Hotzenplotz unchained

Auf diesem Blog werden auch asbachuralte Meinungsäußerungen eingestellt, die irgendwann mal irgendwo von mir hingepostet wurden. Der Grund dafür ist, dass solche Artikelzombies irgendwas enthalten, worauf sich der Blog insgesamt oder einzelne Artikel darin beziehen (könnten). Dieser leicht redigierte Artikel wurde ursprünglich veröffentlicht auf einem komplett irrelevanten Webforum am 17.1.2013 und späterhin im psiram-Forum.


(zum merkwürdigen Titelteil „unchained“ siehe Fußnote **1**)

Neulich habe ich mal anläßlich einer „Begegnung [mit] der 3. Art“ didaktisch hinterpfotzig evaluiert, was eigentlich von der seinerzeit mit großem Eifer durchgeführten frühkindlichen Indoktrination „hängengeblieben“ ist – natürlich begrenzt auf das rein empirisch rauskitzelbare Faktenwissen, wie etwa grober Titel, grober Inhalt oder hängengebliebene Highlights und dergleichen Erinnerungszeug. Auf dieses an sich ziemlich abseitige Vorhaben wurde ich gebracht durch reichlich verstörende Nachrichten aus dem Privatbereich einer amtenden Ministerin(**2**), die ich gerne bitte danke am liebsten nie hätte zur Kenntnis nehmen wollen und einer immer mal wieder (und so auch derzeit) aufflammenden Diskussion zur „anpassenden“ Edition von speziell und spezifisch „Kinderbüchern“ an die jeweils zeitaktuellen Sprachgebräuche einer (hier: dieser) Gesellschaft(**3**).

Verfolgt man grob die Inhalte der Argumente der „befürwortenden“ Partei, dann kann man unter anderem und ohne Anspruch auf Vollständigkeit folgende Gründe für die Adaptionen finden (ohne Gewichtung):

  • [Gebrauchsargument] Speziell „Kinderbücher“ seien „Gebrauchsliteratur“ und schon von daher angewiesen auf Verständlichkeit und Angepasstheit an die jeweilige Gegenwart ihrer Nutzung.
  • [Translationsargument] Ähnlich der sich zwangsläufig im Laufe von Jahrzehnten immer wieder neu ergebenden Notwendigkeit von Neuübersetzungen von fremdsprachigen Texten solle man auch „Klassiker“ unter den „Kinderbüchern“ von Zeit zu Zeit neu „übersetzen“;
    (Nebenargument:) man könne speziell „Kinderbücher“ nicht als abgeschlossene Werke betrachten, weil sie immer wieder ein neues Publikum (in „anderer“ Sprache) bekommen
  • [Editionspraxisargument] Die lektorale Edition von Texten – allen! Texten – sei eine vollkommen übliche verlegerische Aufgabe, die grundsätzlich immer stattfindet und sich selbstverständlich auch auf Neuauflagen, auch in fernster Zukunft, erstreckt;
    (Nebenargument:) es ist eine zeitpunktabhängige und individuell begrenzte, verfehlte Illusion eines Lesers/Käufers anzunehmen, Texte würden über die Auflagen hinweg beim „Urtext“ verbleiben – also ist es von Haus aus unsinnig darauf zu bestehen, ausgerechnet Alttexte von „Kinderbüchern“ bei Neuauflagen nicht dem regulären redaktionellen Editionsprozess zu unterziehen
  • [Präformationsargument] „Kinderbücher“ für den (früh-) kindlichen Bereich in Haushalt, Kindergärten und Grundschulen seien grundsätzlich durch ihre unkritische Rezeption insofern besonders gefährdend, als sie durch die in ihnen enthaltenen Sprachmuster präformierenden und -struktierenden Charakter im Rahmen des Sprach- und Textverständniserwerbs haben (können) [sollen] – von daher sei hier ein besonderer Augenmerk auf eventuelle, der „damaligen“ Zeit ihres Erstellungsprozesses geschuldete und darin verhaftete Sprachmuster zu legen und eventuell gegebene Miß- und Unverständlichkeiten zu korrigieren (ohne die Erzählung zu verfälschen)

Wer ein paar Diskussionen der letzten Wochen (oder ähnliche früher) mitverfolgt hat, sieht auf einen Blick, dass die „wilden“ verschwörungsbefürwortenden oder -verneinenden Diskussionsansätze, die anderswo immer reflexartig zu belebenden Mord- und Brand-Streitereien führen, hier völlig fehlen. Ich persönlich würde auch grundsätzlich empfehlen, bei diesem Thema auf „political [in]correctness„, „gendering„, „Zensur„, „NewSpeak„, „Sprachfaschismus„, „OpferInnen-gemäße Realitätsverleugnung“ und was es da an Schanzbegriffen mehr gibt zu verzichten. Wobei ich natürlich auch niemanden abhalten möchte, sich auf diesen oder anderen extremistischen Feldern lächerlich zu machen und auch selber reflexartig bei solchen Diskussionen auf solche Felder leider schon abgewichen bin.

