Blättertod 6 – Lügenpresse!

Wenn im Jahr 2014 ausgesprochen selbsternannte „anständige“ Bürger (**Anm.**) einen (meist) montäglichen „Spaziergang“ unternehmen, der nach den Regeln sogenannter „flashmobs“ vereinbart wird, dann verweigern sie sich unter anderem auch Gesprächen mit der „Presse“, die die Gründe für den „Bürgerprotest“ bei den Spaziergängern zu erfragen versucht. Das ist für einen nicht völlig vernachlässigbaren Teil der Bevölkerung mittlerweile ein programmatisches Vorgehen, das sich über etliche Jahre bis zum heutigen Stand entwickelte, viel mit dem „Netz“ und den dadurch neu entstandenen Vernetzungsmöglichkeiten zu tun hat und sich hauptsächlich in seit vielen Jahrzehnten bekannten Kurzbegriffen der „Bewegung“ ausdrückt wie „Lügenpresse“, „Systempresse“, „Propagandaknechte“, „Mainstream-Medien“ und dergleichen mehr. Gemeint ist mit diesen völlig abseitigen Verdammungen aller seriösen journalistischen Plattformen, diese würden systematisch, gewollt und interessegeleitet bestimmte „Wahrheiten“, wie sie dieser Teil der Bevölkerung als existent behauptet, unterdrücken, zensieren, verfälschen oder bestreiten. Für die „Pegida„-Spaziergänger, die „Mahnwachen„, die „HoGeSa„, „Pro-NRW“ u.ä., altbekannnte Nazi-/Neonazi-Gruppierungen, aber natürlich und wie auch schon immer gehabt auch die extrem-radikale „Linke“ und solche ideologische Trupps wie „Salafisten“ und ähnliche gilt es als prinzipiell und unabänderlich ausgemacht – und dies von vorneherein! -, die bürgerliche Presselandschaft sei schon von ihren Voraussetzungen her nicht imstande, ihre Ansichten über „Tatsachen“ und „Fakten“ zu begreifen, darzustellen oder zu transportieren. Daher wird von diesem Teil der Bevölkerung die „Presse“ in Gänze, Bausch&Bogen und komplett abgelehnt.

Die Sichtweisen von extremistischen Splittergruppen muß als solches niemanden beunruhigen oder aufregen, auch und gerade dann nicht, wenn sie selber entrüstet von sich behaupten, ihre Haltung sei eben nicht extremistisch. Solche Anschauungen sind seit jeher üblich und bekannt, zuweilen werden sie auch selbst zum „Mainstream“ in Gewaltherrschaften der Gegenwart und der Vergangenheit. Mit dem winzig kleinen, aber durchaus entscheidenden Unterschied, dass in solchen Regimen keine „Gegenmeinung“ zu hören, zu lesen und zu sehen ist in der dann stark formierten „Öffentlichkeit“, die eben keine mehr ist und sich dann immer und ausnahmslos als eine Gesellschaft erweist, die das exakte Gegenteil von „anständig“ ist. Das einzig beachtenswerte Kriterium hinsichtlich solcher Extremisten ist, ob und inwieweit sie Zuläufe bekommen, die mittel- oder langfristig für die Gesamtgesellschaft oder einzelne Teile davon zu Schäden führen kann – das muß einfach deshalb genau beobachtet werden, weil die Erfahrung leider unabweislich lehrt, dass die „Möglichkeit von Schäden“ real eigentlich immer „Sicherheit der eintretenden Schadensfolge“ für Einzelne bzw. Gruppen bedeutet. Sei es wegen Aufkommens radikalisierter Einzeltäter wie Breivik oder ähnliche, oder Gruppierungen wie der RAF, des NSU oder ähnlicher, oder die Unwägbarkeiten bei aufgepeitschten, hysterisierten Mengen, die auch gerne mal aus dem Moment heraus Häuser abfackeln oder Lynch-Justiz ausüben – am Ende der Hysteriekette steht immer Gewalt, Leid und Tod.

