Breiviks “Sinn-Wahn” oder: Ja, Blogger sind Idioten

Auf diesem Blog werden auch asbachuralte Meinungsäußerungen eingestellt, die irgendwann mal irgendwo von mir hingepostet wurden. Der Grund dafür ist, dass solche Artikelzombies irgendwas enthalten, worauf sich der Blog insgesamt oder einzelne Artikel darin beziehen (könnten). Dieser Artikel wurde ursprünglich veröffentlicht als ein Blogtest-Artikel am 31.11.2011.

Nach Breiviks Tat in Norwegen, die 77 Menschen das Leben kostete, kam es natürlicherweise zum weltweiten Medienrummel. Alle Zeitungen schlagzeilten und kommentierten und mutmaßten und meinungsbildeten, was das redaktionelle Artikelerzeugungssystem nur immer hergab. Und natürlich ist ein Ende auch hierbei nicht abzusehen – ähnlich wie McVeigh oder Osama bin Laden mit ihrem Namen für bestimmte schreckliche Verbrechen stehen, wird auch Breivik in ähnlicher Form in Zukunft genannt werden. Dabei war von Beginn der Kommentierung an ein gewisser Zwiespalt der Meinungen festzustellen. Einerseits wurde allseitig darauf verwiesen, mit welcher Akribie und innerer Logik Breivik seine Tat vorbereitete und durchführte, was vor allem durch sein absichtsvolles “Manifest” belegbar ist, und andererseits stand von Anfang an im Raum, häufig im selben Artikel, sehr oft auch in den online-Kommentaren zu den Artikeln, dass ein Mensch, der ein solches Verhalten, Gehabe und Tun zeigt, auf gar keinen Fall “geistig gesund” sein kann. Der erste Fall, der geistige “Gesundheit” unterstellt, verurteilt natürlich die “rationale Monstrosität”, die der Täter zeigte, will ihm (dem Täter) aber absichtlich nicht die “Flucht” in eine Entschuldigungslandschaft der Krankheit oder Deformation erlauben. Der zweite Fall geht von einer Art Durschnittsbegriff “normalen” menschlichen Verhaltens aus, der zwar einen weiten möglichen Bereich von Verhaltensformen umfaßt, aber Extremverhalten – im Besonderen bei negativen Folgen für andere – aus dem Normalbereich ausschließt und in diesen Extremfällen “Verrücktheit” attestiert.

Auch der Anwalt Breiviks wird in der anstehenden Gerichtsverhandlung seine Verteidigung auf psychischer Dysfunktionalität aufbauen, so ließ er sich zumindest in der Woche nach der Tat öffentlich ein. Die Auseinandersetzung der Öffentlichkeit darüber, ob radikale Taten von Einzelnen (egal, ob es sich um Terroristen, Mörder aus rein kriminellen Beweggründen oder andere Formen radikalen Verhaltens von Einzelnen, die unter Umständen sogar als legitimiert betrachtet werden, handelt) als Krankheitsfolge betrachtet werden müssen oder im Einzelfall zu beurteilen sind, wird durch den Fall “Breivik” nicht enden. Eher wird der Fall eine Erneuerung dieser alten Diskussion bewirken.

Wie alt die Diskussion selbst im Kurzzeitbereich der Moderne ist, darauf weist zum Beispiel ein Artikel der FAS hin. Unter anderem wird darin verwiesen auf den aus dem allgemeinen Bewußtsein verdrängten Umstand, dass eine Tat wie diejenige Breiviks keineswegs solitär im politischen Kampfraum steht, sondern im Gegenteil in den politischen Auseinandersetzungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch und gerade in Europa nicht nur allgemein vorstellbar war, sondern es auch zahlreiche Beispiele für derartiges Tun sowohl in den Zeiten zwischen den Kriegen als auch als Tathandlungen von Einzelnen innerhalb der Kriegsszenarien gab. Der einzelne “Soziopath”, hier nicht als Krankheitsbegriff gemeint, sondern dem suspekten, aber damals zeitläufigen Begriff des nietzscheanischen “Übermenschen” angenähert, für den die “menschliche Sklavenmoral” suspendiert ist, weil sie für ihn, den Einen und Einzelnen (um auch eine historische Anlehnung an anarchistische Quellen einzubringen) gar nicht gelten kann, war zuzeiten bewunderter, gefürchteter und möglicher “Held” der Stunde. Zumindest unterstellt die FAS in ihrem Artikel, dass aus dem heutigen Bewußtsein diese Gattung des Täters (fälschlich) verschwunden und nicht mehr vorstellbar war. Dabei müßten wir die Figur historisch gut erinnern, schreibt Minkmair, denn H. Arendt und der im Artikel genannte israelische Psychiater Dan Bar-On hätten mit ausreichender Tiefe darauf verwiesen, dass “… der liebe Opa und Nachbar, der Freund auch ein Killer sein kann …”.