Mein eigenes (gewisses, leichtes) Unbehagen an der Textpanscherei möchte ich einleiten mit einem Rückbezug auf einen phänomenal mißlungenen Spruch eines Feuilletonisten der Süddeutschen Zeitung, der neben einigem anderen folgenden Merksatz zum Besten gab: „Preußler ist nicht Goethe!“ – ächzendes Stöhnen im Publikum, Vorhang, kein Applaus. Was der gute Mann mit der verkürzten Schlagzeile meinte war das „Niveaugefälle“ – Namen im dogmatischen bildungsbürgerlichen Klassikerkanon seien schützenswerter als Namen aus der Kinderbüchermacherei. Das ist in zweierlei Hinsicht brutal falsch: Erstens hat der Autor eines Kinderbuches, zumal eines „Klassikers“ auf diesem Feld, eine Reichweite, von der JEDER andere Autor nur träumen kann – was jemand wie der genannte Preußler weltweit und immer wieder neu an Lesern und „Hörern“ hat, ist ganz schlicht und simpel für keinen anderen Autortyp in einer bestimmten Epoche zu erreichen – noch nicht mal annähernd. Zweitens ist ausgerechnet Herr Goethe der genau falsche Vergleich gewesen – denn der hatte aufgrund seiner langen und segensreichen Schaffensperiode noch Zeit genug, sein eigenes Werk bis zurück in die Anfänge selber zu redigieren und man tut dem Mann ausweislich seiner eigener Bekenntnisse nicht unrecht, wenn man diese Eigenredaktion schönfärberische Zeitaktualisierungen nennt.

An dieser Stelle ist praktisch eine Sache mithin schon klar: Wenn es der Werkautor „selbst“ ist, der auch zeitlich lang zurückliegend veröffentlichte Werke ändert, dann hat „man“ das zu akzeptieren. Denn „sein“ Geschreibsel bleibt eben „sein“ Leben lang (+ 70plus Jahre nach Ableben) „sein“ Geschreibsel und wenn „er“ es verbrennt, ändert oder ergänzt ist es eben „sein“ Recht (wenn er es nicht irgendwann mal abgetreten hat). Angesichts der verlegerischen Praxis bzw. dem üblichen Zusammenspiel zwischen Autor, Verleger, Lektorat, nachfahrenden Rechtehaltern und ggf. Übersetzer(n) und der in diesem Zusammenspiel gängigen editiven Prozesse müssen wohl oder übel dann auch die oben genannten Argumente [Translation] und [Editionspraxis] wenn nicht hingenommen, dann aber doch zumindest als valide akzeptiert werden. Wenn der Käufer/(Vor-)Leser trotzdem auf dem „Negerkind Jim Knopf“ besteht, dann wird ersie wohl am Suchgang durch entsprechende Antiquariate oder eBay u. vglb. nicht vorbeikommen. Rein sachlich/faktisch gesehen sind in dieser Hinsicht die Einwirkungsmöglichkeiten des (un)geneigten Publikums erschöpft.

(Nur im Nebenbei: im deutschsprachigen Raum gibt es übrigens einige verschiedene bekannte Beispiele für die *wirksame* Nachfrage nach „Ur-Fassungen“, die dann wiederum zu speziellen verlegerischen Aktivitäten führt – das eventuell „geläufigste“ Beispiel dürfte wohl die Nachfrage nach der „Luther-Bibel“ im Vergleich zur jeweiligen ökumenischen, bibliographisch, lexikalisch, sprachkontextual zeitaktuell hochgepflegten Bibel-Ausgabe sein; dazu noch die Nebenbemerkung, dass die „Luther-Bibel“ natürlich! auch wieder ein reines „Konstrukt“ ist – neben den „Originaldrucken“ von den verschiedenen anno dunnemals für baffzig Millionen aufwärts pro Stück [die dann natürlich im temperierten Safe gebunkert werden und die NIE jemand liest] geht es den „Bibliomanen“ dabei nämlich meist nur um die „modernste“ Fassung, die noch „am meisten“ der Originalfassung angenähert ist und damit um zum Beispiel diejenigen Ausgaben von rund 1810-30 – die selbstverständlich auch schon tausendfach editiert sind)

