Blättertod 3 – Verlegers Märchenstunde

Auf diesem Blog werden auch asbachuralte Meinungsäußerungen eingestellt, die irgendwann mal irgendwo von mir hingepostet wurden. Der Grund dafür ist, dass solche Artikelzombies irgendwas enthalten, worauf sich der Blog insgesamt oder einzelne Artikel darin beziehen (könnten). Dieser Artikel wurde ursprünglich veröffentlicht auf einem komplett irrelevanten Webforum im Februar 2013.

Link-Hilfe: Alle „Blättertod“-Beiträge übersichtlich in Reihenfolge

Wenn man als Zeitungsjunkie schon mal was zu dem LSR-Quatsch online stellt, kann man ja auch ein paar unwichtige Aktualisierungen dazupacken. Aktualisierungen, die erneut die angstgetriebenen Aktivitäten auf dem betrachteten Schlachtfeld farbig ausmalen mögen.

Ein lustiges kleines Nebenaffairchen lief eine ganze Zeitlang im Nebenbei zur deutschen LSR-Diskussion im schönen Belgien – dort hatte sich wie überall sonstwo auch eine Verwertungsgesellschaft (i.f. VG), die die Verlegerinteressen zusammenfasst, furchtbar erregt über die ungerechte, unbezahlte Trittbrettfahrerei durch Google. Kern der Erregung waren und sind die „snippets“ auf Google News, die auch der zentrale Kampfgegenstand des deutschen Leistungsschutzrechts-Entwurfs bzw. des verwirklichten LSR sind – mit „snippets“ (rein der beschreibenden Vollständigkeit halber) sind hier die 160 bis 300 Zeichen langen Zeichenketten gemeint, mit denen ein beliebiger Online-Artikel beginnt und die zusätzlich zu Titel/Schlagzeile (und Link) durch crawler automatisch extrahiert und angezeigt werden können. Das ist so ein „Blog“-typisches feature, das selbst auf allerverschlafensten Webseiten seit ewig bekannt und als Web-Standard etabliert ist. Im Prinzip reicht die extrahierbare Zeichenanzahl meist/häufig aus für den im Journalismus ebenfalls seit Ewigkeiten verwandten Artikelvorspann bzw. „Lead“, mit dem unter der Schlag-, Dach- und/oder Unterzeile in zwei, drei Sätzen der Artikel kurz zusammengefaßt und/oder beschreibend eingeleitet wird. Der zentrale Vorwurf der Verlegerseite war und ist also derjenige, dass mit den automatisch generierten „snippets“ schon „echte“ Inhalte mit „eigenständiger Gestaltungshöhe“ von den Suchmaschinen-Betreibern á la Google „gestohlen“ werden – „gestohlen“ deshalb, weil die Suchmaschinen-Betreiber widerrechtlich urheberrechtsgeschützte Inhalte in eigenen öffentlich zugänglichen Angeboten mit explizit eigener Gewinnerzielungsabsicht verbreiten.

Nachdem in Belgien (wie überall sonstwo auch) gegen diesen „Diebstahl geistigen Eigentums“ seitens der VG gezankt und gemäkelt worden war, hatte schlussendlich die VG in Belgien die Faxen dicke und mahnte Google irgendwann in 2010 ab. Die Reaktion Googles war natürlich vorhersehbar und naheliegend: Sämtliche durch die VG vertretenen Plattformen der belgischen Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Zeitschriften und sonstigen Verbände wurden aus den Google-Indizes (Suchmaschinen, News, öffentlich zugängliche Plattformdienste) entfernt. Punkt. „Belgien“, soweit durch die VG vertreten, kam für zwei Jahre sozusagen bei Google nicht mehr vor. Theoretisch hieße das: Upps.

Praktisch hat’s natürlich kaum jemand überhaupt bemerkt. Denn natürlich gab es auch weiterhin eine Google-News-Seite „Belgien“ und keine einzige „Schlagzeile“ fehlte. Das liegt einfach daran, dass Google selbstverständlich höchstgeschätzter Partner und Kunde sämtlicher internationaler Presseagenturen ist und deren News-Schnipsel mehr oder weniger exakt die diversen Schlagzeilen der je nationalen Endprodukte der öffentlichen Medien abbilden. Anstatt also den diversen snippets und Links zu einem Thema bei den VG-Einzelzeitungen gab es in diesem Zeitraum Links zu einer oder mehreren Kurzmeldung(en) von einer oder mehreren Nachrichtenagentur(en), öffentlich-rechtlichen TV- und Radiosendern und weitere diverse Links zu ausländischen französischen, flämisch-niederländischen oder deutschen Online-Artikeln aus Zeitungen oder Blogs – selbstverständlich mit „snippets“. Die belgischen Zeitungs- und Newsportale, die durch die VG vertreten wurden, haben wie vorhergesagt in dem betroffenen Zeitraum ein paar Prozent Zugriffe verloren, während Google im selben Zeitraum in Belgien ein paar völlig unerhebliche Prozent Zugriffszahl gewonnen hat.