Für die Zeitungen / Medien bedeuten diese Gruppierungen eigentlich wenig oder gar nichts hinsichtlich deren Urteile über sie – denn egal, was auch immer Journalisten versuchen würden zu tun, sie scheitern an solchen Extremisten (als „Trolle“ hatte ich sie in anderem Zusammenhang charakterisiert) schon deshalb, weil sie als Medien von solchen Leuten weder gelesen, noch angehört, noch gesehen und schon gar nicht verstanden werden (wollen). Eine der bizarren Ergebnisse der Betrachtung der „Truther„-Sprüche war es immer, dass kein einziges Argument gegen die Medien einer einigermaßen sorgfältigen Analyse standhält. Was letztlich kein Wunder ist, wenn Leute anstatt der Quelle, die sie in ihren Urteilen meinen (also etwa eine Zeitung), ihr Urteil aus der Übernahme von irgendwelchen anderen beziehen (beispielsweise von facebook-„Freunden“, pi-news oder ähnlichen Hetzergemeinschaften) und die verurteilte Quelle ohnehin gar nicht erst lesen oder betrachten. Die Medien als Gesamt betrachtet müßten sich hinsichtlich ihrer Themen, ihrer Glaubwürdigkeit, ihrer Seriosität oder ihrer journalistischen Leistung also eher keine Gedanken oder Sorgen machen, soweit es um die Vorwürfe und Urteile einer kleinen Zahl von Menschen geht, die sich selbst und ihre Weltsichten aus Zeit&Realität herauskatapultiert haben.

Es gibt meiner persönlichen Ansicht nach jedoch ein „Aber“ im Zusammenhang mit der Frage nach der allgemeinen Glaubwürdigkeit von (im folgenden) Presse-Produkten. Und: dieses „Aber“ zerfällt in eine ganze Gruppe von „Aber“, die im Einzelfall entschuldigt, rationalisiert, übergangen und als unwesentlich angesehen werden können, in der Verdichtung jedoch sehr wohl zu äußerst kritischer Betrachtung Anlass geben. Ein paar der Probleme fallen mir als Konsument von journalistischer Arbeit besonders auf, eine ganze Menge mehr an Problemen und natürlich auch die von mir gesehenen werden innerhalb der journalistischen Zirkel selbst seit jeher intensiv diskutiert, zum Teil und so auch jetzt im Zusammenhang mit der „Medienkrise“ öffentlich. Ein paar Problemfelder versuche ich im folgenden kursorisch anzusprechen, ohne im Uferlosen an Fallbeispielen zu versinken. Allerdings werde ich versuchen, zu jedem Problembereich ein anekdotisches Beispiel oder einen Beleg dafür aufzuzeigen was gemeint ist.

Breite Palette an Angeboten und der Drang zum Scoop

Der Markt für Publikumszeitungen ist breit aufgestellt und traditionell in Segmente aufgeteilt, die sich der Theorie nach wenig überschneiden. Die Pluralität der Meinungen und Haltungen der Gesellschaft spiegelt sich in der Vielfalt der Blätter und Segmente. Das ist vom Prinzip her nicht zu umgehen, hat aber durchaus negative Folgen für die Branche, die sie sich vermutlich nicht immer reflexiv klarmachen kann im Geschäftsalltag. Es gibt die stark nachgefragten Segmente des billigen Krawall-Boulevards (Bild, Express, MoPo, AZ…) und der Yellow Press (die diversen Stars- und Adels-Postillen). Bei beiden populären Segmenten ist die Schlagzeile, der Scoop („Knüller“), die Sensation weitaus wichtiger als die Tatsache, die berichtende Nachricht. Mit anderen Worten ist dieses Segment ganz eindeutig geprägt von Verfälschungen, glatten Unwahrheiten und übelster Erfindung, vom tratschenden Gossip als Grundton mal ganz abgesehen. Der aufgesetzte Ton verschafft dem Leser die Illusion von Nähe, Überblick und Zugriff auf Situationen, die entweder mit Wirklichkeit überhaupt nichts oder nur sehr wenig zu tun haben. Diese Segmente haben in der Eigenverteidigung ihres Tuns durchaus recht, wenn sie „realistisch“ auf die Nachfrage hinweisen, die sie eben „zwingt“, von einer Sensationsnachricht zur nächsten zu fälschen. Auch ist das Segment so althergebracht und international so standardisiert, dass es förmlich eine naive Weltsicht widerspiegelt, den produzierten und beabsichtigten Sensationalismus als gefährlich und den journalistischen Prinzipien widersprechend zu kritisieren. Als Belege für die unendlich vielen Unglaublichkeiten im Boulevard können neben gelegentlichen kritischen Betrachtungen in Medien selbst auch etliche „Watch-Blogs“ angegeben werden, die auf diesem Feld mit extremer Mühe einige grobe Schnitzer darstellen – zum Beispiel der BILDblog oder das Projekt „Topf voll Gold„.

