Was will die „forschende Komplementärmedizin“ erreichen?

Der wesentliche Teil dieses Artikels – Frau Witt und die Gestaltung der Zukunft – wurde in einem Forenbeitrag auf psiram bzw. in einem nachveröffentlichten Blog dort am 19.6.2013 formuliert

Es ist von Haus aus unsinnig, wenn ein medizinischer Total-Laie wie ich es bin eine solche Frage wie diejenige des Artikeltitels stellt – denn selbst wenn ich mit barer Gewalt wollte: *ich* könnte sie nicht beantworten, egal wie sehr auch immer ich mich bemühen würde. Aber das muß ich auch nicht können. Es würde zu einer sinnvollen Antwort völlig ausreichen, wenn jemand aus dem berufenen Kreise der „forschenden Komplementärmediziner“ etwas Aussagekräftiges zu der Frage öffentlich bekannt gibt.

Das muß man (ich) dann nur finden, vernünftig einsortieren, fair&korrekt darstellen und schon hat man zumindest mal eine valide Teilantwort auf die Frage des Titels. Teilantwort deshalb, weil es für jeden Forschungsbereich eine Unzahl an Zielen und Wünschen gibt, die es anzustreben gilt – aber die lassen sich durchaus unterscheiden in vordringliche und wichtige Ziele und den Rest. Wenn also jemand „Wichtiges“ in einer Forschergemeinschaft öffentlich Ziele und Ansprüche benennt, dann darf man wohl davon ausgehen, dass das Benannte der forschenden Gemeinschaft auch wichtig ist.

Vorweg sollte allerdings ein bißchen Definitonskram abgewickelt werden, damit klar wird, auf welchem Feld hier eigentlich gespielt wird.

Als erstes will ich den sperrigen Begriff „Komplementärmedizin“ beiseite schaffen. Das erste Problem bei dem Begriff ist, dass es so etwas wie dasjenige, was der Begriff zeigen soll, nicht wirklich gibt. Seit relativ kurzer Zeit gibt es zwar so etwas wie einen „offiziellen“ Versuch der WHO, diesen bzw. ähnliche Begriffe auf internationaler Ebene zu definieren und mit Inhalt zu bestücken, aber für die vergangenen Jahre war (und ist) es im Grunde ein Abgrenzungsbegriff, der von denjenigen benutzt wird, die nicht so wirklich medizinisch tätig sind. Das kann ja auch nicht anders sein, denn auch der Pendantbegriff „alternative Medizin“ heißt ja in ähnlicher Hinsicht, das da etwas anderes läuft als eben „Medizin“. Wenn es „Medizin“ wäre, was da stattfindet, müßten sich die Leute keine wilden Relativierungen einfallen lassen. Als zusammenfassende Abkürzung für „alternative und komplementäre Medizin“ wird oft – und so auch hier im weiteren – das Kürzel „CAM“ („complementary and alternative medicine“) verwandt. Das scheint die WHO derzeit nicht so recht verwenden zu wollen, aber wahrscheinlich wird sich das Kürzel noch lange halten. Die neueste Mode bei den phantasievollen Begriffsschattenspielen ist wie auch im folgenden noch erkennbar werden wird: „komplementäre und integrative Medizin“ („Complementary and Integrative Medicine“) mit dem auch sehr schönen Kürzel „CIM“ – aber das ist eigentlich schon für „Computer Integrated Manufacturing“ belegt, was aber im Sinne der verwandten Arbeitsmittel und „manufacturing“ verstanden als „fälschendes Fabrizieren“ eigentlich auch ganz gut paßt.

Was man unter „CAM“ zu verstehen haben soll, zeigt zumindest in Teilen der soeben verlinkte Wikipedia-Artikel. Das sind alle möglichen Verfahren, Techniken und Ansätze, die deutlich andere Funktionsweisen und Mechanismen als die herkömmliche Medizin propagieren. Es gibt da eine enorme Bandbreite, auch was die Qualifikation der Verwendenden betrifft. Von völlig offensichtlich „magischen“ Praktiken, für die man wohl irgendwie geboren sein muß, wie „Geistheilen“ oder „Heilen durch Handauflegen“ bis hin zu weniger offensichtlichen, aber letztlich trotzdem magischen wie „TCM„, „Homöopathie“ oder „Phytotherapie“ kann praktisch alles gemeint sein – außer eben dasjenige, was man vom normalen Mediziner um die Ecke bekommen kann. In bezug auf die „forschende CAM“ und damit diesen Blogartikel kann man das Ganze auch mit Rückbezug auf das laufende Schweizer Desaster (von dem wohl noch verschiedentlich die Rede sein wird) im wesentlichen auf „Homöopathie“ und ansonsten auf “TCM“, “anthroposophische Medizin“, “Neuraltherapie” und “Phytotherapie” eingrenzen.

