Eindrücke von „damals“ – 9/11

Auf diesem Blog werden auch asbachuralte Meinungsäußerungen eingestellt, die irgendwann mal irgendwo von mir hingepostet wurden. Der Grund dafür ist, dass solche Artikelzombies irgendwas enthalten, worauf sich der Blog insgesamt oder einzelne Artikel darin beziehen (könnten). Die hier miteinander verbundenen Postings entstanden in Reaktion auf die (mediale) Kenntnisnahme der 9/11-Ereignisse und der Tage danach. Es sind Auszüge einer lfd. Diskussion einer news group. Aus mittlerweile offensichtlichen Gründen könnte auch dieser Auszug für andere Artikel relevant sein, auch wenn die Auszüge selber schon meinungstragend sind.

11.9.2001:

Fassungslos …

Hm, nach einigen Stunden Fernsehn fiel mir auch nur das folgende Geschreibsel ein.

Der Terroranschlag auf das WTC, das Pentagon und ein zunächst unbekannt bleibendes Ziel ist ein monströser Akt, der durch nichts, aber auch gar nichts gerechfertigt werden kann – was auch immer an Leid oder (gedachten) Benachteiligungen durch den Staat USA verursacht worden sein mag. Ein Toter wiegt niemals den anderen auf – im Gegenteil vervielfältigt sich das Unrecht den Toten und Lebenden gegenüber.

Unabhängig von aller Trauer und allem Entsetzen über einen derartigen Frevel gegenüber in Frieden, ahnungslos und unschuldig lebenden Menschen kann jedoch auch jetzt schon auf einiges hingewiesen werden, das in den letzten Wochen und Monaten in ganz anderen Zusammenhängen thematisiert wurde und nunmehr auf mehr als grauenhafte Weise mit einem Hintergrund versehen wurde, den es künftig wohl zu berücksichtigen gilt.

  1. Kein Land dieser Erde lebt für sich allein – auch die allein übriggebliebene Supermacht nicht.

Es gab reichlich Zeichen in den letzten Jahren (UNO-Kritik durch die USA, Verstärkung isolationistischer Haltungen, deutliche „Unduldsamkeiten“, Konzentration auf amerikanische Sichtweisen/Einseitigkeiten), die deutlich darauf hinwiesen, daß der frühere „zwangsläufige“ Schulterschluß im multipolaren Zeitalter durch die USA zumindest zugunsten nationaler Druckpolitik zurücktrat. Auch das führt gegenüber Staaten mit inneren Problemen durchaus zu Haltungen und Maßnahmen, die ein Klima der Aggression unterstützen und befördern.

  1. Es gibt gegen Terror letztlich keine Verteidigung.

Speziell in einem Land des technokratischen „anything goes“ und einem starken Nationalstolz unter anderem auf die große militärische Macht war und ist die Vorstellung nachvollziehbar, einen selektiven Schutz der eigenen Bevölkerung mit höherer Qualität herstellen zu können, als es andere Länder haben (können). Dies wird niemals in dem erwarteten Sinne Erfolg haben können.

  1. Jede Polarisierung führt zu Extremen, unter denen im Effekt nichtbeteiligte Bürger zu leiden haben (auf allen Seiten).

Eine Abkehr (auch nur der Gewichtung) von der Vernunft der ausgleichenden internationalen Politik eines jeden Staates, seien es überhebliche Alleingänge oder ein Versinken in vorgeblich ethnischen Krisen in einem Zeitalter, in dem alle Interessen aller miteinander verschränkt sind, bleibt niemals folgenlos – und in den Extremen lauten die Folgen auf kriegerische Handlungen einerseits und Terror andererseits.

All das kann keine Option auf die Zukunft sein. Die internationale Staatengemeinschaft muß das „Interregnum“ nach Ende des kalten Krieges endlich überwinden und neue, tragfähige Ebenen der gemeinsamen Handlungen und Vorstellungen finden. Alles andere oder davon abweichende wird weitere unschuldige Opfer fordern.


12.9.2001:

Das „Bombt-Tripolis“-Problem

Die Frage nach den Schuldigen an dem Terrorakt gegen die USA gewinnt weltweit immer weiteren Raum. Es ist eine Frage, die unmittelbar naheliegt – der Mörder soll ein Gesicht bekommen, das konkretes Ziel des Abscheus sein kann. Solange eine nebulöse Zuordnung zu unbekanten Gruppierungen oder Regionen anhält, fühlen sich Einzelne und Staaten nicht sicher, die „Furcht aus der indirekten Erfahrung“ (ein Wesensmerkmal der öffentlichen Rezeption von terroristischen Akten) wächst zusammen mit einer (individuell-menschlichen) Identifikation mit den Objekten des Terrors: „Wir“ sind alle Opfer.