Das Problem hier sind wahrscheinlich gar nicht so sehr die tatsächlichen Lügen, die hier verbreitet werden – denn immerhin wissen auch die Käufer selbst, dass ihnen ziemlich schamlos Fake-Journalismus verkauft wird und es stimmt eben, dass dem Käufer offensichtlich die gefakete Sensation bewußt „lieber“ ist als faktenkorrekte und differenzierte Berichterstattung. Das Problem ist meiner Ansicht nach der übergreifende Hype auf alle anderen Mediensegmente. Natürlich wird durch Massenblätter auch Massenstimmung erzeugt und am Leben gehalten, natürlich wird die Sensation zur nachgefragten und erwarteten Normalität und natürlich wirkt das zurück bis in die allerknochentrockensten seriösen Blätter. Wenn ein Scoop gemacht werden kann vor dem Boulevard, dann zögert kein „Qualitäts“blatt – der Hype als Standard ist einfach durchgesetzte Praxis.(**1**)

Für die Branche insgesamt und in der Folge auch für die Konsumenten wäre es besser, wenn alle Segmente ihren Branchen-Sensationalismus und ihre Daueraufrüstung mit schwerem Geschütz insgesamt herunterfahren würden – und hier sollte unbedingt auch das Boulevard, das eindeutig als Treiber fungiert, vorangehen. Das Herunterkühlen des Tons und der Haltung wäre den überregionalen, um Seriosität bemühten Leitblättern wahrscheinlich das Allerliebste nach dem Gehalts-Scheck. Denn es sind ja ausgerechnet die seriösen Produkte, die nach jeder Hexenjagd, in die sie sich hineinlocken lassen von Instinkt, Reflex und Nachfrage, immer wieder und wieder zurückrudern müssen, wenn die Besinnung wieder einsetzt. Das war letzthin beim Fall Wulff so, bei „Mollath“ und z.B. auch derzeit und voraussehbar im Fall „Edathy“ – und dieses relativierende Zurückrudern, weil die Anfangshypes der Sensationsnachricht schlussendlich nie aufrecht erhalten werden können, das läßt die seriösen Blätter immer beschädigt zurück und nicht das Boulevard – dessen Unsinn ist morgen schon wieder durch anderes getoppt und übermorgen vergessen.

Ein erstes wichtiges Zeichen wäre es, wenn diejenigen Blätter, die seriösen Journalismus anstreben, auf die oft widerlichen Schnitzer ihrer Boulevard-Pendants durch massive Kritik und mitleid- und schonungslose Klarstellung reagieren würden. Das ewige freundliche Ignorieren läßt jeden als Komplizen beim Lügen aussehen. Die Krähen müssen lernen, sich gegenseitig zu hacken – sonst machen es ihre Kunden, gegebenenfalls durch Abwendung. Es kann sogar eine Art Messwert angegeben werden, wann die selbstheilende Eigenkritik der Medienlandschaft funktioniert: nämlich dann, wenn es kritische Außenbetrachtungen durch Blogs nicht mehr braucht. Und es kann eindeutig beurteilt werden, dass die derzeit eingerichteten Maßnahmen zur „Freiwilligen Selbstkontrolle“, etwa der Presserat oder Rundfunkbeiräte oder sonstige standesrechtliche Institutionen NICHT funktionieren.