Wäre noch zu klären, was mit „forschen“ gemeint ist bei „forschender CAM“. Das ist für die hiesigen Zwecke einfach einzugrenzen. Mit „forschen“ ist hier dasjenige gemeint, was Leute, überwiegend als Beschäftigte in klinischen, akademischen und unternehmerischen Bereichen oder in Vereinigungen sonstiger Art, hauptsächlich tun, um öffentliche Wahrnehmung zu erreichen: sie veröffentlichen Studien, Arbeiten, Untersuchungen, Übersichten nach fachinternen Standards in Journalen. „Forschung“ ist dasjenige, was in diesen Veröffentlichungen beschrieben wird. Es geht also hier um eine Teilmenge derjenigen Leute, die im Gesamtbereich „CAM“ als Dienstleister, Experten oder Anwender tätig sind – also nur um diejenigen, die sich in theoretischer, analysierender, entwickelnder Form mit dem Gebiet „CAM“ selbst beschäftigen und nicht um diejenigen, die „CAM“ bei Kunden anwenden. Analog zum sonstigen Wissenschaftsbetrieb sind die allermeisten solcher Leute akademisch gut oder bestausgebildet, haben nicht selten in verschiedenen Institutionen Positionen inne, gelten als „Experten“ in einem oder mehreren Fachgebiet(en), sind innerhalb ihrer Fachgebiete vielfach und gut vernetzt und veröffentlichen zumindest über eine gewisse Zeit ihrer Karriere häufig. Da aus der Binnenperspektive der „CAM“ das Fachgebiet sich als zum Heil- und Gesundheitswesen zugehörig sieht und dort Kompetenz anstrebt, sind „forschende CAM“-Experten sehr häufig oder gar überwiegend von ihrer akademischen Ausbildung her Mediziner aller Art. Veröffentlicht werden die Ergebnisse ihrer Forschung meist in  Journalen, die speziell für den Bereich „CAM“ von Wissenschaftsverlagen, Stiftungen oder Verbänden extra gegründet wurden. Es ist – vor allem international – nicht klar, nach welchen Standards diese Journale publizieren. Zwar wird permanent ein „strenger“ „review process“ behauptet von allen Journalen und auch in den Veröffentlichungsunterlagen dokumentiert, aber die Güte des „review process“ ist mindestens fraglich (Anmerkung: wie z.B. von Ben Goldacre und anderen gezeigt, gelten auch für „reguläre“ Fachbereichs-Journale im medizinischen Bereich etliche Vorbehalte hinsichtlich der Güte der „peer review“-Prozesse und der allgemeinen Qualität der Publikationen – im Bereich der „CAM“-Journale kommt aber neben den üblichen Problemen noch hinzu, dass für den Gesamtbereich der Spezial-„Journale“ eine Vorgefasstheit im Meinungsbild eines Publizierenden unerlässlich scheint für eine Publikation; selbst ansonsten übliche Diskussionen, Gegendarstellungen, ein Zurückziehen von fehlerhaften Publikationen, Kommentare und sonstige Wissenschaftsjournal-übliche Auslese- und Korrekturprozesse sind selten bis überhaupt nicht zu erkennen).

Nachdem der „CAM“-Komplex nun ein bißchen aufgeräumt ist und der „CAM“-Forscher einigermaßen definiert wurde für den Zweck dieses Artikels, kommt für die hiesigen Belange des Themas noch eine weitere Eingrenzung hinzu: hier soll es nur um die „deutschsprachigen“ „CAM“-Forscher gehen bzw. diejenigen, die im deutschsprachigen Raum inkl. Deutschschweiz und Österreich angesiedelt oder wirksam sind. Kann man aufgrund allgemeiner Internationalisierungstendenzen als unsinnig oder ungerecht abtun, erleichtert aber doch sehr die Auswahl hinsichtlich „wichtiger“ Köpfe im Feld.