Die Frage nach dem Schuldigen enthält aber nicht nur die Komponente der Identifizierung, sie ist nicht zweckfrei. Der intuitive Wunsch nach der Bestrafung der Täter ist machtvoll und dem Menschen anscheinend dem Wesen nach eigen – schon allerfrüheste Ordnungen basieren auf dem Strafsystem des Wenn-Dann. Hierzu leistet die durch Empathie gewonnene Opfersicht einen unverzichtbaren Dienst: Aus einer Täterrolle heraus wäre eine „Strafe“ nichts als ein weiteres Täterverhalten, eine Fortführung der ungerechtfertigten Sanktion.

Als im Grunde problematisch ist dementsprechend jede „Bestrafung“ anzusehen. Wer ist nur Opfer, nie Täter? Wer nur Täter, nie Opfer? Nach allen Erfahrungen mit der Reaktion auf internationalen Terrorismus speziell in den letzten Jahren geht mit der Bestrafung mindestens der mittlerweile so negativ besetzte „Kollateralschaden“ einher. Das Opfer wird durch die Bestrafung zum Täter – egal, wie umsichtig und sorgfältig vorgegangen wird, die Wahrscheinlichkeit der negativen Folge für Unbeteiligte ist nicht nur kaum zu reduzieren, sondern wegen der zumeist ungünstigen Rahmenbedingungen einer konkreten Aktion in der Regel nicht zu vermeiden.

Die zu erwartende Folge ist bekannt. Fehlt es an der Legitibilität und an der Gemeinschaft aller an der Erkenntnis der rechtmäßigen Strafe, ist ein neuer Bogen der Spirale der Gewalt geschnitten – nichts sonst.


13.9.2001:

Hyperventilierendes Nachrichten-TV

Ich bin sehr benachteiligt in diesen Tagen. Im Unterschied zum normalen Alltag habe ich Urlaub ohne Pflichten und kann mich daher mit einem guten Grund der Berichterstattung aus einer Vielzahl von Medien nicht entziehen, wie es normalerweise der Fall wäre. Im regulären Fall würde ich alltags bestimmte Nachrichten und Analysen zur Kenntnis nehmen und abends vielleicht (ein vielleicht mit großer Chance zum doch-nicht) Nachrichten auf einem öffentlich-rechtlichen Kanal betrachten, sowie in indirekter Form und dreifach distanziert das eine oder andere newsgroup-posting bestaunen, belächeln oder gelangweilt überblättern. Alles andere käme – im normalen Alltag, wie gesagt – gar nicht an mich heran; erst am Wochenende würde jeweils der selektive Überflug über die gesammelten SZen, Wochenzeitschriften oder andere Print-Medien stattfinden, der von dem angenehmen Bewußtsein geprägt ist, daß ich nichts mehr verpassen kann, was ohnehin schon vollendete Vergangenheit ist.

So aber kann ich kaum anders als durch CNN-int., n-TV, das TV-Programm der Deutschen Welle, CNBC, BBC-News oder einen mir vom Ton her unverständlichen türkischen Sender durchzuzappen und immer die gleichen Bilder, Laufschriften und Schnittfolgen betrachten. Auf deutsche Vollprogramme zu schalten, getraue ich mich schon gar nicht mehr. Selbst das Umschalten auf das Radio hilft mir kaum – auch hier werde ich mit immer den gleichen hyperventilierenden Message-Ausstößen überschüttet. Man kann dem nicht entkommen – aber ich kann auch nicht abschalten: Es könnte ja stündlich, minütlich – jetzt, in dieser Sekunde etwas kommen, was ich nicht verpassen dürfte – etwas Wichtiges, etwas, das die Vorgänge klarer macht. Natürlich kommt es nicht. Natürlich kann es auch nicht kommen. Und wenn etwas passierte, würde auch die nachträgliche Kenntnisnahme keinen Unterschied machen. So oder ähnlich muß sich ein Börsenzocker in ängstlicher Sorge um seinen Anlagebestand jederzeit fühlen, das arme Schwein.