Geschäftsmodell

Ohne jede Frage sind Zeitungen vollkommen reguläre Wirtschaftsobjekte. Sie müssen Überschüsse erzielen, sie dürfen ihre Kunden nicht verlieren. Das Problem aus der Leser-/Käufersicht ist hier seit eigentlich ewigen Zeiten, dass der Leserkunde sich gegenüber dem Werbekunden der Verlage sehr stark und deutlich benachteiligt, eigentlich sogar mißachtet fühlen muß und dies auch wohl den Tatsachen entspricht. Das Inhaltsangebot der Zeitungen ist seit Jahrzehnten austariert und im Grunde selbstlaufend und scheint ausschließlich dem Zweck zu dienen, Fläche für Werbung zu verkaufen. Der Leser und Käufer spielte und spielt hier kaum noch eine Rolle außer als anonyme Zahl der Auflagenhöhe und des Reichweitenschlüssels, der wiederum den Werbepreis bestimmt.

Dieses Geschäftsmodell ist zu Ende. Es ist in dem Sinne zu Ende, als es zwar noch jahre-, jahrzehntelang so weitergehen kann mit immer geringerem Umsatz, mit immer geringerer Anzahl an Zeitungen, mit immer mehr Konzentration auf wenige Player auf der Anbieterseite (die dann immer noch viel Eigentümer- und Anteilshabergeld einstreichen), aber eben zu Ende als tragfähiges Geschäftsmodell mit zukünftigen Erfolgsaussichten. Es ist ein Geschäftsmodell, das wegdimmt aus dem zentralen Aufmerksamkeitsfokus einer interessierten Gesellschaft und damit auch aus dem Geschäft selbst.

Ich denke, die Verleger und Journalisten sehen dieses Problem mit genauerem und kenntnisreicherem Auge als ich oder jeder andere Konsument. Aber ich sehe außer gelegentlichen Sonntagsreden und Phrasen keine Änderung auf der Anbieterseite. *Vielleicht* ist es eben so wie es ist und die Zeit der Zeitungen oder vergleichbarer journalistischer Angebote ist vorbei. Das hieße ja nicht, dass das Nachrichtengeschäft oder der Journalismus vorbei ist – der könnte irgendwie in Spartenblättern, Spezial-Blogs und -Foren im Netz oder sonstwie (z.B. als in Werbeangebote eingebetteter Minimalinhalt wie bei den seit Jahrzehnten ausgeteilten kostenlosen Werbeblättchen) erhalten bleiben.

Auch auf diesem Feld könnte eine aussichtsreiche Strategie der „Selbstheilung“ diejenige sein, auf Konkurrenten kritisch zu reagieren, die Werbegeld vor Leser stellen. Knallhart schmutzige Wäsche zu waschen in aller Öffentlichkeit anstatt als Kantinen-Gossip unter Kollegen – das könnte den Zeitungsleuten selber helfen.

Pluralität

Hier ist anstatt der Pluralität der Cover und Namen die Pluralität der Meinungen und Sichtweisen gemeint. Es ist ohne weiteres klar, dass die Presselandschaft die Bandbreite an gesellschaftlichen Meinungs- und Haltungsströmen abbilden muß. Sie muß sowohl berichten als auch zu Wort kommen lassen, sonst „fehlt“ dem Käufer auf Dauer etwas. Sowohl die Verlagsgruppen mit ihrem großen diversifizierten Angebot an verschiedenartigen Blättern als auch die Einzelredaktionen einer Zeitung haben hierzu immer darauf hingewiesen, dass diese Meinungs-Pluralität mehr als nur gewährleistet ist – sowohl durch die unterschiedlichen Ausrichtungen und Spezialisierungen eines Verlagsangebots als auch als Binnen-Pluralität einer konkreten Redaktion sei die öffentliche Repräsentanz der Bandbreite an Meinungen in jedem Fall sichergestellt. Diese Darstellung der Anbieterseite ist nicht falsch aus der Sicht eines beurteilenden Konsumenten – aber sie ist auch nicht zwangsläufig vollständig.