Bleibt die Frage offen, wen von den „Forschern“ man beispielhaft mit Aussagen zu den Zielen der „CAM-Forschung“ heranzieht. Da gäbe es verschiedene Möglichkeiten der Auswahl – es haben sich auch in den letzten Jahren sehr viele „CAM-Forscher“ sehr ausführlich, offen und deutlich zu ihren Zielen und Absichten geäußert. Eine Möglichkeit der Auswahl wäre es beispielsweise, die Anzahl an Publikationen zugrunde zu legen und dann von den Meistpublizierenden allgemeine öffentliche Aussagen zu „CAM“ zu suchen – zu dem voraussichtlichen Kreis der so ermittelten würden wahrscheinlich die Herren Drs. Walach, Frass oder Frei gehören (zu den Bekanntheitsgraden der sog. „ADHS-Studien“ von Frei et al. siehe auch die Ergänzung zu einem anderen Artikel). Das würde wahrscheinlich auch gut funktionieren, wenn man die Zitationshäufigkeit als Auswahlkriterium hernähme – auch dort hätten die beispielhaft Genannten beste Aussichen auf Berücksichtigung. Oder man betrachtet kleinräumiger die bekannten „Exzellenz-Cluster“ der „forschenden CAM“ und orientiert sich dort am leitenden oder  öffentlich repräsentierenden Personal. Zu solchen bekannteren Orten oder Bereichen, wo sich die „CAM“-Kompetenz sozusagen „ballt“, gehört z.B. ein Bereich der Charité in Berlin oder Teile der privatwirtschaftlich organisierten „Universität“ Witten/Herdecke oder natürlich auch die diversen „Institute“ im Themengebiet – entweder privatrechtlich organisierte oder Stiftungsinstitute wie das berüchtigte IntraG von Herrn Prof. Dr. Walach. An viele große und kleine Universitäten in Deutschland, Österreich und in der Schweiz sind Bereiche angegliedert oder sind Teilbereiche vorhanden, in denen heftig auf den Gebieten der „CAM“ gelehrt und „geforscht“ wird. Ebenfalls möglich wäre es, anhand derjenigen auszuwählen, die in Vereinigungen der „forschenden CAM“ organisiert sind – in Deutschland beispielswiese die WissHom oder in der Schweiz die IKOM (früher: KIKOM). Dort wird man wiederum auf eine Menge Namen treffen, die aus den anderen Auswahlbeispielen schon bekannt sind. Oder aber – um die beispielhafte Aufzählung von Möglichkeiten abzuschließen – man könnte bei den diversen Lobby-Organisationen nachschlagen, wer gerne und oft als Bezug genannt wird (auch das sind durchaus auch die schon anders ermittelbaren Namen). In Deutschland käme da zum Beispiel der rührige DZVhÄ und natürlich die Carstens-Stiftung infrage – beide Lobbys unterhalten ein reichhaltiges Webangebot an „Studien“, Interviews, Presseerklärungen und dergleichen.

In meinen Augen sind alle diese ermittelbaren – und gewiss interessanten! – Ansichten aber in einer Hinsicht unzureichend: die meisten Aussagen, die man mit solchen Suchen finden könnte, werden letztlich von Leuten gemacht sein, die situiert und lebensälter sind und häufig seit Jahrzehnten dasselbe sagen. Das heißt, man wird das finden, was in den letzten Jahrzehnten als Ziel für diese vergangenen Jahrzehnte formuliert wurde. Ich glaube jedoch, dass es von größerem Interesse ist, etwas von jemandem zu hören, der zwar in der Sache bestens bewandert ist, aber vor allem die „Zukunft“ in Deutschland, in Europa und der gesamten „CAM“ anvisiert und eigentlich auch mitgestalten wird. Das würde ich für eine interessante und erwähnenswerte Perspektive halten.