Wenn man diesem fortlaufenden Nachrichten- und Contentstrom ständig ausgeliefert ist, verliert man, so glaube ich jedenfalls mittlerweile, jeden Bezug zu normalen Zeiten oder Inhalten oder irgendwelchen Bedeutungen. Alles und jedes bekommt einen aufgesetzten Hype, der dem regulären Gefühl für Gewichtungen und Wichtigkeiten nicht zuträglich sein kann. Ein Unterschied zwischen Nachrichten und „Pater Perversos Nachmittagsshow“ dürfte folgerichtig auch zum nicht mehr wahrnehmbaren verschwimmen.

Der Bündnisfall wurde durch die NATO festgestellt. Eine folgerichtige Entschließung auf der Grundlage der in den Zusatzprotokollen der letzten sechs Jahre festgehaltenen Änderung der Grundlagen des Vertrages – „terroristische“ Akte sind nunmehr vorhergesehenes und richtig eingetretenes Element der möglichen internationalen Spannungsfelder. Auch der alte Vertrag mit der schwächeren Formulierung hätte angesichts des Angriffs ausgereicht. Die Feststellung des Bündnisfalles ist allerdings nicht mehr als ein formaler Akt – ein Akt, nebenbei, der von der europäischen Komponente nach dem Bombardement von Tripolis als fehlend beanstandet wurde und insoweit gegenüber dem früher Geschehenen als korrektere Behandlung erkannt werden muß.

Jedoch würde auch ohne Bündnisfall ohne jeden Zweifel die eigentliche Leistung der Partnerstaaten die gleiche wie mit festgestelltem Bündnisfall sein – die Notwendigkeit zu einer wirklichen militärischen Unterstützung ist ja ohnehin nicht zu erwarten, das können und wollen die Amerikaner mit Sicherheit selbst erledigen. Hierzu ist schon durch die Bundesregierung am Mittwoch die Eigenverpflichtung endgültig und damit auch rechtsverbindlich erklärt worden (die USA war durch den schnell ernannten Botschafter als Annehmender der Erklärung anwesend). Worum es geht ist die Überfluggenehmigung für waffentragende Maschinen (die durch den Bündnisfall als automatisch erteilt gilt und nur noch angemeldet werden muß – ein automatisches Scheduling durch die entsprechenden Führungsebenen), ggf. Marsch-Erlaubnis für Bodentransporte (dito) und Unterstützung in organisatorischer und technisch-logistischer Hinsicht (ohnehin Tagesgeschäft der NATO-Streitkräfte).

Die Tafeln in den Nachrichtensendungen stellen den Bündnisfall nach Art. V als Auszug dar – der unkundig Betrachtende wird implizit auf den Extremfall des kriegerischen Aktes als Bündnispartner hingeführt. Die im selben Absatz erfolgende (nicht gezeigte!) Klarstellung, daß jeder Bündnispartner eigenständig und von Fall zu Fall entscheidet, in welcher Form er unterstützt (und das kann auch heißen: eine scharfe protokollarische Note an den Gegner; etwas, das für einige NATO-Partner der einzige Weg sein wird, überhaupt dem Bündnisfall genüge zu tun), wird nicht vermittelt – ist auch vielleicht für (speziell) das Medium TV zu kompliziert, um es „rüberzubringen“.

Eine Kassiererin am Abend zu einer Kundin an der Kasse eines Supermarktes: „Jetzt haben wir ja schon Krieg!“ „Na, wenn das mal gutgeht ….“

So wirkt die Mechanik der sich selbst überholenden Nachrichtenlage ohne wirklichen Background, die ihrerseits wieder auf die politischen Akteure zurückwirkt.


14.9.2001:

Wer ist der Feind?

Die Zeit der Kommentatoren bricht an. Heute mehr denn je zuvor – das Netz ermöglicht jedem die öffentliche Äußerung, auch mir an dieser Stelle. Erneut finde ich, daß slashdot eine der besten Plattformen darstellt, weil dort wie immer in offener Art Meinungen und Ansichten aufeinander prallen und aus dem Gesamten der Kenntnisstand für alle wächst, aber das mag ein sehr subjektiver Eindruck sein (s. beispielsweise hier). Auch der print-Bereich kommt in die Hufe – neben faktenreichen und ordentlichen Abrissen über was, wie, woher tauchen die ersten warum, weshalb und wie weiter-Artikel auf.

Einer davon in der SZ sieht den Begriff des global village in seiner Bedeutung als idyllische Utopie entlarvt und auf die Schlagwort-Müllhalde geworfen. Huntington, der No-no der Multikulti-Elite, ist auch in vielen anderen Kommentaren die aktuelle baseline.