Das Problem steckt zunächst schon einmal in den Rezeptionsmöglichkeiten eines beliebigen Konsumenten. Als Einzelne/r hat er/sie ja nun einfach und schlicht nicht die Zeit und Gelegenheit, sich durch eine ganze Palette von Angeboten hindurchzuarbeiten pro Tag und Thema. Als Konsument entscheidet man sich gelegentlich für eine Auswahl aus dem Angebot für irgendein Blatt, vielleicht auch zwei oder ein Blatt (Tageszeitung) und eine Zeitschrift (Wochen-Zeitschrift) aus einer ganzen Batterie an Gründen (ideologische Ausrichtung, Qualität des Angebots, Unterhaltsamkeit, Lesbarkeit, Preis, Verfügbarkeit… hier völlig ohne Rangfolge). In der Folge „liest“ man zumindest eine gewisse Zeit lang, nicht selten ein ganzes Leben lang „diese“ Auswahl und nimmt ansonsten nur gelegentlich andere Zeitungen wahr und wenn, dann meist nur indirekt über andere Medientypen wie TV, Radio oder „Netz“.

Trotzdem sei durch die hoch in Ehren gehaltene „Binnen-Pluralität“ jedes beliebigen seriösen Blattes (Redaktionsstatuten, Pressekodex, journalistisches Selbstbild etc.) jederzeit die umfängliche Versorgung mit der vollständigen Berichterstattung sichergestellt, antwortet die professionelle Redaktion auf diese Einschränkung durch die Auswahl eines Konsumenten. Und mindestens auf den ersten Blick scheint das auch nicht falsch zu sein: unter Beachtung der journalistischen Formen findet man in typischen Ausgaben seriöser Zeitungen „ausgewogene“ Berichte und Nachrichten, „pro“- und (mehr oder weniger) „contra“-Meinungsbilder und gar nicht selten auch innerhalb eines Blattes derselben Ausgabe zwischen den einzelnen Büchern teilweise deutlich unterschiedliche Haltungen – dem „Politik“-Teil wird im „Feuilleton“ widersprochen, der „Wirtschaftsteil“ widerspricht beiden und der „Medienteil“, der „Sportteil“ oder der „Wissen-Teil“ kümmert sich um die anderen Teile erst gar nicht. Zudem müsse man Periodika wie Tageszeitungen auch über Zeiträume hinweg betrachten – einer „Meinung“ an einem Tag wird an einem ganz anderen Tag widersprochen und im „idealen“ Fall entwickelt sich daraus sogar ein länger anhaltender Diskurs zwischen Meinungen, der nur im Gesamtzusammenhang betrachtet werden könne.

Das Problem hierbei liegt darin, dass es sich pro Einzelzeitung gesehen um eine Fiktion handelt, wenn Pluralität behauptet wird. Natürlich hat die Einzelzeitung eine verlegerische / redaktionelle Ausrichtung und Grundtendenz – das ist ja nicht strittig. Aber schon dadurch ergibt sich nahezu zwangsläufig eine Selektion auf eine Meinungsauswahl, die zum „Blatt“ paßt. Davon kommt ein Verleger und eine Redaktion auch äußerst schwer ab, denn diese Auswahl bestimmt natürlich den Charakter des konkreten Blattes und bildet damit auch den Grund, warum sich ein Konsument überhaupt für dieses Blatt als Käufer entscheidet. Nach herkömmlichem Verständnis ist es eine klare Todsünde, diese Selektivität aufzugeben.