Ich selbst bin mir keineswegs sicher, ob der von der normalen menschlichen Moral suspendierte Einzelne aus dem allgemeinen Bewußtsein der westlichen Moderne so sehr verschwunden ist, dass eine Tat wie diejenige von Breivik nicht mehr im Bereich des Möglichen angesiedelt war. Im Grunde denke ich sogar, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Die zumindest meinem Gefühl nach anwachsende Verwirrung der aktuellen westlichen Welt nach Ende des Ost/West-Konflikts haben nach meinem Dafürhalten stattdessen solche Figuren wie Breivik sogar geschaffen. Und Breivik kommt nicht aus dem luftleeren, vorbildlosen Raum, sondern kann sich auf ganze Batterien von Role Models stützen. Er selbst zeigt das in seinem Manifest, in dem er sich (sehr typisch) wahllos aus Dutzenden von Schriften bekannter Autoren völlig zusammenhanglos bedient und andere haben gezeigt, wie sehr er sich und sein Denken aus dem Reservoir der diffusen “rechten” Veröffentlichungslage der Blogs und Netztiraden bedient und gestützt hat.

In diesem Zusammenhang interessant ist eine in den letzten Jahren gewonnene unvermeidliche Erkenntnis vieler Autoren, die häufig genug darauf mit Verblüffung, folgenlosem Kopfschütteln und/oder Mißachtung reagieren, über eine bestimmte Netzentwicklung, die vor allem seit den einfachen Veröffentlichungsmöglichkeiten von “Blogs” immer breiteren Raum einnimmt. Dabei geht es um eine alte und gut bekannte Tendenz, in öffentliche Netze vollkommen absurde Verschwörungstheorien immer wieder und wieder einzuspeisen und schon durch die schiere Menge und die gegenseitige Zitation absolut unsolider Quellen eine Art Anschein von Solidität zu erzielen. Wenn “früher” das usenet die beliebte, aber nur von wenigen verfolgte Plattform für diese Verbreitungsform war, dann sind es heute die Blogs von “Spinnern” aller Art, die ein Web of Untrust bilden. Obwohl nur eine bestimmte Art der Abseitigkeiten so bezeichnet wird, hat sich der Begriff “Truther” für verschwörungstheoretische Abseitigkeiten eingebürgert – denn das ist das besondere, eigenartige Merkmal aller dieser Blogs: im Gegensatz zu Erzählungen, die als solche gekennzeichnet sind, oder zu Tatsachenberichten, die nachprüfbar sind, enthalten die Webseiten der Absurdisten hauptsächlich einen Anspruch auf Wahrheit – sie verlangen von Lesern, dass ihr Inhalt eine (im Normalfall geheimgehaltene, aber durch den Autor ent- oder aufgedeckte) Wahrheit enthält. In diese merkwürdige Welt der “Wahrheiten” tauchen viele Menschen tagtäglich ab – obwohl sie sich andererseits darüber entrüsten würden, wenn man ihnen vorschlagen würde, stattdessen etwa katholische oder evangelische Glaubensüberzeugungen zu entwickeln, weil das doch deutlich rationeller und billiger zu haben wäre. Aus dieser Welt hat sich auch Anders Breivik bedient – und diese Welt ist für jeden Netznutzer nur immer ein, zwei Klicks entfernt.

Aber es gibt auch noch eine weitere, viel wirksamere Bilderwelt, aus der sich die Rolle des einzelnen Kämpfers für (irgendeine) Wahrheit schöpfen läßt. Mich hat es ausserordentlich gewundert, dass ein ziemlich offensichtliches Vorbild, dem Breivik hier klar gefolgt ist, in der öffentlichen Diskussion (oder in seinem Manifest) noch nicht erkannt und offengelegt wurde. Tatsächlich spielte Breivik einen Film nach und zwar mit ihm selbst als dem “bösen” Hauptakteur  – den Film “Se7en” (“Sieben”) von David Fincher. Und nicht nur das – das öffentliche Bewußtsein der Verwirrtheitsphase hat eine ganze Klasse von Filmen neu für sich entdeckt: die “Superhelden”-Filme. Das ist nicht zufällig so. Das Sujet des einzelnen (übermenschlichen=) Supermenschen, der den normalen Gesetzmäßigkeiten des Massenmenschen nicht unterliegt, korrespondiert auffällig mit den Sehnsüchten und Ängsten der Moderne – ähnlich wie die Themenlandschaft der Science-Fiction- und Fantasy-Filme der Fünfziger die “atomare Bedrohung” aufnahm, bricht sich heute die ins grenzenlose gesteigerte individuelle Autonomie-Erwartungshaltung zumindest fiktiv Bahn, weil sie im realen Massen-Alltag immer wieder neu als uneinlösbar erfahren wird.

“Truther” und Superhelden – das sind die zusammengehörenden fiktionalen Grundlagen, aus denen sich Vorbild im Westen schöpft. Und aus dem “nachgebaut” wird.

(Mehr zu Feststellungen zur Truther-Szene findet sich – natürlich! – in der Blogosphäre: z.B. auf “le bohémien” in einem im Mai veröffentlichten Artikel namens “Sind Blogger Idioten?” von Hanjo Henker, der auch im “Spiegelfechter” nachveröffentlicht wurde – hier vor allem wegen der Unzahl an Kommentaren mitgenannt)

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