Mir persönlich scheint aber der als Autor fungierende gute Philo-Professor hier auf den eigenen idyllischen Sprachgebrauch des „Dorfes“ hereingefallen zu sein – jeder kennt jeden heißt ja leider nicht, daß der Dorfdepp nicht existiert, der Großbauer dem kleinen Nebenerwerbler großzügig unter die Arme greift, die lokale Filiale der Sparkasse die Zinsen nach Möglichkeit einräumt und der gute Onkel der kleinen Nichte nicht Gewalt antut.

Nein, das Gegenteil ist richtig – der Begriff „global village“ hat jetzt die Dimension erhalten, die er immer schon in sich trug, jedoch nicht ausdrücken durfte in der Alles-ist-gut-Welt der Werbung und Tagespolitik. Solutions for a small planet“ müssen dieser neuen Dimension gerecht werden – ein Zurück zu weiten, segregierten Räumen im jeweiligen Besitz einer unären Macht ist nicht mehr im Angebot.

Das soll aber nach anderen Notierungen doch so sein – zum Beispiel sei Afghanistan schon deshalb nicht als Ziel geeignet, weil man es nicht in die Steinzeit zurückbomben können kann – es sei schon da. Und unabhängig und jenseits jedes Einwirkens obendrein. Ein echter Schurkenstaat eben, das in einen Staat gegossene Übel. Und innerhalb dessen eine Gruppe von wiederum abgesetzten Wahnsinnigen, die eigentlich nur vom afghanischen Umfeld geduldet sind (wenn überhaupt) und auch keine wirkliche Anbindung an dieses Umfeld haben außer einer komplizierten Gemengelage religiöser Interessen, familiärer Verbindungen, einem gemeinsamen Feindbild. Auch könne der Schurkenstaat nicht ohne weiteres ausliefern – niemand nähme den Bösen ab, da der Annehmende sofort zum Ziel würde; auch sei die Glaubwürdigkeit der Taliban gegenüber der eigenen Bevölkerung in Gefahr und zudem stehe dem die Abhängigkeit zu finanziellen Unterstützern und Gönnern entgegen.

Kurz: es gibt auf der Gemeindefläche des „global village“ vollkommen unbetretbares Land, den gemeindlichen Zielen nicht zugeordnet und zugehörig. Da sitzt der Feind. (So die Meinung eines analysierenden Journalisten)

Schön wäre es, würde die Identifikation so leicht verortbar sein – selbst wenn direkte Aktionen nicht möglich wären, könnten langfristige Maßnahmen (containment, isolation, agitation, distribution policies, infiltration und was es noch alles an Spielbällen gibt) die Situation verändern. Ich glaube jedoch nicht, daß es so einfach ist. Wo war Timothy McVeigh zuhause? Wenn die ETA bombt, verläßt sie die Landesgrenzen? Bestand die RAF nicht aus Deutschen, die Brigati Rosso nicht aus Italienern? Leben die Kokainfürsten auf dem Mond? Wo leben die religiösen Fundamentalisten – in Teheran oder im Bible Belt?

Der Punkt ist, daß der Feind nicht „außen“ ist – irgendwo anders an exotischen Orten, bei denen man nicht sicher ist, ob sie überhaupt existieren, zu denen man weder Bezug hat noch haben möchte. Der „Feind“ ist derjenige, der in zentralen Punkten den dünnen Firnis der rechtlichen und ethischen Übereinkunft nicht mitträgt, den das „Wir“ als gegeben annimmt.

Heute ist es ein bin Laden, morgen der freundliche Nachbar – der hält sich nämlich im Keller eine Achtjährige, die er auf eine spezielle Weise liebt.

Man muß darüber nachdenken, was recht, was unrecht ist, ob man überhaupt zu einer wirklich gemeinsamen Sicht dieser Dinge kommen kann und wie man Schuld auch in einem großen Maße für jeden anerkennbar bestrafen kann. Ein Schurkenstaat würde sicher nicht über sich zu Gericht sitzen lassen zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Da dies aber auch für das „… land of the brave …“ gilt (und in kleineren Nickeligkeiten auch für alle Länder Europas), hilft das aktuell auch nicht so toll weiter, um das Böse zu handhaben.