Ich könnte mir hingegen sehr wohl vorstellen, dass für die Zukunft die stark begrenzte Aufmerksamkeitsspanne, die ein Konsument einem Blatt gewähren kann, hier eine Änderung der Grundhaltung notwendig macht. Entscheidend für die Rezeption ist in einer Welt der Vielfalt an Meinungen und Medienangeboten nicht mehr der „Charakter“ des Blattes, sondern die Verläßlichkeit der Information und Meinung. Worauf es einem Blatt ankommen muß in der Konkurrenz um die Aufmerksamkeit ist die Güte des Angebots, nicht die „Komplettheit“. Es wird dasjenige Medium den „Kampf“ um die Aufmerksamkeit des Konsumenten gewinnen, das ihm am nützlichsten ist. (Im Rückblick auf die eingangs Erwähnten: den Truthern ist das „nützlich“, was ihr Weltbild stärkt – das wird jedoch nie ein seriöses Presseprodukt sein können. Also wäre eine Orientierung auf abseitige, irrationale Inhalte letztlich völlig sinnlos für Blätter)

Journalistische Sorgfalt

Heikles Thema für einen Konsumenten. Zurecht wird jeder Journalist fordern, man möge es doch mal besser machen und dann erst Sorgfalt einfordern – und diese häufig geäußerte Reflexreaktion kann dann süffisant mit beliebig vielen Beispielen aus Blogs und Foren (user generated content) unterfüttert werden. Zudem wird jeder in der Presse-Branche Tätige sehr leicht auf die Produktionsbedingungen hinweisen können, um irgendeiner Forderung nach mehr „Sorgfalt“ zu begegnen. Das ist schon oft geschehen und es ist in Betrachtung von Einzelfällen auch nahezu immer berechtigt und „richtig“. Ein „Wissenschaftsjournalist“, der um 10 Uhr morgens in der Konferenz den Auftrag bekommt, soundsoviel Zeichen mit Bild bis 15 Uhr (oder noch kürzer) abzuliefern und dann in solchen Fällen nicht selten erleben muß, dass sein Beitrag völlig wegfällt, komplett (zum Schlechteren hin) kürzend redigiert wird, weil der Endumbruch eine andere Metrik verlangt oder noch simpler ein Schnell-Text eingestellt wird unter Nutzung von Teilen seines Beitrags aber mit komplett anderer Aussage… der wird nach einer gewissen Zeit merklich abstumpfen gegenüber „Sorgfalts“-Forderungen. Vor allem dann, wenn er auch noch „freier“ Mitarbeiter ist und gleichzeitig zu diesem einen Auftrag auch noch 17 andere Projekte mitlaufen hat, weil er aufgrund des allgemeinen Spiels anders nicht auf seine Kosten kommt.

Als Konsument kann man solchen Tatbeständen durchaus mit Verständnis begegnen und bei genügend Geheule seitens der Betroffenen auch Trauer und Mitleid entwickeln (auch aus eigener, ähnlicher Erfahrung am Arbeitsplatz). Allerdings reicht die Empathie und Solidarität angesichts der Beurteilung des Nutzwertes für den Konsumenten nicht sehr weit. Und die Konsequenz der Minderleistung auf Dauer ist Mißachtung. Das ist einfach so. Das wissen die Journalisten, die Redaktionen und die Verleger auch und wandern hier bewußt auf schmalem Grat. Das Kunststück ist die Vermeidung von zu oft zu Schlechtem bei gleichzeitiger Reduktion von Arbeitskraft auf möglichst weit unter das eigentliche Minimum. (Es ist halt hier tatsächlich so wie überall)

Hier kann ich (oder sonstwer, soweit ich weiß) keine achso schlauen Ratschläge geben. Das konnte / kann ich ja in bezug auf mein eigenes Arbeitsumfeld auch nicht. Aber mir scheint eins sicher: Verlust an fachlicher Sorgfalt geht auf Dauer nicht gut aus. Egal wo.