Mit Rückbezug auf den Feuilletonisten-Fauxpas kann auf jeden Fall das [Gebrauchsargument] als völlig unbrauchbar verworfen werden. Mit Ausnahme extrem randseitiger literarischer Formen („Tagebuch“- und „Brief“-Literatur ohne Veröffentlichungsabsichten durch Autor) hat das [Gebrauchsargument] letztlich keinen spezifizier- oder abgrenzbaren Gegenstand, weil selbstverständlich auch artifiziellste Veröffentlichungen immer auch Marktobjekte sind. Das Argument schützt kein einziges Werk und hindert keine einzige Edition und es verursacht selbständig auch nichts.

Es verbleibt das einzig „heikle“ Argument [Präformation], das auch real alle Aufregerei überhaupt erst verursacht. Dabei scheint mir wichtig und interessant, dass es sich dabei um ein völlig „Literatur-fernes“ Argument handelt und eindeutig eine perspektivrelative Haltung voraussetzt, um irgendeine „Gültigkeit“ zu beanspruchen. Denn es setzt eine Art „psychologische Modellannahme“ voraus (deren sehr „moderne“ Ursprünge leicht erkennbar sind), die darauf abstellt, dass frühkindlich rezipierte Erfahrungstatbestände – und seien es auch nur wie hier im Zusammenhang einzelne „Wörter“! – auch unvermeidliche! mittel- und langfristig! wirksame! habituelle! Strukturformierungen! verursachen! (die einzelnen nervigen Ausrufezeichen / Unterstreichungen hier sollen in diesem auf radikale Kürze runtergebrochenen Halbsatz deutlich machen, dass jedes einzelne der  markierten Wörter in der „Hypothese“ unverzichtbar ist, um der Annahme den notwendigen Anspruch zu verleihen).

Ich will mich an dieser Stelle gar nicht erst darüber auslassen, warum eine erstaunlich enorme Anzahl an Menschen an solche Modelle „glaubt“ und ob dergleichen sinnvoll ist oder nicht. Es reicht hier vollkommen aus darauf hinzuweisen, dass solche Modelle auch in anderen Diskussionen regelmäßig aufkommen (z.B. „Schul-Massenmorde“ [werden verursacht durch:] Ballerspiele oder „weil die Täter Marylin-Manson- oder Gorgoroth-Fans“ sind) und dann in der Regel abgewiesen werden müssen. Von vielen Fachleuten wird bei solchen Diskussionen immer wieder und wieder darauf hingewiesen, dass die Ursache für solche eindimensionalen kausalen Verknüpfungen wesentlich eher in der förmlichen „Sucht“ menschlicher Gehirne zu suchen ist, zu allen Phänomenen unbedingt „einfache“ Erklärungsmuster zu suchen und notfalls auch einfach zu konstruieren. Das kann alles hier im Zusammenhang aber völlig unentschieden offen bleiben, denn eins steht völlig zweifelsfrei fest: Es gibt absolut keine belastbare Datenlage, geschweige denn eine valide oder wenigstens brauchbare Methode, um von einzelnen Wörtern in einem frühkindlich rezipierten Text auf eine verwirklichte habituelle Struktur Jahrzehnte später zu kommen.

Behauptet man so einen Zusammenhang, dann sei das gerne der jeweiligen einzelnen Stimme zugestanden, aber „belegen“ – und damit allgemeinverbindlich ausgestalten – kann der Behauptende seine Modellannahme auf gar keinen Fall. Wie man es auch dreht und wendet: Es führt kein direkter Weg von „Bullerbü“ zum „Rassisten“. Dieses Argument liefert einem Behauptenden keine Handlungsvollmacht irgendeinem Text gegenüber.

Was bleibt?

Ich glaube, dass diejenigen Diskussionsteilnehmer, die so etwas wie das [Präformationsargument] in Diskussionen über „Kinderbücher“ vertreten, vor einem wirklich grundsätzlichen und ernsten Problem stehen – wenn sie ihre eigene Position tatsächlich „ernst“ nehmen. Denn es ist doch letztlich mit der Redaktion einzelner „Wörter“ in „Klassikern“ nicht getan – für solche Leute kommt bestenfalls nur eine komplette „Nacherzählung“ in Übereinstimmung mit ihren Weltsichten infrage und im Grunde eigentlich nur zeitaktuelle Lektüre, die ihren diversen Ansichten wenigstens einigermaßen entspricht.