[Auf diesen Beitrag hin kam es unter anderem zur Einrede, dass Afghanistan tatsächlich ein „Steinzeit“-Staat sei – darauf die Erwiderung:]

Es ist durchaus möglich, daß [der Jounalist] mit der Einschätzung [Steinzeit-Staat] vollkommen richtig liegt. Zumindest als Metapher soll sie ja etwas deutlich und nachvollziehbar machen – sie baut auch auf den öffentlichen Erfahrungswerten aus der Zeit des desaströsen sowjetischen Okkupationsversuchs auf. Die Erklärung für das Versagen der konventionellen Besatzungstruppen war eben die Unmöglichkeit, in der Fläche die afghanischen Kräfte kontrollieren und bekämpfen zu können (+ Nachschub-Abschneidung, Schlamperei, miese Technik, Korruption, mangelnde Unterstützung aus der Heimat usw. usf., + angepaßte Rüstungshilfe für die Afghanen mit außer-afghanischen Rückzugsbereichen).

Genau die „Steinzeit“-Metapher hat mich aber bei dem Durchlesen mißtrauisch gemacht – es kam mir von der damaligen Berichterstattung noch zu bekannt vor. Daraufhin kamen mir die angegebenen Darstellungen des Berichts im gegebenen Zusammenhang fragwürdig vor. Nach meinem Dafürhalten paßt da einiges nicht (wie so manches anderswo auch nicht „paßt“):

  1. „niemand nähme den Bösen ab, da der Annehmende sofort zum Ziel würde“

Ich habe zwar verkürzt, aber nicht verfälscht – und das Argument ist schon mal falsch. Ein Telefon-Anruf nach Teheran, Bagdad, Tripolis oder sonstwohin und die diskrete Weiterleitung über einen weiteren Mittlerstaat wie Frankreich oder eine sonstige europäische Macht und der Deal könnte ohne weiteres steigen.

  1. „Ein echter Schurkenstaat eben, das in einen Staat gegossene Übel“

Verkürzt, nicht verfälscht – die heutigen Äußerungen und Darstellungen bestätigen die Attributierung. Und bestenfalls halbwahr – gemeint können nur Teile der Bevölkerung sein (die anti-westlich Orientierten inkl. den Taliban und davon nur der agierende Teil). Es gibt bekanntermaßen auch heute große und einflußreiche Gruppierungen, die in offener oder duldender Gegnerschaft zu den „Taliban“ stehen – Afghanistan als Staat ist eine Fiktion, da werden Einflußbereiche von Warlords geführt und im Grunde war das immer schon so. Von den Anti-Taliban stehen einige Gruppen auch heute noch über verschiedene Kanäle sowohl direkt als auch indirekt mit dem Westen in Verbindung.

  1. „auch sei die Glaubwürdigkeit gegenüber der eigenen Bevölkerung in Gefahr“

Auch wenn die Metapher das noch so nahe legt, sind weder die Afghanen selbst noch überhaupt Dritt- oder Viertweltländer in Angelegenheiten von inneren oder äußeren (Macht-) Kämpfen blöd. Oder auch nur nachrichtenlos. Die wissen sehr genau, was auf sie zukommen kann – wie sie es in ihrer jeweiligen Perspektive (oder von mir aus „Irrsinn“) interpretieren, mag unterschiedlich sein. Die Absetzbewegung aus Flächenzielen zeigt zumindest schon mal einen gesunden Realitätssinn.

  1. „zudem stehe dem die Abhängigkeit zu finanziellen Unterstützern und Gönnern entgegen“

Auf der einen Seite die Wirkungslosigkeit eines Angriffs mit der vollkommenen Abgeschottetheit und Unabhängigkeit zu begründen und – im selben Artikel! – die finanziellen und sonstigen Verpflichtungen zu dokumentieren, die speziell die Taliban überhaupt an der (partiellen) Macht halten, ist eine der Eigenentlarvungen, die einem westlichen Journalisten schnell passieren können, wenn er auf die Schnelle Spalten füllen muß, über wenig Quellen und abrufbares Wissen verfügt und ansonsten nur aus Pressemappen Material entnehmen kann.