Einweg-Meinungsmacht

Ein gewisser Teil der Attraktivität des journalistischen Berufswegs ist zweifellos der dauerhaften Möglichkeit geschuldet, die je eigene Äußerung (sei es ein Bericht oder eine Meinung) „Vielen“ zu übermitteln. Die stürmische Karriere aller modernen Medien zeigt eindeutig, dass diese Attraktivität erstaunlich viele Menschen anzieht, die sich selbst in abseitigsten Rollen zu produzieren bereit sind für die eigenartige Chance, von (möglichst vielen) anderen betrachtet zu werden. Typische Publikumsmedien wie Zeitungen, TV oder Radio sind darüberhinaus doppelt angenehm für Extrovertierte, weil es klassisch „Einweg“-Medien sind – der Journalist schreibt, der Rest liest. Und in diesen klassischen Einwegmedien ist der Geschäftsgang auch genau so ausgestaltet und zementiert, dass dieses Muster auch zwingend wird: für Gegenseitigkeiten bleibt den medialen Repräsentanten im Geschäftsmodell keine Zeit. Wenn der heutige „Kommentar“ abgegeben ist und der sonstige bürokratische Heckmeck und redaktionsinterne Sozialkram abgearbeitet ist, dann geht auch der Journalist nach Hause und schaut wie jeder andere Fußball oder macht sonstwas, was ihn eben interessiert.

Man kann hier einfach und mit relativer Gewissheit behaupten, dass das „Netz“ solche „Einweg“-Idyllen mindestens langfristig unmöglich macht. Wenn keine Zweiwegigkeit für Massenmedien erreicht werden kann (oder zumindest eine gute Illusion davon), dann werden diese Medien irrelevant werden. Denn wie oben schon angedeutet wollen alle anderen auch mal „irgendeine Meinung“ sagen ;-) – und auch wenn der erfahrene, geübte, in langjähriger Praxis bestens bewährte Journalist Vorteile beim „Meinung sagen“ geltend machen kann, so bleibt eben seine Äußerung trotzdem unterm Strich auch eben nur eine individuelle Äußerung ohne besonderes Vorrecht.

Dialogische Orientierung und erkennbare Reaktion auf seiten der Publikumsblätter sind die Dinge, die mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit über die Zukunftsfähigkeit der Blätter entscheiden werden. Das „Netz“ wird jedenfalls bleiben.

Aufmerksamkeits-Kampf

Wenn Blätter verkauft werden wollen (wie auch immer), wenn Blätter gelesen werden wollen, wenn Blätter Öffentlichkeit herstellen wollen – dann benötigen sie dauerhafte Aufmerksamkeit von Konsumenten. Und zwar in direkter Form, nicht durch indirekte Kenntnisnahme über TV-Zitate, Blog-Beiträge über Blätter-Inhalte oder facebook-Likes. Die Blätter müssen eine Rolle spielen im Alltag von Vielen. Das heißt unmittelbar und unabänderlich, dass sie im „Netz“ präsent und zugänglich sein müssen. Das heißt auch, dass sie „nützlich“ sein müssen. Und das heißt, dass sie *eigenständig* und von allem anderen *unterschieden* sein müssen.

Im Rahmen der Entwicklung der letzten Jahre und auch in den aktuellen Diskussionen um die „Medienkrise“ taucht die Ansicht auf, die Blätter sollten sich auf die Integration ihrer Angebote und Dienstleistungen in die sogenannten (globalen) „sozialen Netze“ wie facebook und ähnliche Angebote konzentrieren. Es gibt nicht wenige, die nur darin eine langfristige Chance auf öffentliche Wirksamkeit und Bedeutungsbehalt sehen. Die Realität der Blätter-Plattformen zeigt auch unmißverständlich auf, dass diese Ausrichtung gegenwärtiger „state of art“ ist – alle Plattformen bieten weitestgehende Integration ihrer Inhalte und Angebote in diverse „soziale Plattformen“ an mit dem derzeitigen Schwerpunkt auf facebook.