Bevor auf die Ende des Jahres 2012 erzielte „Einigung“ eingegangen wird, soll hier kurz das Verlegermärchen nacherzählt werden, mit dem dort öffentlich operiert wurde. Und zwar deshalb, weil exakt das gleiche Märchen auch hier in Deutschland und überall sonstwo den gemütlichen Kaminabend der Lobby erzählerisch verschönt. Das Märchen geht ungefähr so:

Es war einmal ein armer Poet namens Peter Z., der saß Tag für Tag (und Nacht für Nacht im Schichtwechsel mit irgendwelchen Volontären) in einer winzigen, kaum beheizten Dachstube im Hause der braven, armen Witwe B. in dem kleinen Weiler Kleinkleckersdorf und schrieb fleißig und treulich alles auf, was im Dorf und umzu die Menschen interessierte. Er schrieb, was der Bürgermeister gesagt hat und manchmal das, was die Bürger über das sagten, was der Bürgermeister gesagt hatte. Er beklagte, was der Dorfmob sich erdreistete, über die Bürger zu sagen und er lobte, was die Pfarrer und Pastoren zum Dorfmob und den Bürgern und dem Bürgermeister sagten. All‘ das und natürlich noch die ganzen wichtigen Dinge wie das Wetter von gestern, wer wen geheiratet hat (und manchmal sogar seine Meinung, warum), wer geboren und wer gestorben war, all‘ das schrieb er schön spaltig und übersichtlich auf und gab es an eine angeblich nette, angeblich arbeitsintensive, angeblich kleine Druckerei, angeblich in der Nähe des Dörfchens zum angeblich gefälligen Druck. Und die Dorfleut‘ bekamen das schöne Blättchen tagtäglich gegen frühem Morgen und waren es wohl zufrieden.

Weil Peter Z. so ein tüchtiger und gemeinsinnig denkender Mensch ist, hängte er auch manch‘ eines seiner Schreibstücke auf dem Dorfplatz an eine Wand, damit sich die Dörfler beim Marktfest oder beim Saufen in den Dorfkaschemmen bequem, beiläufig und öffentlich darüber unterhalten konnten was so anlag im Dorf. Und manchmal war es tatsächlich so, dass sich vor dem Aushang eine Traube von Menschen versammelte und das Streiten oder Weinen oder Jubeln anfing, je nachdem, was da im Aushang war. Und die Dörfler waren es zufrieden, die arme, aber brave Witwe B. (der auch mindestens eine der Kaschemmen gehö… äh, die auch ein gastliches Angebot an die Dorfgemeinschaft unterhält) war es zufrieden und Peter Z. ist sowieso derdiedas Größte, vor allem seiner Meinung nach.

Dann aber kam eine neue Zeit und den Kleinkleckersdörflern fiel auf, dass öfter als früher Autos mit einem Nummernschild aus Großneuprotzhausen, der Schickimickigroßstadt in einiger Entfernung, direkt vor dem Bauernhof mit den billigsten Kartoffeln standen und das Zeug säckeweise einluden oder dass übles Volk in den Dorfkaschemmen das gute Bier wegsoff. „Schwaben“, sagten da die Dorfleut, „alles Schwaben!“ und konnten es sich gar nicht erklären. Erst als die eigenen Dorfgören fest verwuchsen mit kleinen Schächtelchen in ihren Händen, bekamen sie völlig überrascht mit, dass in den kleinen Schachteln neben dem ganzen unwichtigen Zeug von woanders auch Nachrichten aus und über Kleinkleckersdorf stehen. Und dann fiel Peter Z. an einem Tag anscheinend ganz plötzlich und völlig überraschend auf, dass da ein finsterer Finsterling namens Larry G. im Schutze einer blickdichten Regenpelerine im Grunde heimlich und verstohlen mit seinem kleinen Schächtelchen seine guten, fein geschriebenen Artikelchen von der Aushangwand abfotografierte! Sakradi, fluchte da öffentlichkeitswirksam der Peter Z., das ginge doch wohl nicht an und wo kämen wir denn da hin und das setze ja dem Fass die Krone auf. Doch, sagte der Dorfbüttel, das ginge wohl. Unglaublich, heulte Peter Z. da wiederum öffentlich auf, was macht der Kerl denn wohl mit den Fotos und das würde er wohl mal gerne wissen wollen. Woraufhin Larry G. lächelnd erwiderte, er würde die Fotos an seinen Kumpanen Sergej G. simsen, wie Peter Z. ja wohl wisse, denn das sei ja neulich lang, breit und in der Tiefe bei einem Gelage in Großneuprotzhausen auch mit ihm abgesprochen worden und auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin geschehen. Und dass nun aufgrund der neuen Zeit und alldem die Überschrift der Artikel und ein bißchen was vom Text, zusammen mit dem Namen der Ortschaft und dem allgegenwärtigen Namen des poetischen Druckwerks namens „Der arme Poet“ und natürlich auch an allen passenden und unpassenden Stellen der Name „Peter Z.“ magisch in die kleinen Schächtelchen hineintransportiert würde. Und das sei alles in Ordnung und müsse nun so.