Und wenn sie aus welchen Gründen auch immer darauf bestehen, dass ihre Kinder auch die „Klassiker“ kennenlernen, dann brauchen sie speziell aufgelegte und auch als solche erkennbare Editionen, die unter „normaler“ Perspektive rein gar nichts mehr mit dem „Urtext“ zu tun haben dürfen (z.B. dürfte „Die kleine Hexe“ schon gar nicht mehr so heißen). In größerem Zusammenhang gesehen stehen Eltern mit einem derartigen Anspruch an sich und ihr Erziehungsgebaren vor enormen Anforderungen – denn immerhin müssten sie bis mindestens in die frühe Jugend hinein auch die curriculare Kindergarten- und Schullektüre entweder „verhindern“ oder aber mit entsprechendem Aufwand erzählerisch ausdeutend mit dem Kind „nacharbeiten“. Da bekommt der Begriff „propeller parenting“ gleich eine Bedeutung, die jedem Einzelnen die schwere Aufgabe im vorhinein bewußt machen sollte. Ich will mich hier wirklich nicht über solche Leute und ihre Weltsichten lustigmachen oder ihre Ambitionen bewußt ins Lächerliche ziehen – in solchen Dingen kämpft jeder für sich allein und jeder muß eben zusehen wo er bleibt. Worauf ich hier hinweisen will ist nur, dass diese Argumentation hinsichtlich der editierenden Redaktion von „Kinderbuch-Klassikern“ den Argumentierenden nicht das Gewünschte einbringt und solche Leute ganz andere Wege verfolgen müssen.

Nicht hindern kann der Käufer/(Vor-)Leser die von Autor, Lektorat und Rechtehaltern im fortlaufenden Produktions- und Auflagenprozess erfolgenden Änderungen/Adaptionen. Als Folge daraus muß man sich unter Umständen darum bemühen, auf den Speicher zu klettern und die eigenen Schwarten von vor fuffzich Jahren rauskramen und entstauben, wenn man seinem Enkel das damals heißgeliebte eigene Kinderbuch nahebringen möchte. Und dran denken: Es gibt keine Gewähr dafür, dass es dem Enkel, den Enkelelternteilen oder einem selbst auch noch gefällt, was man da mit großer Pose hervorkramt ;-)

Die „3. Art“ hat übrigens den Evaluationstest mit hohen Punktwerten bestanden, ist mir ziemlich schnell auf die Schliche gekommen und hat mich im Zusammenhang ganz schön auf die Schippe genommen, das Luder, das damische.



(**1**) – als die hier angesprochene Diskussion über Änderungen von Kinderbüchern öffentlich stattfand, war ungefähr zeitgleich Tarrantinos „Django Unchained“ in den Kinos – aus meiner Sicht eins von mehreren Werken Tarrantinos, in denen er bewußt eine „alternierende Historie“ verwendet in Abgrenzung zu „normalen“ filmischen Produkten, in denen „unbewußt“ Realgeschichte(n) bis hinein ins Gegenteil verfälscht wird/werden

(**2**) – gemeint ist hier Kristina Schröder, die während ihrer Amtszeit als Ministerin ein Kind bekam und unter anderem öffentlich berichtete, dass sie beabsichtige, in der Erziehung ihrer Kinder eine „geschlechtsneutrale“ Haltung verfolgen zu wollen – so wolle sie beispielsweise statt „der Gott“ geschlechtsneutral von „das Gott“ sprechen

(**3**) – der hier gemeinte Zeitraum ist das Jahr 2012, vor allem das letzte Quartal. Zu diesem Zeitpunkt lief eine von schon vielen Diskussionen über Änderungen an Kinderbüchern, die vor allem ein öffentliches Mißtrauen gegenüber bestimmten Motivationen der Änderungen bezeugt – viele unterstellten den Änderungen „gender mainstreaming“ oder „sprachentschärfendes Ändern aufgrund political correctness“ o.ä. Ausgelöst wurde diese Diskussion u.a. aufgrund einer lektorierten Neuausgabe von Werken von Otfried Preußler, der zu diesem Zeitpunkt noch hochbetagt lebte und seine Zustimmung zu den diversen Änderungen gegeben hatte. Man unterstellte allerdings öffentlich, dass „hinter“ diesen Änderungsvorhaben seine Tochter stecke und der alte Mann die diversen zeitgeistigen Implikationen der Änderungen nicht wirklich verstanden habe. Es gab ähnliche andere Diskussionen zu früheren Zeiten, als etwa Frau Lindgren Alttexte in klar eigener Absicht und Verantwortung abänderte.
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