffenheim, Wolfsburg und Mainz haben eine gute Tendenz, was sich auch in der lfd. Saison bestätigt.

Allerdings bin ich mit den „klassischen“ Top-Vereinen außer einem seit geraumer Zeit unzufrieden. Gemeint sind hier natürlich Dortmund, Schalke, Leverkusen und Gladbach (wobei Wolfsburg mittlerweile auch als Top-Club hinzugerechnet werden darf und sollte und eigentlich auch mindestens ein weiterer Verein, an sich auch zwei *theoretisch* hinzukommen sollten). Mein Vorwurf an diese Vereine ist seit der Modernisierungsphase der Liga ab ungefähr 2004, dass sie unter *ihren* Ansprüchen bleiben und es an Konstanz fehlt. Und wenn es schon unter den Ansprüchen bleibt, die die Vereine an sich selbst haben, dann ist klar, dass es aus meiner Sicht zu wenig *guten* Fußball zu sehen gibt (mal davon abgesehen, dass es auch deshalb zu viele verlorene Spiele gibt bei diesen Mannschaften – und damit sind *nicht* die verlorenen Spiele gegen München gemeint). Die daraus resultierende Folge ist seit Jahren in diversem Foren- und Kommentargejanke der Vereinsbrillen-Fans zu sehen, die so blöde sind, den Bayern vorzuwerfen, sie seien zu gut anstatt zu kritisieren, „ihr“ Verein leiste nicht genug. Das genau ist aber das wahre Problem der Top-Clubs mit Ausnahme der Bayern. Denn es zählt ja nicht nur die nationale Konkurrenz der Liga, die Top-Clubs *müssen* auch reale Chancen haben (zumindest auf Dauer) gegen die europäische Konkurrenz.

Da sah es 2014 nicht ganz so rosig aus. Selbst Bayern München, ansonsten mit tadelloser Saison und stellenweise großartigem Fußball, ist in der CL von Real furchtbar abgewatscht worden im Halbfinale. Und die erhofften Erfolge bei den anderen Liga-Top-Clubs sind komplett ausgefallen mit eindeutigen Ergebnissen in CL und EL. Selbst Dortmund hatte eigentlich mit dem ersten Spiel gegen Zenit „nur“ Losglück im Achtelfinale – als östlicher Club war das CL-Spiel in Petersburg das allererste nach der (langen) Winterpause für Zenit. Das Rückspiel in Dortmund hat der BVB dann ja auch verloren. Wäre das ein anderer Verein gewesen oder wäre Zenit voll im Wettkampf-Betrieb gewesen, wäre auch der BVB wohl schon im Achtelfinale rausgeflogen (so wurde es dann „erst“ das Viertelfinale).

Ohne Vereinsbrille betrachtet sind diese Leistungen für die Bundesliga-Top-Clubs unterm Strich nach wie vor zu wenig. Sowohl im Vergleich zu dem Riesenaufwand an Finanzmitteln, der in die Liga hineingesteckt wird, als auch hinsichtlich der durchaus beachtlichen Erfolge im Bereich Ausbildung der Trainer und Spieler und eben auch im europäischen Vergleich. Der spanische mittlere Liga-Bereich und leider wohl auch der englische könnte jederzeit deutsche Top-Clubs schlagen (s. z.B. Everton gegen Wolfsburg bei der EL 2014 in der Gruppenphase oder auch Leverkusen gegen Monaco). Außer bei den Bayern gibt es immer noch nicht genug Geld bei den meisten Vereinen, um international verpflichten zu können auf europäischem Top-Niveau und wenn mal die Schatulle aufgemacht wird, dann greifen die Einkäufe oftmals nicht schnell genug und nicht „gut“ genug (auch hier bildet Bayern wieder eine löbliche Ausnahme).

Das ist objektiv gesehen und angesichts des berechtigt hohen Ansehens des deutschen Fußballs in der Welt nicht gut genug. Nicht *annähernd* gut genug.

Und dann gibt es da natürlich auch noch das besondere Trauerspiel in der Liga. Allen anderen voran der HSV. Da weiß man wirklich und wahrhaftig nicht mehr, was man da noch sagen soll. Bremen natürlich auch. Obwohl es bei denen noch eine gewisse Entschuldigung mit „Umbruchphase“ gibt. Aber egal, was für Gründe, egal, welche Entschuldigungen, egal, welche Mythen – beide Vereine sollten am besten absteigen, damit andere, willensstärkere mal eine Chance bekommen können. Paderborn und Köln in der lfd. Saison und durchaus auch Braunschweig in der letzten haben gezeigt, dass Mut und Wille zur Leistung durchaus erfrischend sind in der Liga.

Die Dortmunder Ausfälle in der Hinrunde der lfd. Saison lasse ich hier außen vor, weil ich nach wie vor glaube, dass es nur am mentalen Setting des Kaders liegt – es waren nicht die von der WM hauptbelasteten Bayern, die in ein „Loch“ gefallen sind nach der WM wie u.a. von Guardiola und Sammer befürchtet, sondern ausgerechnet der BVB. Der motivationale Überflug muß eben auch mal irgendwann zu Ende gehen. Aber auch die Downtime für Klopp und seine selbstverständlich immer noch hervorragende Mannschaft wird sicherlich irgendwann auch zu Ende gehen und dann können die Dortmunder auch wieder frei und selbstsicher auftreten. Das wird schon wieder werden.

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