Aha, sagte da der arme Poet des „armen Poeten“, ja, möglich sei es wohl, dass er davon schon gehört habe – aber so einfach ginge das ja nun nicht und Larry G. solle mal mit ins Haus der braven, armen sowie anständigen und rechtssicheren Witwe B. kommen und da sollten sie sich mal zusammen mit dem Dorfnotar über Beteiligungen unterhalten.

Und wären sie nicht gestorben, dann würde Peter Z. heute seine kleine armselige Schreibstube im Hause der immer noch braven Witwe B. (die dem Vernehmen nach auch die Mehrheitsbeteiligung an einer nicht näher genannten Druckerei hält) ein bißchen besser beheizen können gegen die grimme Winterkälte. So aber ist Peter Z. unbekannt verzogen und in der Fremde wohl elend hungers gestorben (wenn er nicht grad Chief Online Marketing geworden ist), durch das HausSpekulationsobjekt der mittlerweile angeblich komplett verarmten Witwe B. pfeift kalt der Wind und es gibt außer in den kleinen Schächtelchen, die den jungen, alten, kranken, lahmen, gesunden und siechen Leuten heute überall aus den Händen wachsen, nirgendwo mehr fein geschriebene und gesetzte Artikelchen aus Kleinkleckersdorf. Und Larry und Sergej Google sind daran schuld. Jawoll, so war das und so ist das auch.

Soweit also die Märchenfassung, die internationale, milliardenschwere Medienkonzerne vom Schlage Springer, Burda, Holtzbrinck, Bauer, Bertelsmann und vglb. (im Märchen und auch manchmal im wahren Leben als „arme Witwe B.“ angesprochen) als Musterfassung von jedem ihrer Verlagshochhäuser pfeifen.

Wie in beinahe jedem Märchen gibt es auch hier eine Art winzigen „wahren“ Anteil – nicht unbedingt faktischer, sondern eher moralischer, historischer oder politisch-gesellschaftlicher Natur. Wie zum Beispiel die von jedem nachvollziehbare Erfahrung, dass ein „neues“ Medium alteingeführten Medien aus einer Vielzahl von Gründen Märkte, Kunden und Umsätze entzieht. Wie ebenfalls bei beinahe jedem Märchen liegt auf dem winzigen Brosamen an „Wahrem“ allerdings auch hier ein Berg an – nett formuliert – Fiktion (und unnett formuliert: an handgreiflicher Lüge). Und dieser LügenFiktionsberg ist es, der das Gejammer der Verlagsseite so offensichtlich so unsäglich unerträglich macht.