Meiner Ansicht nach gibt es eine solche Stimme als Stellvertreter für die „forschende CAM“ im deutschsprachigen Raum. Dabei handelt es sich um die schon weithin bekannte Frau Prof. Dr. med. Claudia Witt, MBA, seit 2014 Ordentliche(r) Professor(in) für den Stuhl „Komplementäre und Integrative Medizin“ an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Frau Dr. Witt konnte vor ihrem Ruf nach Zürich schon auf eine höchst erfolgreiche medizinische und akademische Karriere zurückblicken, vor allem auf eine Stiftungsprofessur an der Berliner Charité durch die Carstens-Stiftung. Zum Ruf nach Zürich äußert sich die Carstens-Stiftung in einer begeisterten Pressemeldung v. 30.8.2013 und führt dort u.a. aus:

Prof. Claudia Witt an Universität Zürich berufen
Großer Erfolg für die Carstens-Stiftung

Mit jährlich 200.000 Euro realisierte die Stiftung von 2008 bis 2013 an der Berliner Charité eine Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin, die mit Claudia Witt besetzt wurde. Die Professur wurde nach dem Förderzeitraum von der Charité übernommen. Das Besondere: Die Förderung war als Centergrant angelegt, das vor allem die Besoldung der Professorin und wissenschaftlicher Mitarbeitender abdeckte. Dieses Konzept hatte zwei Vorteile: Zum einen ermöglichte es Claudia Witt und ihrem Team einen hohen Freiraum in der Forschung und die Einwerbung zusätzlicher Drittmittel. Zum anderen garantierte es größtmögliche Unabhängigkeit und Neutralität in Bezug auf die Forschungsergebnisse.

Nachhaltiges Förderkonzept: Spitzenforschung zur Komplementärmedizin

Die Stiftungsprofessur war eng in das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité eingebunden. Mit einem hochprofessionellen und interdisziplinären Team aus u.a. Experten der Medizin, Psychologie, Biologie, qualitativen und quantitativen Forschung und Statistik lagen die Forschungsschwerpunkte von Claudia Witt in der Akupunktur, Mind-Body-Medizin und Homöopathie, v.a. bei chronischem Schmerz, in der Geriatrie und Onkologie. Die gesamte Bandbreite an Versorgungsforschung, klinischen und experimentellen Studien kam hierbei zum Einsatz. Zusätzlich lag ein Schwerpunkt auf der Ausbildung und Qualifizierung von wissenschaftlichem Nachwuchs. …

[Hervorhebungen und Link im Original, Screenshot v. 11.12.2014 verfügbar ]

Das ist doch wirklich einmal schön, wenn ein Stifter eine seiner allerbesten Arbeitskräfte ziehen läßt, dies als „großen Erfolg“ der Stiftung bezeichnet und die Forschung auf der gestifteten Professur so stark lobt – vor allem die Drittmitteleinwerbung und die Unabhängigkeit der Forschung, die durch Stiftungs- und Drittmittel so hervorragend geleistet wurde.

Eigentlich müßte doch ein kleiner Wermutstropfen dabei gewesen sein für die Carstens-Stiftung (oder die DZVhÄ oder die WissHom…), eine so starke Kraft an das Ausland zu verlieren. Dazu muß man allerdings ein bißchen was darüber wissen, wohin Frau Dr. Witt berufen wurde – und wie. Dann wird auch relativ deutlich, warum dieser Ruf für die „CAM“ ein so großer Erfolg war. Und es wird dann auch unmittelbar klar, warum Frau Prof. Witt für die Zukunft der „CAM“ einen so hohen Stellenwert hat.

Ende Oktober 2012 brachte unter anderem die Süddeutsche Zeitung einen Artikel, dessen Einleitung gewisse leichte Merkwürdigkeiten andeutet und die Bedeutung der Besetzung eines „Lehrstuhls für Naturheilkunde“ an der UZH plakativ beschreibt:

Der Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Uni Zürich ist etwas Besonderes: Er ist im deutschsprachigen Raum der einzige, der nicht durch Interessengruppen finanziert wird. Ausgerechnet hier hat die Kandidatur einer deutschen Homöopathie-Forscherin nun zum Eklat geführt. Edzard Ernst, einer der renommiertesten Kritiker der Komplementärmedizin, wurde aus der Berufungskommission gedrängt.

Nunja, wie es eben ist in der Welt – die Erfolgreichen schaffen sich eben Bahn, das ist der richtige Lauf der Dinge. Deshalb ist natürlich auch der jubelnde Beifall der Carstens-Stiftung völlig erklärlich, wie auch überhaupt die Beifallsbekundungen aller der „CAM“ Wohlgesonnenen. Wer im Zitat der SZ etwas von „Lehrstuhl für Naturheilkunde“ gelesen hat, der mag sich nun etwas wundern – oben war ja mehr von sogenannter „komplementärer und integrativer Medizin“ die Rede. Das ist kein Problem – die neue Kraft hat bei Antritt korrekt altertümliche und unpassende Begriffsverhältnisse entsorgt. Das Institut und der Stuhl heißt jetzt eben „richtig“. Und gleich bei der Antrittsvorlesung von Frau Prof. Dr. med. Witt, MBA, sind alle mit dem Titel gleich im richtigen Film. Der lautet nämlich:

Komplementäre und integrative Medizin – Standortbestimmung und Perspektiven“ und fand statt am 1.12.2014.