Wenn es ein Land auf dieser Erde gibt, daß aus der Verbindung von den einzelnen Gruppen zu Interessenverbänden und einzelnen Personen in anderen Staaten (jedoch innerhalb der jeweiligen Interessengemeinschaft) „lebt“, dann ist es Afghanistan. [nur ein kleines, vollkommen bedeutungsloses Beispiel, für das ich aber persönlich eine Quelle habe: eine Gruppe – als Stamm, Sippe oder Familienverband kann man die heutigen Verbände nicht mehr bezeichnen -, die im südwestlichen Bereich an der pakistanischen Grenze operiert, betreibt einen schwunghaften Handel – nach dortigen Kategorien – mit Raubkopien von diesen vollkommen behämmerten, dafür islamisch irgendwie korrekten Soaps aus Bollywood und der Türkei, die sich anscheinend die Frauen reinziehen – wobei die Beschaffung und der Besitz wiederum ein Statussymbol zu sein scheint]

Die vollkommen verarmte ehemalige „städtische“ Bevölkerung, die Angestellten in Verwaltung und Betrieben, die keine Sippen-Anbindung zu den Warlords haben oder aufbauen wollten oder konnten, die vielen Kriegswaisen und Behinderten und die sonstigen Opfer des jahrzehntelangen „Bürger“-krieges sind diejenigen, die von Hilfe von außen abhängig waren – und sie werden die neuen Opfer sein und wenn es nur wieder als menschlicher Schild ist für diejenigen, von denen sie schon die ganze Zeit ausgebeutet, drangsaliert, gequält und benutzt werden.

Militärisch/waffentechnisch stellen die Afghanen übrigens keine besondere Bedrohung dar – da geht nicht mehr viel zusammen, was zu mehr reichen würde als zu Terrorakten auf möglichst Unbewaffnete und ahnungslose Gegner.

In der Steinzeit lebten die Menschen wahrscheinlich um vieles besser als in der Moderne der Disparität.


18.9.2001:

Richtiges im Falschen und vice versa

In dem Film „The Siege“ („Ausnahmezustand„), der die gegebene Problematik in Hollywood-Manier vorweg genommen hat und der auf das äußerste postmodern PC ist (die Politiker sind böse/blöd, die CIA ist sowieso böse/blöd, die Militärs sind dumm/böse und von Haus aus knallblöd, die Terroristen sind verschlagen böse/blöd usw.), jedoch programmatisch richtig endet (der scharze FBI-Patriot verhaftet den bösen Anstifter-General, wie es die gute Verfassung von jedem Demokraten verlangt), sagt die nette, zwiespältige CIA-Agentin: „Nein, richtig und falsch zu unterscheiden ist kein Problem – das Problem ist, das Richtige im Falschen zu finden“ (zumindest in der deutschen Synchronisation). Das Gleiche gilt für das Falsche im Richtigen. Vorausgesetzt, es ist überhaupt etwas davon vorhanden …

Frau Vizepräsidentin Vollmer äußerte sich in einer Talkrunde dahingehend, sie sei der Überzeugung, daß die überwiegende Mehrheit „… auch der amerikanischen Bevölkerung …“ gegen einen breit angelegten militärischen Vergeltungsschlag sei. Das Richtige im Falschen daran ist, daß es schön wäre, wenn es so wäre. Das Falsche im Richtigen ist, das bei allerbestem Willen (mir) nicht nachvollziehbar ist, wie eine erfahrene bundesdeutsche Politikerin in ihrer Weltsicht so daneben liegen kann (und ich persönlich bin durchaus Grünen-„freundlich“, ein parteibezogenes bashing liegt mir hier vollkommen fern).

Sich die Mühe des Gegenbelegs zu machen, fällt bei auch nur flüchtigster Anstrengung nicht schwer. Ein Beispiel von vielen möglichen quote ich im folgenden – die vielen zustimmenden, verstärkenden Antwort-postings nenne ich hier, quote sie aber nicht. Die wenigen relativierenden, zur Besonnenheit ratenden Stimmen kamen ausnahmslos aus dem Ausland (GB, NL). Zur Person des Postenden (um von vornherein ein schnelles Abqualifizieren zu verhindern!): Es handelt sich um Brad Wardell, den Gründer und Mitbesitzer einer „ordentlichen“, mittelständischen Software-Firma (in der Win-Welt vielleicht u. a. mit Window-Blinds oder so ähnlich bekannt), qualifizierter Ingenieur, durch viele Postings als moderater, liberal-konservativer weltläufiger Mensch ausgewiesen, der über viel Humor und deutlich über dem Durchschnitt liegendem Allgemeinwissen verfügt. U. a. hat er mehr oder weniger im Alleingang äußerst komplexe Simulations-Spiele wie „Galactic Civilisations“ oder Wirtschaftssimulationen entwickelt (bevor es in der WinWelt auch nur ansatzweise von der Breite oder Intelligenz her vergleichbares gab).