Das fängt direkt und fundamental damit an, dass die Verlagsseite ausdrücklich bewußt lügt, sie könne den Netzaggregatoren die widerrechtliche Entnahme ihrer Inhalte nicht verwehren (klein und schwach und rechtlich ungeschützt wie sie ist). Das ist deshalb eine schlichte Lüge (=bewußt öffentlich vorgetragene Behauptung, die den Tatsachen nicht entspricht), weil von jeher für jede im Netz vorhandene Quelle sowohl im Detail (auf einer Webseite und für einzelne Teile von Webseiten) als auch im Plattformgesamt (also für eine gesamte Domain wie etwa eine Zeitungs-Webseite) dezidiert und genau vorschreibbar ist, was und welche „Dinge“ ein automatisierter Bot oder Crawler eines Indexdienstes wie Google darf und was nicht. Es wäre also beispielsweise ÜBERHAUPT KEIN PROBLEM, mit allereinfachsten Techniken (robots.txt oder .htaccess oder mithilfe von meta-Elementen) exakt zu steuern, was die Indexdienste von einer Zeitungsplattform aufnehmen / nutzen dürfen / sollen und was nicht. Wenn die Zeitungen keine „snippets“-Nutzung erlauben wollen, dann können und sollen sie gemäß den vorhandenen (uralten) Standards in ihrem html-Kode genau dies untersagen. Es gibt auf diesen Vorhalt hin außergewöhnlich lahme Gegenreden von Verlagsvertretern, die hier regelmäßig erneut lügen und behaupten, die „grossen“ Suchmaschinen würden sich an diese Richtlinien dann doch nicht halten – einen entsprechenden Beweis für Verstösse bleiben sie jedoch immer schuldig und diejenigen, die als Beispiele angeführt werden könnten und angeführt wurden, sind ausschließlich winzig(st)e, unbedeutende, trittbrettfahrende Aggregatoren, bei denen eine einzige Abmahnung das betreibende Scriptkiddie schon in den lebenslangen Ruin treiben würde. Für Google, Bing, Yahoo und derivate Ableger und sogar für die schlimmen Baidu-Chinesen (Baidu ist nutzerzahlmäßig mittlerweile „grösser“ als Google – was so ein paar Milliarden Mandarin-sprechende Nutzer so alles ausmacht ;-) ) gilt auf jeden Fall die strikte Regelbefolgung der Web-Standards in dieser Hinsicht.

Heißt: der Verantwortungsball hinsichtlich der Funktionalität der eigenen Webangebote liegt in der Spielfeldhälfte der Anbieter und nicht in derjenigen der Indexdienste. Und wenn die Verlegerseite über Jahrzehnte auf die Verlinkung und Indexierung mit hohem Ranking durch Indexdienste setzt (und das mit allen möglichen und vor allem unmöglichen SEO-Mitteln, die ihnen zum direkten Schaden der Benutzer zur Verfügung stehen), dann wären es wohl eher die Verlags-Webseiten, die den Indexdiensten etwas für die Zuführung von Lesernutzern zukommen lassen müßten als andersherum. Aber für die Verkehrung der Realitäten hat man ja die Technik des Märchenerzählens…

Was das eigentliche Ziel der Aktivitäten ist, zeigt das belgische Einigungsbeispiel. Die VG hat sich Ende 2012 mit Google daraufhin geeinigt, dass die diversen Google-Leistungen nun wieder auch die angeschlossenen Anbieter umfassen dürfen, wenn Google in einem unklaren/unbekannten Umfang eigene Werbung in den Blättern und Angeboten schaltet.

Um hier eine deutsche Hausnummer ungefähr zu benennen: Eine ganzseitige Anzeige in einem „Qualitätsblatt“ des „Qualitätsjournalismus“ liegt derzeit irgendwo bei 50.000 Euro – wenn man Daimler oder BMW heißt, kriegt man es wahrscheinlich auch für ein Fünftel davon, was solchen Bestbuyern aber nix hilft, weil sie ständig spammen meinen zu müssen. Bei den guten Belgiern, die schon immer wußten wie man einen schnellen Euro macht, ist es gewiss nicht billiger.

Wenn man sich nun daran erinnert, dass Google landauf, landab in jedem möglichen und unmöglichen Käseblatt anläßlich der Einbringung des „Leistungsschutzrechts“ in die parlamentarische Diskussion Anfang Dezember 2012 zwei Wochen lang ganzseitige Anzeigen schalten ließ, die Google als den Schutzgaranten der armen gequälten Nutzer hochjazzte, dann kann man neben der Übelkeit, die einen bei so viel Geheuchel zwangsläufig überkommen muß, auch abschätzen, dass mit dieser Aktion soviel Werbegeld verteilt wurde, dass es für 10 Jahre lang für alle deutschen Verlage reicht (wenn man die paar Groschen als Vergleichsansatz nimmt, die theoretisch dabei herumkommen würden, wenn das Leistungsschutzreicht wie eingebracht wirksam werden würde – und Google u. vglb. damit überhaupt zu packen wäre).

So also teilt man sich die nach Meinung der Verlagsgruppen zu Unrecht entgangenen Werbegelder wieder zu – durch Märchenerzählen. Und da behaupte noch jemand, Märchen könne man nicht mehr gescheit monetarisieren (außer ggf. durch permanentes zeitbezogenes „Neusprech“-Umschreiben – aber das ist ein anderes Märchen).

An sich gibts noch ein paar andere lustige Witzchen zu erzählen, aber diese Märchenstunde reicht erstmal.

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Blättertod 3 – Verlegers Märchenstunde

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