Burka oder Arschgeweih? Lieber das in der Mitte.

Seit einigen Jahren läuft eine Diskussion in Westeuropa über das Tragen von „Körperschleiern“ im öffentlichen Raum. Damit ist mal ausnahmsweise nicht die Vermummung von randalierenden Demonstranten gemeint (die hatten wir ja immerhin auch schon und es ist auch trotz gesetzlicher Regelung nichts geklärt), sondern seltsame Überwürfe über der Oberbekleidung von Frauen, die das Gesicht, Teile des oder nahezu den ganzen „Körper“ verdecken. Solche Überwürfe gibt es auch in fernen Gegenden mit einer Art Gitterstruktur vor den Augen des Trägers, hier herum bleiben zumindest die Augen meist frei.

Teil- oder vollverschleierte Frauen (wenn’s solche sind…) sind in Westeuropa nach wie vor und trotz schon seit langem zumindest spürbaren Anteil von Muslimen an der Wohnbevölkerung ein ungewohnter Anblick im Strassenbild (oder im Supermarkt oder an der Tankstelle oder sonstwo). Wer im TV viel Auslandsberichterstattung anschaut oder als Tourist in abwegigen Weltgegenden herumkraucht oder als Mitmandatsträger in ebenfalls komischem Gewand in staatlichen Trümmerhaufen herumzulaborieren hat – oder einfach Zeitung liest -, der weiß, dass solche Überwürfe irgendwas mit Anforderungen irgendeiner Art von „muslimischer Kultur“ zu tun haben. In Westeuropa ist man sich derzeit wohl mehrheitlich einig, dass das eine sowohl „unschöne“ als auch „unpassende“ Art von Oberkleidung ist, um sich öffentlich herumzutreiben.

Diese Art der geschmacklichen Übereinkunft hat mindestens in einigen Ländern schon dazu geführt, dass entsprechende Vermummungsverb… äh, „Burka“-Verbote erlassen wurden. Ob diese staatlichen Modeverbote die Überwurfträgerinnen vom Überwurftragen abhalten oder ob z.B. in Frankreichs Banlieus die Kassen der Ordnungsämter klingeln, weil arbeitstäglich „Burka“-Strafzettel in erklecklichen Höhen ausgestellt werden können, weiß ich nicht. Ich persönlich fühle auch nicht den unstillbaren Drang, solche anscheinend wahnsinnig wichtigen Fragen des Alltags durch intensives Ergoogeln zu ermitteln.

Denn eine der vielen Eigenarten im Zusammenhang ist es, dass erstaunlich viele Bürger, die sich wie erwähnt ziemlich einträchtig im Urteil verbunden sehen, solche häßlichen Gewänder derzeit nicht für modisch en vogue zu halten, sich bei denjenigen Gestalten, die sie im Strassenbild mit einer solchen Vermummung erwischen, total echauffieren. Nicht unbedingt auf der Strasse, der/dem Verhüllten gegenüber, und noch nicht mal durch abfällige Gesten in der Situation des Aufeinandertreffens (nuja, vielleicht ein abschätziger Blick oder so…), wie man das z.B. als durchschnittlicher Autofahrer beim mörderischen Schneiden durch einen der vielen anderen Nichtskönner im Strassenverkehr schon beinahe automatisch machen würde. Nein, die empörten Reaktionen vieler Bürger zeigen sich meist zum einen grundsätzlich – typischerweise im Zusammenhang mit „das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“-Sätzen – und zum anderen sehr gerne auch in Kommentaren in „sozialen Medien“ oder auf Zeitungsplattformen. Auch während der vielen, vielen „Talkshows“ zum Thema im TV (die keiner anschaut, weil sie ja schon immer völlig un-er-träg-lich!! waren) wird die radikale Ablehnung solcher Bekleidungsgegenstände gerne in Online-Befragungen dokumentiert – das ist immer besonders lustig, weil die arme Moderatorin (selten: Moderator) oft erkennbar Mühe hat, aus der Anzahl an eingegangenen Kommentaren diejenigen auszuwählen, die man noch knapp in einer gesitteten öffentlich-rechtlichen Vorstellung zum Besten geben kann.

Es beschäftigt also die Menschen zu einem Teil stark. Auch hier in Deutschland, Ende des Jahres 2014, wo aktuell glaube ich die dritte oder vierte öffentliche Diskussion darüber stattfindet, ob es jetzt nicht aber wirklich und endlich mal an der Zeit wäre, diese unsäglichen Kleidungsstücke gesetzlich zu bannen. Wenn ich es von den letzten Diskussionsveranstaltungen her, die alle zwei, drei Jahre mal stattfinden, noch richtig im Kopf habe, geht auch derzeit die Diskussionsvorlage wieder von der CDU/CSU aus, die wohl parteiintern ein entsprechendes Votum diskutiert und eventuell in eine Gesetzesvorlage einmünden lassen will. Wieder einmal.