Es gilt eben die Zukunft zu erreichen. Für die Schweiz, für Europa und letztlich die ganze Welt. An dieser Stelle ist Frau Prof. Dr. Witt, MBA, also absolut richtig.

Für ihren klaren Blick auf die zu erreichenden Ziele brauchte Witt allerdings noch nie irgendwelche besonderen akademischen Weihen oder Würden. Sie hat sich schon oft gegenüber PresseFunkFernsehn in klarer und deutlicher Weise geäußert. Interviews mit ihr sind in Tageszeitungen, in Apothekenblättchen, beim DZVhÄ, bei der Carstens-Stiftung oder auf ihren Webpräsenzen verfügbar.

Mitte 2013 habe ich zufällig in einer Werbebeilage des Verlages in der taz vom 15.6.2013 einen „Artikel“ gefunden, in dem sich Frau Dr. Witt äußert – wie gesagt, für diese dort im Artikel vorkommenden Aussagen gibt es auch andere Belegstellen in anderen Werbebeilagen oder Direktinterviews (kleiner Einschub: Artikel steht hier deshalb in Gänsefüsschen, weil die Artikel der Werbebeilage zwar im Stil der taz gesetzt und gedruckt sind, jedoch höchstwahrscheinlich von irgendeiner Fremdagentur stammen, die die Werbung platziert hat. Die Redaktion der taz war hier wohl nicht beteiligt – es sieht nur so aus und soll auch wohl so aussehen; s. hierzu auch taz-Hausblog „Anzeigen in der taz“ v. 20.5.2014 und meinen Kommentar dazu)

Unter der Überschrift

Amerika, hast Du es besser?

und dem „Lead“

WISSEN Die Hälfte der Deutschen steht auf Naturheilkunde, Akupunktur oder Homöopathie. Doch in Sachen Forschung hat es die Alternativmedizin hierzulande schwer

kommt Frau Dr. Witt verschiedentlich mit direkten und indirekten Zitaten zu Wort:

… Angesichts der Millionen von Versicherten, die mit Pflanzenpräparaten, Akupunktur oder Globuli gute Erfahrungen gemacht haben, wird vor allem der Ruf nach einer angemessenen Forschungsförderung immer lauter, einer Finanzierung, wie sie zumBeispiel in den USA gang und gäbe ist. „Dort ist die Forschung zur Komplementärmedizin deutlich stärker institutionalisiert, allein 55 universitäre Einrichtungen sind in einem gemeinsamen nationalen Verband organisiert“, berichtet die Berliner Ärztin Claudia Witt.

Sie kennt die Forschungslandschaften dies- und jenseits des Atlantiks seit Jahren aus eigener wissenschaftlicher Erfahrung. [..] „Die Gesundheitspolitik in den USA hat den Stellenwert der Komplementärmedizin schon vor 20 Jahren erkannt“, sagt Witt. Dabei spielte auch Wirtschaftlichkeit eine Rolle: Laut Studien gaben die Amerikaner damals für komplementärmedizinische Leistungen in etwa genauso viel aus wie sie aus eigener Tasche für die stationäre schulmedizinische Versorgung bezahlten. Ein Drittel der US-Bevölkerung nutzt Angebote wie Entspannungsverfahren, Akupunktur und naturheilkundliche Präparate. „Das ist prozentual immer noch weniger als in Deutschland, trotzdem ist die Forschungsförderung in den USA weitaus besser“, so Witt.

Die US-Projekte, an denen Witt mitarbeitet, werden zumeist von Stiftungen finanziert. Doch auch der Staat steckt jährlich bis zu 130 Millionen Dollar in die Erforschung der Komplementärmedizin, darunter auch sogenannte „Center Grants“, mit denen gezielt die personelle Infrastruktur von Forschungseinrichtungen finanziert und aufgebaut wird. „Durch dieses Instrument konnte sich dieser junge Forschungsbereich in den USA schneller professionalisieren“, berichtet Witt. Weiterbildungs- und Karrierestipendien runden das amerikanische Förderpaket ab. Das staatliche US-Gesundheitsinstitut verfügt über eine Unterabteilung für Komplementär- und Alternativmedizin, die die Forschungsmittel vergibt.