We’re all armchair analysts here but everyone who is a regular here knows that virtually all the posters here are quite educated — far more so than what you see on Usenet.So specifically, what should the United States and its allies do? What should Western civilization do to combat this threat?Here is my unimportant opinion on the matter:

Immediate:

Airborne destruction of Bin Laden bases in Afganastan with introduction of special forces to utterly destroy these bases. The attack should be complete and overwhelming. The attacks will continue until Bin Laden is killed and his network in Afganastan is broken.The UN will draft a resolution allowing for UN forces to use force in the elimination of worldwide terrorist networks.

Phase 1: Diplomacy and Military Action

We identify countries that house terrorist organizations and put them on notice. They will have 90 days to cooperate or their assets will be frozen in allied countries and an embargo placed. Any nation that does not cooperate with the embargo would have their assets frozen too.Cooperation will mean that they will take whatever action necessary to eliminate any known terrorist presence in those countries and cooperate with allied forces in taking them out. Within 90 days those terrorist cells that are known will be destroyed in those countries. Elimination of terrorists will not be handled as a law enforcement excercise. There will be no trials. Terrorists are enemy soldiers.

Phase 2: Elimination of Iraq.

The United States and its allies will invade Iraq from Saudi Arabia and Kuwait and replace the regime with a supreme commander of Allied forces (ala MacArthur). Iraq will be made an example of. While under Allied occupation, the people will be re-educated and informed that within a relatively brief period of time, they will be granted their freedom, a constitution will be drafted and their people will be able to vote in new leaders. The existing power bases will be ripped up and individuals and companies friendly to the west will be given the lands and assets of Iraq.A re-education program will be put in that promotes Islam as a peaceful religion and that the west is their friend. They will be integrated with western culture.

Phase 3: Pressure on other countries for re-education.

Targeted countries such as Egypt, Syria, Saudi Arabia, UAE, Yemen, Iran will be pressured to begin a re-education program in which they will not permit their media or public speakers to utter anti-western propaganda. The west will be promoted as their friends. Those that do not cooperate or attempt an oil embargo will be dealt with as Iraq was dealt with.Again, Islam will be promoted as a pacifistic religion and militants will be imprisoned or worse.Throughout all phases, allied military and covert forces will identify and eliminate terrorist cells and Islamic militants whereever they exist worldwide. When possible, the countries in question will be asked to deal with it. When not possible, the allies will take care of it.

Epilogue:

Should these measures fail to stop the murder of Americans on US soil enmass, much much harsher measures will need to be required. If the war ends up a battle of survival, then I want to ensure that our side (our side being western european style civilizations) is the side that continues to exist. Hopefully drastic measures won’t be necessary.

If you disagree, then post your views on what you think should be done to effectively end the threat of having US cities targeted for destruction by foreign terrorists.

Brad

Zugleich stehen Teile des Netzes Kopf wegen der Pläne und Maßnahmen zum Abhören von Telefon, Funk- und eMail-Verkehr in Amerika (!!). Das Falsche im Richtigen daran ist, daß der Rest der Welt seit Jahren diesen Abhörmaßnahmen unterliegt (s. der äußerst zarte Echelon-Report des europäischen Parlaments) und außer allgemeinen Äußerungen hierzu die Haltung der amerikanischen Gurus eher als indifferent zu bezeichnen war – seit mehr als einem Jahrzehnt! Richtiges im Falschen kann ich leider nicht feststellen.

[..]

Wenn das Ziel der unsäglichen Attacke unter anderem war, deutlich zu machen, daß die USA gegenwärtig äußerst eigene Wege sowohl in der Innen-, als auch in der Außensicht verfolgt, dann ist ihr zumindest das gelungen.


30.9.2001:

Die Allianz oder ‚Cooperate, or else …‘

Man wird „das“ Thema nicht los. Das mag auch ganz gut sein – immerhin öffnen sich ganz offensichtlich auch eine Vielzahl von Möglichkeiten, die zwar theoretisch vorhanden waren („new world order“(**1**)), aber praktisch verschlafen oder verwurstelt wurden. Solange die Normalität dabei nicht ganz zu kurz kommt, ist es auch erträglich – und so langsam scheint sich die Themen- und Haltungspalette auch in den USA wieder entfalten zu können.