Ich sage hier meine eigene und rein persönliche Meinung: das geht schief. Beziehungsweise: das kann nicht klappen. Ein Ding kann nicht ein Ding bleiben indem es unterschiedsloses Teil eines anderen Dings wird. Die Integration von Blatt-Teilen in „facebook“ nutzt nur „facebook“ und langfristig nie und nimmer dem Blatt. Das Ziel, das es zu verfolgen gilt wäre, dass „facebook“, „google“, sonstwer zu den Blättern kommt und nicht anders herum. Wegen der enormen Größenunterschiede bei den Nutzungszahlen scheint alleine die Vorstellung schon beinahe lächerlich zu sein, aber dabei wird übersehen, dass die großen Kraken reine Hülldienste ohne jeden eigenen Inhalt sind. Zwar wäre es ohne weiteres aufgrund der gewaltigen Finanzkraft der globalen Kraken denkbar, dass sie eigenständige Inhalte produzieren, aber das wäre dann eben auch nur ein typischer Inhaltekonkurrent wie jeder andere auch, der sich in der Konkurrenz bewähren müßte – und anstatt ausschließlicher Geldeinteiberei müßte dann eine solche konkurrierende Gesellschaft auch liefern und leisten.

*Dann* könnte der Konsument immer noch mit Blick auf seine Interessen und Nutzenerwägungen entscheiden, welches Angebot ihm mehr zusagt und es wäre nicht im Vorhinein bestimmbar, ob die klassischen Presseprodukte hierbei den Vorzug bekämen. Aber es wäre wenigstens ein offener Kampf auf der Aufmerksamkeitsbühne und nicht das elende, lächerliche Auf-den-Rücken-legen der Presseportale mit dem ergebenen Warten auf die Bedeutungslosigkeit, weil sie ihre Kunden an Nichts und wieder Nichts freiwillig abgetreten haben.

Denn das ist es, was sie derzeit und bereitwillig tun.

Es gibt natürlich noch eine Menge anderer Punkte, in denen sich Presse und Journalisten Kritik gefallen lassen müssen. Auf ihren eigenen Blogs und in ihren eigenen öffentlichen Äußerungen lassen Journalisten eine Menge vom Stapel. Es wird nun Zeit, dass sie auch mal was tun.


(**1**) – Nachtrag Juli 2015: ein schön dokumentiertes Beispiel für das gemeinte und beschriebene Problem des überkochenden Scoop-Journalismus, der sich selbst im Agieren kaputt macht, findet sich 2015 in der New York Times, die – schon mehrfach selbstgeschädigt und über Jahre hinweg ebenfalls von ihren Lesern für diverse journalistische Mängel aggressiv gerügt, seit rund 2012 (glaube ich) eine Art interne Task Force instituiert hat, die Mängel auffinden, dokumentieren und Gegenmaßnahmen untersuchen soll – einen „Scoop“ produziert und dann schleichend und verborgen/intransparent „korrigiert“ hat. Es ging dabei um Hillary Clinton und schlecht abgesicherten eMail-Verkehr während ihrer Amtszeit in der Administration und es war im Juli 2015 deshalb ein großer Anreiz zum „scoopen“ gegeben, weil Clinton zu diesem Zeitpunkt Präsidentschaftskandidat war – eine ideale Zeit für ein News Outlet, um egal welche Vorwürfe irgendwie zu lancieren. Das ist während der Kandidaturzeit ein sicheres Mittel zur Verkaufsförderung. Die von der NYT lancierten falschen Darstellungen liefen selbstverständlich blitzartig rund um den gesamten Globus und wurden auch in deutschen „seriösen“ Blättern ungeprüft und zum Teil nochmal aufgehyped nachgedruckt – binnen Stunden nach Herausgabe durch die NYT. Einige Highlights aus dem internen Untersuchungsreport der NYT: „… But you can’t put stories like this back in the bottle – they ripple through the entire news system. So it was, to put it mildly, a mess. …“, „… There are at least two major journalistic problems here, in my view. Competitive pressure and the desire for a scoop led to too much speed and not enough caution. …“, „… I’ll summarize my prescription in four words: Less speed. More transparency. After all, readers come to The Times not for a scoop, though those can be great, but for fair, authoritative and accurate information. And when things do go wrong, readers deserve a thorough, immediate explanation from the top. None of that happened here.

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