Dementsprechend sind natürlich alle Leitartikler und kommentierlichen Edelfedern der Gazetten mit ihren diversen Privatmeinungen wieder ausgiebig vertreten. Die liberal-konservativen Blättchen finden’s im wesentlichen gut / richtig / schön / wirklich an der Zeit!, was die CDU/CSU hier intern bewegt, die links-liberalen und liberal-liberalen sind hingegen eher einerseitsandererseits. Bei den Rechtsauslegern der Bloglandschaft und sonstwo braucht man gar nicht erst zu schauen, bei den Linksauslegern auch nicht (wobei es da wiederum auch „müßte / könnte man schon eigentlich…“-Stimmen gibt). Wie oben schon gesagt, besteht wenig überraschender modischer Konsens in dieser Frage – und die paar Überwurfträger haben ja bei soviel Konsens nichts zu sagen. Ein Beispiel für eine ziemlich offensichtlich bizarre Begründungskonstruktion, der es gelingt, sich selbst innerhalb eines einzigen Absatzes mehrfach logisch zu widersprechen und gleichwohl tut, als wäre es eine völlig selbstverständliche, stringente Argumentation ist ein Kommentar von Kerstin Holm in der F.A.Z. vom 12.12.2014. Er endet mit dem schönen Satz

Nur wer sich dauerhaft bei uns niederlässt, muss lernen, dass Frauen ihre Würde hierzulande anders wahren können, als indem sie sich einen Sack über den Kopf ziehen.

und beschäftigt sich davor abschnittelang mit ebensolchen abseitigen Vorstellungen. Denn es dürfte ja klar sein, dass solch ein dummes Argument schon simpel dadurch endgültig widerlegt ist, indem *irgendeine* beliebige Frau schlicht erklärt: „nö. Für meine Würde, oder wie auch immer mein Meinen heißt, ist es notwendig, einen Sack überzuziehen“. Und was will die F.A.Z.-Kommentatorin daraufhin sagen? Eben: nix, Argument tot.

Denn eines ist ja bei all dem unnützen Geblähe über diesen Schwachsinn klar: so ein dämlicher Überwurf mag *mir* nicht gefallen, er mag *mir* als der aber nun endgültige Untergang des modischen Abendlandes scheinen, er mag *mir* als Symbol der widerlichen Knechtung von Menschen im verachtenswerten Irrglauben der Muselmanen erscheinen – aber das blöde Teil tut mir ja nix. Ich muß es ja nicht anziehen. Ich muß es noch nicht mal angucken. Oder wenn ich’s angucke, dann kann ich mich zwar (hoffentlich nur) innerlich empören – aber das war’s dann auch schon. Die Tante oder der Onkel unter dem bescheuerten Teil und damit auch das hässliche Teil selbst geht mich nix an.

Ich darf wegen dem Nix-angehen ja noch nicht mal der 13-jährigen Rotzgöre mit ekelhaft ausgestelltem Arschgeweih eins hinter die Löffel geben und zum Dermatologen schicken, um den Schwachsinn wieder abzuwischen. Von den ganzen anderen Widerlichkeiten im Strassenbild mal ganz abgesehen. Wenn ich mir selbst gegenüber ehrlich bin, dann ist es ja sogar so, dass mir die bekloppten Vollvermummungen *lieber* sind als dasjenige, was ansonsten darunter lauern mag. Was mich auch wieder nix angeht, wohlverstanden.

Denn das eben ist zum Beispiel im oben angeführten Kommentar auch einer der offensichtlichen Fehlschlüsse – dort wird öffentlicher Raum gleichgesetzt mit Öffentlichkeit. Das ist natürlich blühender Unsinn. Auch im öffentlichen Raum bleibt mir mein Recht auf meine Privatsphäre innerhalb der sittlichen und gesetzlichen Rahmen selbstverständlich in voller Gänze erhalten. Solange ich die Rechte anderer nicht verletze, kann ich verdammt noch mal in selbstbestimmter Eigenverantwortung meines Weges gehen, ohne dass ich irgendeinem selbsternannten oder gar legitimierten Moralwächter Rede und Antwort zu stehen habe. Übrigens selbst dann, wenn ich mich falsch verhalte und keine Schäden verursache dabei. Dann ist ein anderer zwar berechtigt, mir Vorhaltungen zu machen – ich muß aber nicht darauf reagieren. Ich muß erst dann, wenn auf dem Rechtsweg Auskunft verlangt wird – aber selbst dann kann ich mich oberhalb der personalen Auskunftspflichten in eine Burka des Schweigens hüllen und niemand könnte sich beschweren.

Öffentlichkeit hingegen ist etwas anderes! Damit ist gemeint, dass Einzelwesen in irgendeiner Hinsicht interagieren. Wenn zum Beispiel ein Burka-Träger etwas von mir will, dann wäre ich durchaus berechtigt zu verlangen, sein Gesicht zu enthüllen, um Gleichheit im Gespräch herzustellen. Wenn das nicht gewährt wird, kann ich mich mit völlig ruhigem Gewissen abwenden und ein Gespräch ablehnen. Dasselbe gilt ebenso auch für alle anderen, organisierteren Formen von sozialen Interaktionen – solange die Neutralität der Gegenseitigkeit es verlangt, ist eine Aufforderung zur Enthüllung nicht nur nicht unbillig, sondern sogar geboten. Will der Verhüllte dieser Aufforderung nicht nachkommen, kann er keine Pflicht der anderen ihm zu Diensten zu sein einfordern. Selbst die reguläre Höflichkeit, die jeder Bürger jedem schuldet, greift bei einer solchen Verletzung der fairen Gegenseitigkeit nicht mehr.

Das sind die Unterschiede, die es zu bedenken gilt. Freie wollen wir sein und müssen wir hier in Europa sein. Aber wir sind immer auch Gleiche im unmittelbaren Angesicht. Nur da, wo der Freie auf den Gleichen trifft, kann die persönliche Freiheit zu beidseitigem Vorteil und im Einvernehmen eingeschränkt werden.

Solange die blöde Burka-Tante nix von mir will und ich nix von ihr, hat sie mir mit ihrem albernen Stoffgefängnis den Buckel runterzurutschen. Und genau dasselbe Buckelrunterrutschen gilt auch für mich aus ihrer Sicht.

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Burka oder Arschgeweih? Lieber das in der Mitte.

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