Trotzdem verfestigt sich (bei mir) die aktuelle Sorgenfalte immer mehr. Ich habe mir die zwei, (auch) für uns Europäer/Deutsche bedeutsamen Reden(**2**) mehrfach sehr sorgfältig angehört und angesehen – und ich kann mir nicht helfen: ein noch größerer Antagonismus als zwischen diesen beiden staatspolitischen Akten ist mir einfach nicht vorstellbar. Ich sehe nicht, wie man eine derartige Differenz in Inhalt, Form, Zielsetzung und Haltung zur Deckung bringen kann.

Bei allem berechtigten Vorbehalt zu Person, Amt und allgemeiner Einschätzung zu Herrn Putin und dem von ihm präsidierten Apparat und zum offiziellen Russland: seine Präsentation, seine Haltung, sein Gestus und die vertretenen Inhalte waren nichts weniger als erfreulich und ermutigend – in jeder Hinsicht. Der europäische Bruch wirkt überwindbarer denn je zuvor in den letzten hundert Jahren – und wenn tatsächlich Deutschland eine Rolle als Brücke und Bindeglied spielen kann, dann sollten die Schwerpunkte des aussenpolitischen Handelns darauf zu liegen kommen. Ich habe in den letzten Jahren mehrfach mir persönlich irrational erschienene Rollenzuweisungen in diesem Sinne von Personen östlichen Staaten anhören müssen (zum Teil von altgedienten Kadern, was die Glaubwürdigkeit nicht unbedingt erhöhte), aber was hilft es, sich aufgrund anderer Sichtweise entziehen zu wollen, wenn diese, für mich als „Wessi“ suspekte Erwartungshaltung effektiv einfach vorhanden ist?

Und dann der Gegensatz des ruhigen, sachlichen, „europäischen“ Rahmens bei der Putin-Rede gegenüber der (tut mir leid) hohl-pathetischen Hollywood-Hüpfburg-Veranstaltung mit der Kernaussage „Wer nicht kooperiert, kriegt auf die Fresse“. Bevor jetzt jemand losschimpft: bitte, wer sich den Text erneut vergegenwärtigt, kommt nicht umhin festzustellen, daß in den Kernpunkten ein massiv unspezifizierter Drohbezug vorhanden ist und ausschließlich eine unilaterale Position eingenommen wird – egal, wie man es dreht und wendet und welche psychologisch-emotionale Bedingtheit auch immer entschuldigend angenommen wird, es ging um eine unbedingte Forderungs- und Bestimmungsdoktrin.

Und so ist die Folge auch. Eine „Allianz gegen den Terror“ (im Rahmen des präsidentialen Aufrufs zum „War on Terror“) auf der Grundlage der pragmatischen Machbarkeit und einer nicht mehr weiter tieferlegbaren Minima Moralia? Bitteschön – Partner mit einem verwirklichten Scharia-Rechtssystem entlarven eine derartige Allianz als Herrschaftsfolge. Stalin, Franco, die griechischen Generäle, südamerikanische Diktatoren und überhaupt alle denkbaren Unrechtssysteme könnten dieser Allianz guten Gewissens beitreten (und tun das in Erwartung entsprechender Honorierung auch).

Und „wir“? „Wir“ sind sicherlich dabei – und müssen das auch, schon aus tatsächlicher vertraglicher Bindung. Aber es wird vielleicht weniger einfach werden, als sich das gegenwärtig ansieht. Ein Beispiel: Einer der Rechtsgrundsätze der Bundesrepublik (und anderer europäischer Staaten) ist es, Angeklagte nicht an Länder auszuliefern, in denen ihnen die Todesstrafe droht. Na, dann wollen wir mal hoffen, daß es nicht zu einem Fahndungserfolg in Deutschland kommt – sonst wird es ganz schnell ganz außerordentlich kniffelig.

(**1**) Mittlerweile (also in 2014) muß man den Ausdruck „New World Order“ sehr deutlich erklären, weil die Truther ihn weltweit mit ihrem Verschwörungswahn komplett aus dem Vernunft-Orbit geschossen haben. Hier geht es um die historische, tatsächliche Verwendung des Ausdrucks durch US-Präsident George H.W. Bush (dem älteren Bush mit der Amtszeit 89-93) vor der UNO und anläßlich anderer Gelegenheiten (z.B. in Bezug auf den 1. Irak-Krieg wegen der endlich einmal nicht blockierenden Sicherheitsratsmitglieder)
(**2**) US-Präsident George W. Bush (der jüngere Bush) 2001 vor dem US-Kongress mit der jährlichen „State of the Union„, Putin 2001 im Bundestag – die „berühmte“ Rede mit dem „europäischen Haus“
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Eindrücke von „damals“ – 9/11

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