Und in Deutschland? Ein paar universitäre Forschungsgruppen gibt es zwar, wie an der Charité, an der Witt forscht. Aber dass die Forscher für eine Akupunkturstudie die Förderzusage der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über fast eine Million Euro erhielten, „war aber schon eine ziemliche Seltenheit, denn Deutschland hat für die Komplementärmedizin keinen eigenen Förderschwerpunkt“.

Das heißt: Anträge zur Komplementärmedizin müssen oft mit Hunderten anderen Projekten aus dem konventionellen Bereich der Schulmedizin um die begehrten Fördergelder konkurrieren. Oft erlebt Witt, dass Anträge von den Gutachtern zwar methodisch gut bewertet werden, aber dann eben doch nicht den Zuschlag bekommen, „weil sie nicht die höchste Förderpriorität haben“. In den USA sei der Wettbewerb um die Fördermittel zwar ebenfalls hart, „aber da kommen die direkten Wettbewerber aus dem gleichen Themenfeld, das ist gerechter.“

Neben der staatlichen Förderung scheint auch der Aufbau neuer Einrichtungen oder Forschungsbereiche zur Komplementärmedizin schwierig zu sein. Solche Projekte stehen auch politisch und medial oft in der Kritik. Der Lehrstuhl für Komplementärmedizin an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) etwa, in der Presse als „Zauberschule“ verspottet, wird vor allem von Homöopathieherstellern finanziert.

Zu diesen Debatten will sich die Wissenschaftlerin Witt nicht äußern. Stattdessen empfiehlt sie: Die öffentliche Forschungsförderung sollte hierzulande vor allem Projekte fördern, die sinnvolle Therapiekombinationen aus Schul- und Komplementärmedizin untersuchen. Auch die Interaktion zwischen Arzt und Patient ist interessant: „Hier können Verfahren wie die Homöopathie, die anthroposophische Medizin oder die chinesische Medizin vielleicht einen Beitrag leisten.“ Auch die Bedeutung von Entspannungsverfahren wie Meditation, Yoga oder Qigong im Heilungsprozess seien bisher noch zu wenig erforscht. „Das ist auch in den USA derzeit eines der angesagten Forschungsthemen.“

Die Charité-Professorin hofft, dass sich die deutsche Forschungslandschaft und ihre Fördersysteme stärker der Komplementärmedizin öffnen und dass die USA auf diesem Feld Vorbild bleiben. …

[Beleg-ScrShot taz, 15.6.2013, S.35]

Nun, das sind doch erfreulich klare Ansagen.

Erstens: öffentliches Geld muß fliessen.

Zweitens: ein eigener „Förderschwerpunkt: CAM“ mit Mitteln muß her.

Drittens: bei Fördermittelanträgen keine Konkurrenz zu echter Medizin, sondern Antragskonkurrenz immer nur im eigenen Topf.

Viertens: mehr „CAM-Wissenschaft“ mit öffentlich bezahlten Stellen.

Fünftens: der Königsweg der „CAM“ ist die Zementierung der komplementären Behandlungsstrecke – auf den ganzen regulären sündhaft teuren medizinischen Aufwand soll zusätzlich noch Voodoo-Zauber, Wellness und Zuckerzeug obendrauf, als Standardleistung wohlgemerkt, von den Kassen selbstverständlich bezahlt. Zusätzlich!

Es geht nicht um irgendeine „Verbesserung der medizinischen Versorgung“. Es geht auch nicht um bessere Medizin. Es geht auch nicht um wirtschaftlichere Strukuren an Akademien, in der Klinik oder beim Kundenpatienten.

Es geht um Kohle, Knete, Zaster, MoneyMoneyMoney für die „CAM“.

Das ist nachvollziehbar und vollkommen verständlich. Aber für unsinnigen, unwirksamen Kram mit Fake-Studien u.a. mit der Unterschrift von Frau Prof. Dr. med. C. Witt, MBA, drauf vielleicht nicht ganz der vernünftigste Weg in der ohnehin schon nicht sonderlich vernünftigen Welt der Gesundheitsversorgung.

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